Pandemie-Plan in der Schublade

Rheinau (bru) – Das Coronavirus breitet sich weltweit immer stärker aus, auch in Deutschland nehmen die Fallzahlen rasant zu. Große Unsicherheit herrscht bei Unternehmen in Rheinau mit traditionell hohem Mitarbeiteranteil aus dem Elsass. Der Grund: In dem französischen Grenzgebiet registrieren die Behörden derzeit besonders viele neue Fälle.

Bei der Zimmer Group in Freistett bleiben alle Mitarbeiter aus dem Elsass vorsorglich zu Hause. Archivfoto: Bruder

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Bei der Zimmer Group in Freistett bleiben alle Mitarbeiter aus dem Elsass vorsorglich zu Hause. Archivfoto: Bruder

Derzeit liegt es in der Verantwortung der Unternehmen, ob sie ihre Elsässer Mitarbeiter nach Hause schicken – was die Entscheidung aber nicht einfacher macht.

„Bisher haben wir die pauschale Empfehlung des Offenburger Gesundheitsamtes nicht umgesetzt, da unsere Grenzgänger ausschließlich aus dem Département Bas-Rhin kommen, welches bis dato deutlich weniger betroffen ist als Haut-Rhin“, teilte der Linxer Fertighausbauer Weber-Haus in der vergangenen Woche auf Anfrage mit. Man stehe mit anderen Unternehmen im Austausch, um die Erfahrungen und Einschätzungen zu bewerten, heißt es. Am Ende müsse aber jedes Unternehmen für sich die Sachlage bewerten. „Bei uns agieren wir so, dass wir gegebenenfalls jeden Einzelfall prüfen, ob gesonderte Maßnahmen notwendig sind. Dies bewerten wir täglich neu.“ Weber-Haus, wo 38 der insgesamt 1224 Mitarbeiter aus dem Elsass kommen, prüft derzeit intensiv, wie mögliche Quarantäne-Fälle sich in den einzelnen Bereichen auswirken könnten. „Wir können hier nur bereichsabhängig denken, da die Anforderungen sich teilweise deutlich unterscheiden. Vorbereitungen für eventuell notwendige Heimarbeit haben wir schon umgesetzt.“

Pandemie-Plan in der Schublade

An seinen Standorten in Linx und Wenden-Hünsborn (Sauerland) hat das Unternehmen eine Arbeitsgruppe aus Geschäfts- beziehungsweise Werksleitung und Betriebsrat eingerichtet, um die aktuellen Ereignisse und Entwicklungen zu bewerten und gegebenenfalls Maßnahmen festzulegen. „Bis auf Weiteres werden wir täglich aufs Neue die Situation besprechen und bedarfsorientiert die Belegschaft informieren. Darüber hinaus haben wir einen Pandemie-Plan in der Schublade, der bisher aber noch keine tatsächliche Anwendung erfahren hat“, heißt es bei Weber-Haus.

„Spätestens seit den Empfehlungen unseres Landrats zu Covid-19 war klar, dass wir hier in der Ortenau eine besondere Lage bekommen werden. Wir haben deshalb ein Arbeitsteam zusammengestellt, welches sich dem Infektionsschutz intensivst widmet und in engem Kontakt mit den Behörden die Situation täglich neu bewertet“, erklärt Geschäftsführer Günther Zimmer von der Freistetter Zimmer Group. In seinem Unternehmen arbeiten 75 Mitarbeiter aus dem Elsass. „Da wir uns strikt an die Vorgaben beziehungsweise Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) halten, lassen wir seit Donnerstag die Mitarbeiter aus dem Elsass zu Hause“, so Zimmer. Die betroffenen Mitarbeiter würden über weitere Entwicklungen laufend informiert. Allerdings gibt es auch deutsche Mitarbeiter, die vorsorglich für 14 Tage zu Hause bleiben. „Diese waren zuvor mit potenziell infizierten Personen in Kontakt beziehungsweise in Risikogebieten entsprechend der Erklärung des RKI unterwegs“, sagt Zimmer.

Zu den bei Zimmer getroffenen Schutzmaßnahmen gehören Verhaltens- und Hygieneanweisungen an Mitarbeiter, Lieferanten und Besucher. Redundanz zu schaffen und das Ansteckungsrisiko im Unternehmen zu minimieren, spiele dabei die zentrale Rolle. Dazu gehören gesplittete Schichtmodelle und Arbeitszeiten sowie die Schaffung von zusätzlichen Heimarbeitsplätzen. Weiterhin wurde vorsorglich das Betriebsrestaurant vorerst geschlossen. „Wir haben zudem eine täglich stattfindende Management-Runde zu diesem Thema eingerichtet, um auf die sich schnell verändernde Situation schnell und angemessen zu reagieren“, erklärt Günther Zimmer.

Regressforderunge befürchtet

Bei der Freistetter Firma Klotter Elektrotechnik GmbH stammt ein Viertel der rund 80 Mitarbeiter aus dem Elsass. Könnten oder dürften sie nicht mehr über die Grenze pendeln, würde das seinen Betrieb empfindlich stören, so Geschäftsführer Werner Klotter. „Wenn wir unsere französischen Mitarbeiter heimschicken, können wir unsere Kundenprojekte nicht mehr realisieren“, sagt er.

Dass die Behörden lediglich eine Empfehlung aussprechen, nicht aber eine Anordnung, die dann auch für entsprechende Rechtssicherheit sorgen würde, stört den Geschäftsführer besonders. Er fürchtet Regressforderungen, wenn sein Betrieb eventuell Verträge nicht wie vorgesehen abwickeln könne. Zwar könnten einzelne Mitarbeiter aus der Verwaltung in begrenztem Umfang von zu Hause arbeiten, für den Großteil der Mitarbeiter in der Werkstatt oder beim Kunden vor Ort ist das Homeoffice aber keine Option. Unabhängig davon trifft man auch bei Klotter Vorkehrungen gegen das Coronavirus: Händeschütteln ist tabu, Desinfektion das Gebot der Stunde. Und mehr noch: „Wir halten derzeit firmenintern möglichst wenige Besprechungen ab und setzen stattdessen verstärkt auf Team-Meetings am Computer“, erklärt Klotter. Auswirkungen auf seinen Betrieb sieht er bereits jetzt: Angesichts von Lieferproblemen in Italien, wo die Viruserkrankung besonders heftig wütet und das Land fast komplett stillgelegt hat, sei die Realisierung einzelner Projekte temporär gefährdet.

Ihr Autor

Stefan Bruder

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Erstellt:
16. März 2020, 14:00 Uhr
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