Panikverkäufe der Grenke-Aktie

Baden-Baden (vo) – Nachdem am Dienstag massive Vorwürfe gegen die Grenke AG laut geworden waren und der Kurs der Aktie daraufhin abgestürzt war, verkauften die Investoren erneut im großen Stil.

Bleibt in aller Munde: Die Grenke AG, hier ein Blick auf die Zentrale in Baden-Baden, wehrt sich gegen massive Vorwürfe. Foto: Uli Deck/dpa

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Bleibt in aller Munde: Die Grenke AG, hier ein Blick auf die Zentrale in Baden-Baden, wehrt sich gegen massive Vorwürfe. Foto: Uli Deck/dpa

Das Dementi kam prompt, doch so richtig beruhigt hat es die Lage bei der Grenke AG am Mittwoch nicht. Im Gegenteil: Nachdem tags zuvor massive Vorwürfe gegen den Finanzdienstleister laut geworden waren und der Kurs der Aktie daraufhin abgestürzt war, traten die Investoren auch am Mittwoch panikartig die Flucht nach vorne an und verkauften erneut im großen Stil. Teilweise betrug das Minus mehr als 42 Prozent. Am Abend notierte die Aktie in Frankfurt schließlich bei 27,40 Euro (minus 38 Prozent).
Ausgelöst durch den Researchdienst Viceroy Research des britischen Spekulanten Fraser Perring, der Grenke unter anderem Bilanzfälschung und Geldwäsche vorwirft (wir berichteten), durchlebt das Unternehmen seit Dienstag erhebliche Turbulenzen. Die Aktiengesellschaft reagierte mit einer ersten Stellungnahme und wies die Vorwürfe „aufs Schärfste“ zurück. Gleichzeitig versuchte Grenke den Hauptvorwurf zu entkräften, dass die im Halbjahresfinanzbericht ausgewiesenen liquiden Mittel von 1,078 Milliarden Euro nicht existierten. Dies sei nachweislich falsch, teilte das Unternehmen mit, zum Stichtag 30. Juni hätten 849 Millionen Euro bei der Bundesbank gelagert, zum Stichtag am Mittwoch seien es 761 Millionen Euro gewesen. Die Bundesbank äußerte sich am Mittwoch dazu nicht. Grenke selbst kündigte an, sich in den kommenden Tagen detailliert zu den Vorwürfen äußern zu wollen. Auch behalte man sich rechtliche Schritte vor.

Ob an den Anschuldigungen von Viceroy Reserarch etwas dran ist, werden die von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin) aufgenommenen Ermittlungen zeigen. Fakt ist: Grenke hat bereits erheblichen Schaden genommen. Seit Montagabend hat sich der Aktienkurs mehr als halbiert – und damit auch die Marktkapitalisierung auf aktuell etwa 1,2 Milliarden Euro. Die Familie des Gründers hält nach wie vor 40,79 Prozent der Anteile an der Aktiengesellschaft über die Grenke Beteiligung GmbH & Co. KG. Der Rest befindet sich in Streubesitz, zu den größeren Investoren gehören Fondsgesellschaften wie die Allianz Global Investor GmbH (3,06 Prozent) und die Union Privatfonds GmbH (3,17 Prozent).

Analysten, die das Unternehmen Grenke schon über längere Zeit hinweg begleiten, sprechen wie Marius Fuhrberg von Warburg Invest von einer Attacke der US-Investorengruppe, die vom Zeitpunkt her perfekt und gut vorbereitet gewesen sei. Auch wenn sich einige der Anschuldigungen kaum beweisen lassen dürften, müsse das Unternehmen vieles klar stellen, was kurzfristig kaum möglich sein dürfte, schreibt Fuhrberg in einer am Mittwoch vorgestellten Studie. Es sei nicht zu leugnen, dass sowohl die Unternehmensstruktur als auch die Bilanz komplex und verwirrend erscheine, so Fuhrberg. Der Experte bleibt aber vorerst bei seinem Kaufvotum mit einem Kursziel von 99 Euro für das Papier – solange es noch keine Klärung gebe.

Grenke ist durchaus eine Erfolgsgeschichte: Am 1. Januar 2003 war die Grenke AG zunächst im Prime Standard zugelassen worden. Ab dem 11. Februar 2003 war sie dann Mitglied im S-DAX (Small DAX) gelistet. Der Emissionspreis lag vor dem ersten Handelstag am 4. April 2003 umgerechnet bei 19 Euro. Anschließend kannte der Kurs der Aktie nur eine Richtung – nach oben. Mit ihrem Höchststand bei knapp 104 Euro im Februar deses Jahres hatte sie ein Plus von rund 1.500 Prozent erreicht. Sollte die jetzige Talfahrt allerdings anhalten, ist auch die Notierung im M-DAX der mittelgroßen deutschen Unternehmen in Gefahr. Dorthin war der Konzern im Juni 2019 aufgestiegen. Seither spielen die Baden-Badener seither in einer Liga mit so bekannten Unternehmen wie der Lufthansa, Airbus oder der Commerzbank.

Bereits im vergangenen Jahr war die Grenke AG ins Visier der Bafin geraten. Damals gab es Ermittlungen gegen ein Aufsichtsratsmitglied wegen des Verdachts des Insiderhandels. Das Unternehmen selbst hatte mit einer Pflichtmitteilung an die Börse den Stein ins Rollen gebracht. Das Aufsichtsratsmitglied trat in der Folge zurück.

Der Finanzdienstleister war 1978 von Wolfgang Grenke als Leasinganbieter für Bürogeräte gegründet worden. Inzwischen hat die Grenke-Gruppe über eine eigene Bank auch Finanzdienstleistungen und Forderungsmanagement für kleine und mittelständische Unternehmen im Portfolio. Wolfgang Grenke hat 2018 die operative Führung abgegeben und ist in den Aufsichtsrat gewechselt. Er genießt über die Region hinaus einen hervorragenden Ruf, ist Präsident der IHK Karlsruhe, des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages und Vizepräsident der europäischen Organisation Eurochambres. Nebenbei engagiert sich der 69-Jährige als Förderer und Sponsor für Kultur und Sport. Er ist Schachfan und zudem Aufsichtsratschef bei der KSC GmbH.


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