Ottersdorf: Frust und Hoffnungsschimmer

Rastatt dm) – 50 Jahre nach der Eingemeindung zu Rastatt fällt die Bilanz in Ottersdorf gemischt aus. Teil 2 der neuen BT-Serie.

Entwicklungspotenzial sieht man in Ottersdorf auf dem Areal beim Gemeindehaus. Foto: Frank Vetter

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Entwicklungspotenzial sieht man in Ottersdorf auf dem Areal beim Gemeindehaus. Foto: Frank Vetter

Keine Frage: Da hat sich Frust aufgestaut. Als Ottersdorfs Ortsvorsteher Stefan Lott jüngst verkünden ließ, dass sich nach 50 Jahren Eingemeindung nach Rastatt die damaligen Versprechen für den künftigen Riedstadtteil alle in Luft aufgelöst, aber die Einwohner an den Auswirkungen noch lange zu knabbern hätten, da bahnte sich dieser Frust offensichtlich Bahn. Vor allem in der Vergangenheit liegt dieser begründet, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt. Inzwischen gebe es auch Hoffnungsschimmer für die Dorfentwicklung, man sei gar auf einem „guten Weg“.
Eingeschnürt in seinen Möglichkeiten sieht man sich infolge der Ansiedlung des Mercedes-Benz-Werks, für die Rastatt einst Ottersdorfer Gemarkung benötigt habe. Doch der Ort, für den 1972 das erste Jahr als Rastatter Stadtteil begann, musste dafür Opfer bringen: Rund herum sei zum Ausgleich für die Ansiedlung Landschafts- und Naturschutzgebiet ausgewiesen worden. Nach dem ab dem Jahr 2001 erschlossenen Muhrwinkel habe man aktuell „keine Möglichkeiten für Neubaugebiete mehr“, stellt Lott fest – während selbstständige Gemeinden im Umland Gewerbesteuer von ansässigen Firmen selbst kassieren und, überspitzt formuliert, „tun können, was sie wollen“, wenn es etwa um neue Wohngebiete geht. Im Ried wiederum spiegele sich aktuell selbst in der Frage, wo künftig ein neues Sportareal für einen gemeinsamen Fußballverein entstehen könne, das auferlegte Korsett wider.

So viel zu den Auswirkungen. Und die nicht eingehaltenen Versprechen? Realschule, Hallenbad, große Sporthalle – solche Dinge seien auf der Liste gestanden, mit der die Rastatter die Eingemeindung versüßen wollten, rekapituliert Lott. Die Bevölkerung war skeptisch, votierte bei einer Befragung im August 1971 mit 62 Prozent dagegen, doch nicht nur der Rastatter, sondern auch der Ottersdorfer Gemeinderat stimmte im September dafür. „Und was haben wir gekriegt an großen Investitionen?“, fragt Lott und antwortet: „Nichts.“ Selbst für die neue, 2019 endlich fertiggestellte Schulsportanlage habe man 20 Jahre gekämpft.

Froh über neuen Supermarkt

Das Beispiel zeigt indes auch, dass in jüngerer Vergangenheit einiges in Bewegung gekommen ist. 2017 wurden die Dorfentwicklungspläne verabschiedet, die Pflöcke in die künftige Entwicklung der fünf Stadtteile einschlagen sollten. Da habe sich OB Hans Jürgen Pütsch sehr dafür eingesetzt, sagt der Ottersdorfer Ortsvorsteher. Ganz oben auf der darin enthaltenen Wunschliste: Ein neuer Einzelhandelsstandort und die Erweiterung des Gewerbegebiets am östlichen Ortseingang. Beides ist inzwischen tatsächlich auf den Weg gebracht. Da mache man schon viele Jahre dran herum, er sei „froh, dass es nun klappt“, so Lott. Wie berichtet, will das Edeka-Tochterunternehmen Netto einen Lebensmittelmarkt samt Bäckereiverkauf mit insgesamt 1.110 Quadratmetern Verkaufsfläche errichten.

Als eines der nächsten Projekte, die man nun angehen müsse, nennt der Ortsvorsteher die Fertigstellung des ebenfalls im Dorfentwicklungsplan skizzierten Bildungszentrums mit Erweiterung der Grundschule im Westen des Orts. Nächstes Jahr soll die Machbarkeitsstudie dazu folgen.

Weiterhin gebe es Bedarf an Bauplätzen, weil viel Nachwuchs im Ort bleiben will, wie Lott sagt. Angesichts der knappen Ressourcen bleibe da im Prinzip nur die Innenverdichtung. Die wiederum soll durch den städtebaulichen Entwicklungsplan geregelt werden, der diesen Januar zur Verabschiedung im Gemeinderat ansteht. Baulücken sollen geschlossen, dabei aber Gebäudedimensionen, die nicht zum Dorfcharakter passen, verhindert werden. Die Gefahr: Wenn schon, ein „Riesenblock“ da steht, könnten andere folgen. Der Ortskern soll entsprechend geschützt werden. Nachverdichtungspotenzial sieht man zudem im Bereich Nordstraße, Wald-, Friedhof-, West- und Luisenstraße, im Streibelgrund – sowie auf dem Sportplatzgelände. Das aber hängt wiederum daran, ob eine Neuordnung mit einer Fusion der Rieder Vereine gelingt.

Als wichtige Innenentwicklungsfläche gilt das Grundstück des Gemeindezentrums und des Pfarrhauses. Dort könnte, so heißt es im Entwicklungsplan-Entwurf, bei Verkaufsinteresse der Kirche eine größere Freifläche in Kombination mit öffentlichen Nutzungen und Wohnungsbau entstehen.

Über allem steht natürlich die Frage der Finanzierung. Lott verweist auf die Pflichtaufgaben der Großen Kreisstadt und auf Vorhaben wie Kombibad oder Landesgartenschau. Das alles braucht Geld, bindet Ressourcen. Da ist sie wieder, die städtische Klammer. So bleibt es für den Ortsvorsteher auch künftig eine Notwendigkeit, dass eine Vertretung des Ortsteils im Gemeinderat gesichert ist und ein Gremium wie der Ortschaftsrat die Themen des Dorfs im Blick behält.

Auf die Frage, ob er Ottersdorfer oder Rastatter sei, antwortete der Ortsvorsteher – 50 Jahre Eingemeindung hin oder her – schnell: „Ich bin original Ottersdorfer.“ Die Eltern und Großeltern aus Ottersdorf, er selbst sogar in Ottersdorf geboren: „Echter geht es nicht.“


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