Pannen und Skandale beim Super Bowl

Baden-Baden (mi) – Der Super Bowl ist der heiligste US-Sporttag. Vor dem sportlichen Höhepunkt ist auch die Halbzeitshow stets ein Spektakel. Dabei hat es schon einige Pannen und Skandale gegeben.

Popsänger Justin Timberlake reißt seiner Duett-Partnerin Janet Jackson bei einer Pauseneinlage des Super Bowls 2004 in Houston/Texas das Oberteil ab. Foto: Rhona Wise/dpa

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Popsänger Justin Timberlake reißt seiner Duett-Partnerin Janet Jackson bei einer Pauseneinlage des Super Bowls 2004 in Houston/Texas das Oberteil ab. Foto: Rhona Wise/dpa

In zehn Tagen herrscht wieder Ausnahmezustand in Amerika, und das hat zur Abwechslung nichts mit Corona zu tun. Gerade in schweren Zeiten ist es für mehr als 150 Millionen US-Fans, die jedes Jahr beim Super Bowl den Fernseher einschalten, eine Wonne, zur Abwechslung möglichst viele Touchdowns statt kon-stant hohe Todeszahlen präsentiert zu bekommen. Weltweit werden rund eine Milliarde Menschen das Football-Spektakel in Tampa zwischen den gastgebenden Buccaneers und Titelverteidiger Kansas City Chiefs verfolgen.

Erstmals überhaupt wird beim ultimativen Showdown das Stadion nicht ausverkauft sein – und dann wären wir doch wieder bei der Pandemie, die nirgendwo sonst so heftig wütet wie in den USA. Doch in der Vergangenheit gab es am heiligsten Sporttag des Jahres in den Vereinigten Staaten noch ganz andere Probleme und Skandale, wie ein Streifzug durch die Vergangenheit belegt.

Vor zehn Jahren wurde Sängerin Christina Aguilera die große Ehre zuteil, die Nationalhymne vor dem Super Bowl zu trällern. Die Popsängerin trug sie dem Anlass gemäß inbrünstig mit hohen Tönen an den richtigen Stellen vor, und doch mokierten sich stolze Patrioten über den Vortrag, da Aguilera es nicht so genau mit dem Text nahm, zudem einen Vers ausließ. Zum Glück war damals Donald Trump noch nicht im Amt. Die Künstlerin hätte mit der Zwangsausweisung rechnen müssen, im Netz wurde sie mit Hohn und Spott übergossen. Aguilera entschuldigte sich und begründete den Fauxpas mit ihrer Aufregung, dass sie alles um sich herum vergessen habe. „Ich kann nur hoffen, dass die Zuschauer die Liebe zu meinem Heimatland spüren konnten, und der Geist der Nationalhymne trotzdem deutlich geworden ist.“

Ein Jahr später sorgte erneut eine Sängerin für Ärger. Rapperin M.I.A tobte in der Halbzeitshow über die Bühne und streckte dem staunenden Publikum plötzlich den ausgestreckten Mittelfinger entgegen. Dies kommt im US-Alltag gar nicht so selten vor, indes ist es vor laufenden Kameras bei einem Massenevent ein No-Go.

Stromversorgung bricht zusammen

Wiederum ein Jahr später gingen im riesigen Superdome von New Orleans in der zweiten Halbzeit plötzlich die Lichter aus. Die Stromversorgung war im Herzen von Big Easy zusammengebrochen, mehr als eine halbe Stunde lang warteten die Profis auf ihren Einsatz, nie waren die Cheerleader als ablenkender Blickfang wichtiger. Der Hurrikan Katrina, der die ganze Stadt verwüstet, in Schutt und Asche gelegt hatte, machte indes deutlich, dass es Schlimmeres im Leben als eine Spielunterbrechung gibt.

Als wäre es 2009 aufgrund tropischer Temperaturen in Tucson/Arizona und einer spannenden Schlussphase nicht schon heiß genug gewesen, sahen rund 100000 lokale TV-Zuschauer für 30 Sekunden auf einmal Porno statt Gefummel ums ovale Ei auf dem Rasen. Eine Verwechslung der Kabelsignale wurde später als Grund für die hochnotpeinliche Panne genannt. Tausende läuteten in dem Land, in dem die Erotikbranche sonst Hochkonjunktur hat, Sturm beim ausrichtenden Sender.

Ähnlich gelagert, aber fast schon einer Staatsaffäre im Stil von „Watergate“ ähnelte das, was am 1. Februar 2004 im texanischen Houston als „Nipplegate“ in die Geschichte eingehen sollte. Erneut stand eine Pop-Queen im Mittelpunkt, doch den eigentlichen Skandal löste das damalige Teenie-Idol Justin Timberlake aus, der beim Halbzeit-Duett mit Janet Jackson zum lüsternen Aufreißer mutierte. Der Bruchteil einer Sekunde machte beide berühmter als sämtliche von ihnen erschienenen Alben.

Als Jackson beim – perfekt betitelten – Song „Rock your Body“ die Hüften lasziv kreisen ließ, er die letzte Songzeile „I’m gonna have you naked by the End of this Song“ („Gleich stehst du nackt vor mir“) symbolisch vorauseilend zum Besten gab, griff Timberlake passgenau wie Chiefs-Star-Quarterback Patrick Mahomes an ihr Lederkostüm – und schwupps ploppte Jacksons schmuckbehangene rechte Brust aus dem nietenbesetzten Mieder – protzig dekoriert mit einem glitzernden Silberstern passend zum US-Sternenbanner.

Hunderttausendfach hagelte es zur Primetime entrüstete Anrufe und danach Beschwerdebriefe. Von „unsittlicher Entblößung“ war die Rede. Der austragende Fernsehsender CBS entschuldigte sich öffentlich, die mächtige Football-Organisation NFL verbot dem Musiksender MTV, der für die jährliche Künstlerauswahl verantwortlich zeichnete, jegliche weitere Beteiligung, Jackson erhielt eine Zivilklage und jahrelang kein Airplay mehr von MTV, Timberlakes eher biederes Boygroup-Image war schwer angeschlagen.

Die Frage aller Fragen war danach: War alles ein Versehen oder gar geplante PR-Aktion? Während die beiden Protagonisten lange schwiegen, packte später ein Verwandter von Janet Jackson, deren berühmterer Bruder Michael zu Lebzeiten noch ganz andere Skandale produzierte, in der „New York Post“ aus: „Ihr roter BH war alles, was gezeigt werden sollte, keine nackten Tatsachen. Es sollte ein wenig anzüglich sein. Aber niemand wollte, dass ihre Brüste gezeigt werden. Es wurde eine große Sache, weil Justin das Kostüm viel zu hart packte. Anstatt an einem kleinen Teil zu ziehen, riss er auch das BH-Teil ab.“

Über Jahre hinweg sprachen die beiden Skandalnudeln kein Wort miteinander, bei Star-Talkerin Oprah Winfrey heulte sich Jackson dann aus und seufzte, dass ihr feuriger Gesangspartner sie habe hängen lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was sie verschwieg: Nur einen Monat nach der heißen Super-Bowl-Nummer erschien ihr neues Album – und schoss raketengleich auf Platz zwei der US-Charts.

Auch Justin Timberlake überstand den einsetzenden Shitstorm weitgehend unbeschadet. 2012 heiratete er Hollywood-Schauspielerin Jessica Biel, vor zwei Jahren durfte er gar wieder in der Super-Bowl-Halbzeitshow auftreten.

Die Fernsehsender zogen indes die Konsequenzen angesichts unberechenbarer Stars abseits des Feldes und strahlen die Halbzeitshows nur noch zeitversetzt aus. Anzügliches kann seitdem also ausgeblendet oder geschnitten werden.

Eine Geschäftsbranche müsste Janet Jackson sogar mit einer Statue ehren. „Nipplegate“ sorgte dafür, dass der Absatz von weiblichem Intimschmuck in den Jahren danach durch die Decke ging. Der Super Bowl macht also nicht nur die behelmten Sieger-Gladiatoren glücklich und reich.

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Erstellt:
28. Januar 2021, 05:30 Uhr
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