Papiertechniker bangt um seine Zukunft

Gernsbach (BNN) – Hans-Peter Schonert aus Gaggenau sucht nach dem Aus von seinem Arbeitgeber Baden Board einen neuen Arbeitsplatz. Doch sein Alter erschwert die Suche

•Schwierige Situation: Für den Papiertechniker Hans-Peter Schonert war das Aus von Baden Board ein großer Schock. Den 62-Jährigen plagen nun finanzielle Sorgen. Foto: Adrian Mahler

© ama

•Schwierige Situation: Für den Papiertechniker Hans-Peter Schonert war das Aus von Baden Board ein großer Schock. Den 62-Jährigen plagen nun finanzielle Sorgen. Foto: Adrian Mahler

Hans-Peter Schonert ist einer von rund 280 Mitarbeitern der insolventen Firma Baden Board mit Standort in Gernsbach und Weisenbach. Er ist dringend auf einen neuen Job angewiesen.

In den 62 Jahren seines Lebens hat Schonert schon vier Mal seinen Arbeitsplatz verloren. Die Firmen sind allesamt pleitegegangen. Der Gaggenauer hat sich immer aufgerafft und woanders weitergearbeitet. Doch nun, wenige Jahre vor der Rente, bangt der gelernte Papiertechniker erneut um seine Zukunft. „Ganz neu ist die Situation für mich nicht“, erklärt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Schonert hatte zum Beispiel miterlebt, wie die Papierfabrik Gebrüder Buhl in Ettlingen zugemacht hat. Er habe dort zwischen 1983 und 1993 gearbeitet.

„Ich stehe vor dem Nichts“

„Das Aus von Baden Board nimmt mich aber deutlich mehr mit“, sagt Schonert. Zum einen hat er beim Karton-Hersteller die längste Zeit in einem Unternehmen verbracht – und zwar 21 Jahre. „Ich war da mit Leib und Seele dabei. Es trifft mich hart, dass die Maschinen jetzt stillstehen.“ Zum anderen sei er in einem Alter, in dem es schwierig sei, einen Job zu finden. „Ich stehe vor dem Nichts“, sagt Schonert.

Wie konnte es so weit kommen? Schonert fängt 2000 als Papiertechniker bei Baden Board an. Er übernimmt dort unterschiedliche Aufgaben: Er fährt Stapler, bedient die Kartonmaschine, arbeitet im Labor. Schonert bringt sich auch anderweitig im Unternehmen ein. Zwischen 2008 und 2011 ist er Betriebsratsvorsitzender. Nach einer Unterbrechung steigt er 2018 wieder in das Gremium ein.

„Ständig wurde erzählt, dass es weitergeht“

„In diesem Zeitraum fing es an, in der Geschäftsleitung unruhig zu werden. Bei mir sind die Alarmglocken angegangen“, betont Schonert. 2018 verkauft das irische Verpackungsunternehmen Smurfit Kappa die Gernsbacher Firma an die Livia Gruppe aus München. Diese trennt sich nur ein Jahr später wieder davon und veräußert das Unternehmen an die deutsch-tschechische Marperger Group.

Ab November 2019 ist Baden Board in einem Schutzschirmverfahren, ein Insolvenzverfahren in Eigenregie, um sich von hohen Schulden zu befreien. Im Oktober 2020 endet das Verfahren, als die Gläubiger der Firma einen Schuldenbereinigungsplan annehmen. Für Schonert und die anderen Angestellten bedeutet das aber, dass das Bruttojahresentgelt um etwa zehn Prozent reduziert wird. Schonert: „Die Entwicklung hat die Angestellten verunsichert. Darunter litt die Stimmung.“ Auch an anderer Stelle fallen ihm Probleme auf. „Wir hatten eigentlich eine der produktivsten Kartonmaschinen Deutschlands“, sagt Schonert. „Aber sie war veraltet“. Sie sei häufig ausgefallen. Die Produktion wieder anzuwerfen, habe oft zu lange gedauert, weil sich keiner direkt darum gekümmert habe. „Die Ausfälle haben wahnsinnig viel Geld gekostet.“

„Die Übergangszeit war schlimm“

Doch 2021 ein Lichtblick: Der schwedische Konzern Fiskeby Board zeigt Interesse an einem Kauf von Baden Board. Man hat gehofft, dass es wieder eine Perspektive für die Firma gibt, sagt Schonert. Im September tritt der Investor aber überraschend vom Kaufvertrag zurück. Deshalb muss nach Angaben der Firma ein Insolvenzverfahren eingeleitet werden. Schonert und die anderen Beschäftigten bekommen für drei Monate Insolvenzgeld, also im Wesentlichen ihren bisherigen Nettolohn. „Die Übergangszeit war schlimm. Man hing total in der Luft.“ Als der Insolvenzverwalter Marc Schmid-Thieme von der Kanzlei Hoefer Schmidt-Thieme aus Baden-Baden zwei Tage vor Weihnachten 2021 kurzfristig zu einer Betriebsversammlung einlädt, ist Schonert aber zunächst hoffnungsvoll.

„Viele haben damit gerechnet, dass ein neuer Investor unterzeichnet hat“, erzählt er. „Uns wurde ständig erzählt, dass es weitergeht.“ Schmidt-Thieme verkündet aber, dass wegen der hohen Gaspreise die Produktion nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Mit rund 200 Beschäftigten in den Werken in Obertsrot und Weisenbach wird ein Großteil der Belegschaft freigestellt – darunter auch Schonert. Nur rund 80 Beschäftigte arbeiten voraussichtlich bis März als Abwicklungsteam weiter. „Die Nachricht war für mich ein riesiger Schock“, sagt Schonert. „Weihnachten war versaut.“ Trotzdem arbeitet er als einer von wenigen Mitarbeitern zwischen dem 24. und 27. Dezember. Das sei auf freiwilliger Basis möglich gewesen.

In Teufelskreis gefangen

Denn Schonert ist auf das Geld angewiesen. Zum einen müsse er nach wie vor eine hohe Miete zahlen. Und eine kleinere Wohnung zu bekommen, sei in der derzeitigen finanziellen Lage schwierig. „Ich bin in einem Teufelskreis gefangen.“ Zum anderen muss Schonert für drei seiner fünf Kinder finanziell sorgen. Seine 15-jährige Tochter und sein 18-jähriger Sohn wohnen bei ihm. Für seine zwölfjährige Tochter zahlt er Unterhalt. „Ohne einen neuen Job wird es sehr, sehr eng“, sagt Schonert. Er klingt besorgt. Bisher hat er 24 Bewerbungen verschickt – unter anderem an Baufirmen und andere Papierfabriken.

„Ich bin fit und kann verschiedene Arbeiten übernehmen“, betont er. Bisher habe er sieben Absagen bekommen, aber auch drei Bewerbungsgespräche gehabt. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Zugleich seien die Arbeitsverträge bei Baden Board noch nicht gekündigt, sagt Schonert. „Das endgültige Aus ist aber nur eine Frage der Zeit.“

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Redakteur Adrian Mahler

Zum Artikel

Erstellt:
14. Februar 2022, 09:50 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 42sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.