Otfried Höffe: „Politik setzt auf betreutes Denken“

Baden-Baden/Tübingen (kli) – Der Philosoph Otfried Höffe, Mitglied des Corona-Expertenrats von NRW, im Interview über die Corona-Regeln, Vulnerabilität und seinen Wunsch nach Differenzierung.

„Man soll sich selbst schützen und Fremde nicht gefährden“, empfiehlt der Philosoph Otfried Höffe. Foto: Heike Schulz

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„Man soll sich selbst schützen und Fremde nicht gefährden“, empfiehlt der Philosoph Otfried Höffe. Foto: Heike Schulz

Kann die Philosophie einen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Pandemie leisten? Der Philosoph Otfried Höffe sagt: Ja. Höffe hat viele beachtete Bücher geschrieben, über Aristoteles und Kant, über Demokratie und Gerechtigkeit, über Freiheit und Ethik –und über die Kunst des Alterns. Der 77-Jährige lehrte bis zu seiner Emeritierung in Tübingen, wo er noch heute lebt. Im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink sagt er, Philosophie solle den Blick weiten. Was er damit meint, erläutert er an vielen Beispielen. Höffe ist auch Mitglied des Corona-Expertenrats bei NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.

BT: Herr Professor Höffe, im Mai haben Sie in einem Zeitungsessay gefordert, man hätte im Frühjahr 2020 mildere Einschnitte als den Lockdown machen sollen. Sie argumentierten damals mit der niedrigen Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Inzwischen sind oder waren die Intensivstationen weitaus mehr belastet. Haben Sie sich in Ihrer Einschätzung geirrt?
Otfried Höffe: Nein. Im Frühjahr 2020 waren die Intensivbetten nicht annähernd ausgelastet und am Ende des Jahres immer noch 15 Prozent der Betten unbelegt. Es gab außerdem noch eine Notreserve von 10.000 Betten. Von den Intensivpatienten wiederum war nur ein Viertel der Patienten „an oder mit“ Corona erkrankt, sodass es noch einen erheblichen Spielraum gab. Ohnehin gehört die Sorge um die Gesundheit nur zu einem der Freiheitsrechte und hat vor den anderen keinen absoluten Vorrang. Man hätte sich also freiheitlichere Lösungen überlegen dürfen.

Die Kultur im Lockdown: Otfried Höffe findet das schwer zu rechtfertigen. Symbolfoto: Jörg Carstensen/dpa

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Die Kultur im Lockdown: Otfried Höffe findet das schwer zu rechtfertigen. Symbolfoto: Jörg Carstensen/dpa

BT: Was missfällt Ihnen am Lockdown?
Höffe: „Lockdown“ ist ein Hammerwort. Man sollte eher mit dem Skalpell arbeiten. Warum werden mit dem Lockdown auch all diejenigen bestraft, die wie viele Geschäfte, Restaurants und Kultureinrichtungen sich streng an die Regeln gehalten hatten? Ob dort das Virus erheblich weitergetragen wurde, weiß man nicht und ist nicht sehr wahrscheinlich. Vermutlich sind es die sogenannten Kellerpartys, die weit eher zur Verbreitung des Virus beigetragen haben, nicht zuletzt Großhochzeiten, wie sie von einigen Gruppen gern gefeiert werden. Hier hätte man sehr viel früher gezielt ein- und durchgreifen müssen. Stattdessen nimmt man in Kauf, dass die Innenstädte veröden, die Kultur abstirbt und die nicht etwa bloß wirtschaftliche, sondern auch emotionale und soziale Belastung der Bürger enorm hoch ist. Lässt sich das wirklich verantworten?

„Politik setzt auf betreutes Denken“

BT: Was werfen Sie der Politik im Corona-Krisen-Management vor?
Höffe: Die Politik handelt zu angst-, sogar panikgetrieben, überdies schürt sie selber Angst und Panik, statt auch Zuversicht zu verbreiten. Die Politik setzt auf ein betreutes Denken, das sie im Namen der Fürsorge vertritt. Betreutes Denken ist aber weniger eine dem Staat obliegende Fürsorgeaufgabe als ein Übergriff in unseren legitimen Freiheitsraum. Der Staat behandelt uns mehr als zum Gehorsam verpflichtete Untertanen denn als mündige Bürger. Wir sollten stattdessen den Blick weiten. Pro Jahr fallen etwa 15.000 bis 20.000 Menschen Krankenhauskeimen zum Opfer, überdies sterben viele an Lungenkrankheiten. Auch dieser Art von Krankheiten werden wir nicht Herr.

BT: Dass das Corona-Virus zu mehr als 55.000 Todesfällen in Deutschland geführt hat, blenden Sie nicht aus?
Höffe: Nein, aber ärgerlich ist, dass es immer heißt: Die Menschen seien „an oder mit“ Covid-19 gestorben. Zwischen „an“ und „mit“ besteht aber ein erheblicher Unterschied. Bei Obduktionen, die vor einiger Zeit in Hamburg vorgenommen wurden, hat man festgestellt, dass nur ein sehr kleiner Teil tatsächlich „an“ Corona gestorben ist. Die „an und mit“-Zahlen bilden deshalb eine viel zu ungenaue Grundlage, um die vielen Freiheitseinschränkungen zu rechtfertigen.

BT: Warum ist aus Ihrer Sicht das Krisenmanagement der Regierung misslungen?
Höffe: Nehmen Sie das Beispiel Alten- und Pflegeheime. Diese müssen für Besucher Schnelltests durchführen, für die es ihnen aber an Personal fehlt. Nun hatten sich, hört man, rasch Hunderte und Aberhunderte Freiwillige gemeldet, um die Tests durchzuführen. Statt auf sie zurückzugreifen, selbstverständlich nicht pauschal, wurde eine bundeseinheitliche Lösung gefordert, hat man mit der Suche nach dieser Lösung etliche Wochen verstreichen lassen, polemisch gesagt: verschlafen, und setzt jetzt Soldaten ein, die kaum grundsätzlich besser als Freiwillige sind. Hier ist das Wort „Politikversagen“ nicht ganz unberechtigt.

Ein Mann sitzt in Stuttgart mit Abstand und einer FFP2-Maske in einer U-Bahn. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Ein Mann sitzt in Stuttgart mit Abstand und einer FFP2-Maske in einer U-Bahn. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

BT: Sie haben sich viel mit der Freiheit beschäftigt. Welche Corona-Regeln halten Sie mit unserer Freiheit vereinbar?
Höffe: Es gibt gar keinen Streit über die AHA-Regeln. Wer die in den drei Geboten Abstand, Hygienevorschriften und Atemmaske enthaltenen Einschränkungen der Freiheit anerkennt, praktiziert die wichtigste Verantwortung für die Gemeinschaft – und zugleich für sich selbst. Dass so gut wie jede darüber hinausgehende Freiheitseinschränkung unter vielen anderen auch soziale Abschottung und Vereinsamung befördert, darf bei der Frage nach der Verantwortung für die Gemeinschaft nicht unterschlagen werden.

BT: Wie steht es um den Zusammenhang von Menschenrechten und der Verantwortung für die Gemeinschaft?
Höffe: Bei den Menschenrechten kommt es auf eine Abwägung an, gewiss. Ich sehe jedoch die Gefahr, dass dem Recht auf Gesundheit, eigentlich nur auf ein gutes Gesundheitswesen, denn der Staat kann uns nicht vor allen Krankheiten und Unfällen schützen, dass diesem Recht der absolute Vorrang vor den anderen Grundfreiheiten zugebilligt wird. Dieses Vorrangsprinzip wird dem im Grundgesetz nachdrücklich vertretenen Freiheitsrechten nicht gerecht. Vergessen wir nicht, dass die Freiheitsrechte als Abwehrrechte gegen Übergriffe des Staates erkämpft worden sind. Heute hingegen gewinnt man den Eindruck, der Staat handele nach dem Prinzip: in dubio pro securiate, also im Zweifel für die Sicherheit, im Gegensatz zum Prinzip: in dubio pro libertate, für die Freiheit. Ohne Frage schließt die Freiheit die Sicherheit ein, so dass beide Prinzipien ein Recht haben; der Freiheit gebührt aber der sachliche Vorrang.

„Ohne den Gesetzgeber zustande gekommen“

BT: Läuft aus Ihrer Sicht nicht die Pandemie, sondern die Politik aus dem Ruder?
Höffe: In der Pandemie hat die Exekutive jedenfalls ein Übergewicht gegenüber der Legislative erhalten. Oder hat sie es sich nur genommen? Der Bundestag hat zwar gelegentlich Einspruch erhoben und wollte mitreden, aber im Grunde genommen sind die Lockdown-Regeln so gut wie ohne den Gesetzgeber zustande gekommen – und dann holzschnittartig, ohne sinnvolle Differenzierungen und mancherlei Flexibilität und auf zu geringer wissenschaftlicher Grundlage erlassen und durchgesetzt worden.

BT: Corona hat auch eine europäische Dimension. Wie sehen Sie die Rolle der EU?
Höffe: Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, dass in der Pandemiepolitik so gut wie alles von den Einzelstaaten beziehungsweise Nationalstaaten erlassen und entschieden wird, auf dem relativ kleinen Feld der Impfstoffbeschaffung hingegen rein europäisch gehandelt wird und dass es in Israel, aber nicht in der EU gelingt, sehr viele Bürger sehr rasch zu impfen. Ebenso wichtig ist, dass die enormen Finanzmittel, die von der EU zur Bewältigung der Corona-Krise freigegeben worden sind, auch zweckgebunden ausgegeben werden. Es darf sich nicht wiederholen, dass ein Land die für das Gesundheitswesen bestimmten Überweisungen nutzt, um die Rentenkasse zu füllen. Außerdem sollte weder Deutschland noch die Europäische Union zu viele Schulden anhäufen, die noch unsere Kinder und Enkel abzuzahlen haben. Hier drohen kräftige Verstöße gegen die Generationengerechtigkeit.

BT: Philosophen haben sich seit jeher mit Ethik und Moral befasst. Was sagen Sie: Was heißt moralisches Handeln in der Corona-Krise?
Höffe: Man soll sich selbst schützen und Fremde nicht gefährden, man soll anderen Leuten helfen und Einsame besuchen oder einladen – dies allerdings auch dürfen. Warum gibt es die Regel: „nur eine Person aus einem anderen Haushalt“, so dass man einen Alleinlebenden einladen darf, diese Person das Ehepaar aber nicht zurückladen darf? Das ist doch absurd; es widerspricht jeder menschlichen Vernunft.

Eine Lehrerin sitzt mit ihren drei Kindern im Wohnzimmer, unterrichtet ihre Schüler einer Berufsschule im Distanzunterricht und hilft ihren Kindern bei ihren Aufgaben für die Schule. Symbolfoto: Rolf Vennenbernd/dpa

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Eine Lehrerin sitzt mit ihren drei Kindern im Wohnzimmer, unterrichtet ihre Schüler einer Berufsschule im Distanzunterricht und hilft ihren Kindern bei ihren Aufgaben für die Schule. Symbolfoto: Rolf Vennenbernd/dpa

BT: Welche Aufgabe sehen Sie für die Philosophie in der Krise, was kann sie leisten?
Höffe: Philosophie soll den Blick weiten. Sie wendet sich gegen Engführungen und soll Widersprüche aufdecken, nicht zuletzt Begriffe klären. Nehmen wir den Begriff der Vulnerabilität, der nicht wirklich geklärt ist. Welche Personengruppen sind als vulnerabel einzuschätzen: lediglich die Älteren und Menschen mit einschlägigen Vorerkrankungen? Aus empirischen Untersuchungen weiß man, dass viele Ältere über mehr Resilienz, also Widerstandsfähigkeit und Gelassenheit, verfügen. Denn sie haben einen beträchtlichen Teil ihres Lebens schon gelebt, sind überdies häufig finanziell gut situiert und sozial gut vernetzt. Auf viele Jüngere trifft das nicht zu. Ihre wirtschaftliche Situation ist häufig noch unsicher, eine eventuell gewünschte Karriere gefährdet. Manchem Loblied auf das Homeoffice zum Trotz haben sie einige Schwierigkeiten damit, die sich steigern, wenn sie unter beengten Wohnverhältnissen das Homeschooling ihrer kleineren Kinder mitorganisieren müssen und diesen die lebensnotwendigen Sozialkontakte fehlen. Die daraus resultierenden wahrhaft existenziellen Belastungen wiegen so schwer, dass man sich fragen darf, ob ein Teil dieser Personengruppen nicht ebenso als vulnerabel einzuschätzen ist.

BT: Sie gehören dem Corona-Expertenrat in Nordrhein-Westfalen an. Wie muss man sich die Beratungen vorstellen?
Höffe: Ministerpräsident Armin Laschet ist ein angenehmer Diskussionsleiter; er ist gut vorbereitet, lässt die Leute ausreden und kann einen Stand der Diskussion gut zusammenfassen. Der Expertenrat ist erfreulich interdisziplinär zusammengesetzt, wobei es meines Erachtens nicht schadet, dass außer den verschiedenen Fachkenntnissen auch unterschiedliche Einstellungen vertreten sind. Ich gehöre zu den Mitgliedern, die Freiheit und Zuversicht etwas stärker betonen.

„Sie könnten etwas findiger werden“

BT: Was vermissen Sie persönlich am meisten während der Corona-Krise?
Höffe: Persönlich wünsche ich für unsere Enkel, dass ihnen endlich wieder der normale Schulbesuch erlaubt wird. Für meine Frau und mich vermisse ich Theater-, Konzert- und Museenbesuche, die vor Weihnachten unter den bekannten strengen Bedingungen noch erlaubt waren und keineswegs nachweisbar zu auffallend vielen Covid-19-Ansteckungen geführt haben. Dass die Theater, Konzert- und Opernhäuser, auch die Museen, obwohl sie die Vorgaben penibel erfüllt haben, geschlossen wurden und bleiben, ist schwer zu rechtfertigen. Da und dort könnten die Kulturveranstalter vielleicht auch findiger werden. Im Rahmen der Religionsfreiheit ist doch Musik in Kirchen erlaubt, wenn auch kein Gemeindegesang. Dürfte man also Konzerte in Kirchen aufführen, wenn vorher oder nachher ein Ave Maria oder ein Vaterunser gebetet wird?

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