Ottmar Hörls 100 goldene „Europas“ in Rust

Rust (cl) – Ottmar Hörls goldene „Europa“ auf der Sternenkugel steht 100-fach in Rust. „Europa ist immer noch eine avantgardistische Idee“, sagt der Künstler. Serielle Arbeiten sind seine Spezialität.

Alles in Serie: Der bekannte Konzeptkünstler Ottmar Hörl mit seiner „Europa“ im Schlosspark Balthasar.  Foto: Europa-Park Rust

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Alles in Serie: Der bekannte Konzeptkünstler Ottmar Hörl mit seiner „Europa“ im Schlosspark Balthasar. Foto: Europa-Park Rust

Ottmar Hörl ist Konzeptkünstler, und entsprechend seines erweiterten Kunstbegriffs soll die Skulptur ein Teil der Gesellschaft sein. Hörls an der Alltagskultur orientierten Werke sollen festgefahrene Konventionen aufbrechen. Der in Wertheim lebende Künstler nimmt industriell gefertigte Werkstoffe für seine seriellen Arbeiten – den Anspruch des schöpferisch Originalen hat er nicht. Goethe-Figuren platzierte er in Frankfurt, Hölderline in Tübingen und Hunderte kleiner Beethoven-Männchen 2020 zum Jubiläumsjahr des Komponisten auf dem Bonner Münsterplatz.

Jetzt hat der Künstler 100 goldene „Europa“-Kleinplastiken im Europapark in Rust aufgestellt. Anlass ist der 100. Geburtstag des Europa-Park-Gründers Franz Mack in diesem Jahr. Die Platz-Installation ist bis Ende Oktober im Historischen Schlosspark Balthasar zu sehen. Hinter Hörls gestalterischer Idee steckt die Instabilität der Europäischen Gemeinschaft: Seine Stehauffigur, die in einem aufwendigen Prozess aus einer Hohlraumskulptur in Kunststoff mit abgerundeter Unterseite gestaltet wurde, lässt sich von Niederlagen und Misserfolgen nicht beeindrucken. In Psychologen-Sprache übersetzt besitzt die Europa Resilienz.

Der griechischen Mythologie zufolge wird die phönizische Königstochter Europa von Zeus in Gestalt eines Stiers auf seinem Rücken entführt – und später nach der Rückverwandlung des Zeus von ihm verführt. Hörls Europa tritt ohne Stier auf. Anmutig und von faltenreichem Gewand umhüllt erinnert sie an eine Madonnenfigur, an eine Maria Immaculata, die der christlichen Ikonografie zufolge als Siegerin über die weltliche Sünde auf einer Weltkugel steht.

Statt einer Mondsichel auf dem Haupt wie Maria trägt Hörls modern interpretierte Frauenfigur einen Stern in den Händen, der vielleicht ein Glücksstern ist, ihr Rocksaum ist umkränzt von Sternen wie die Europaflagge. „Europa ist immer noch eine avantgardistische Idee. Im Zeitlauf der Geschichte ist Europa ja erst am Wachsen. Karl der Große war schon vor über 1.000 Jahren ein großer Europäer. Wir sehen am Brexit, wie schnell Ideologie dazu führt, das Nationalstaatliche in den Vordergrund zu stellen“, interpretiert Ottmar Hörl seine Skulptur in Rust.

Serien spiegeln Konsumindustrie

Hinter dem seriellen Programm Hörls steckt eine gewisse Tiefgründigkeit. Die Arbeiten in Serien aus Kunststoff spiegeln die Konsumindustrie selbst, ein Strukturelement unserer Gesellschaft. Er stilisiert das Alltägliche zur Kunst und arbeitet mit Dingen, die üblicherweise nicht kunstwürdig sind: mit Legosteinen etwa. In seinen Wand- und Bodenarbeiten gestaltet er die Grundfläche des Quadrats, als eine Urform der traditionellen Malerei, der Hochkunst, mit Alltagsgegenständen wie diversen Besen und färbt sie bunt ein wie die Farbfeldmalerei.

Der 1950 in Nauheim geborene Konzeptkünstler und Bildhauer legt immer wieder neue Serien von Kunststofffiguren auf: auch eine Euro-Skulptur in Frankfurt gehört dazu. Einen orangefarbenen Dürer-Hasen hat er schon in Großserien im öffentlichen Raum aufgereiht, regelmäßig sieht man seine bunten Gartenzwerge in Serie auch auf der Art Karlsruhe.

Im schweizerischen Bad Ragaz bespielt er gerade den öffentlichen Raum mit einer spektakulären Aktion: Ein roter VW Golf steckt kopfüber in einem riesigen Abfallkorb – und das mitten im Park. „Schlamassel“ nennt sich die aufsehenerregende Skulptur Hörls, die im Rahmen der Triennale Bad RagARTz bis Ende Oktober zu sehen ist. Die Freiheit, in vielen Medien zu Hause zu sein, hat sich Hörl immer genommen.

Aus der Biografie des Künstlers ergeben sich Zusammenhänge: Nach einem Maschinenbau-Studium hat Hörl Ende der 1970er Jahre an der Frankfurter Städelschule Kunst studiert, danach folgten drei Jahre an der Akademie in Düsseldorf bei Klaus Rinke. Mit Rinke, der 1969 in einer spektakulären Aktion das Wasser aus der Oos in die Kunsthalle Baden-Baden pumpte als ein Ausdruck neuer sprudelnder Lebendigkeit in einem Museum, verbindet Hörl die Universalität, immer neue Skulpturen- und Installationskonzepte zu entwickeln und zu bauen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
19. August 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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