Pastoralreferentin spricht über Sternenkinder

Gaggenau (ans) – Die Gaggenauer Pastoralreferentin Sonja Greipel setzt sich aus eigener Betroffenheit heraus dafür ein, das Thema Sternenkinder zu enttabuisieren.

Seit 2016 arbeitet Sonja Greipel bei der Seelsorgeeinheit Gaggenau. Trauer um Sternenkinder liegt ihr dabei aufgrund eigener Betroffenheit besonders am Herzen. Foto: Anna Strobel

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Seit 2016 arbeitet Sonja Greipel bei der Seelsorgeeinheit Gaggenau. Trauer um Sternenkinder liegt ihr dabei aufgrund eigener Betroffenheit besonders am Herzen. Foto: Anna Strobel

Sonja Greipel sitzt in der Teeküche des Gaggenauer Pfarrbüros. Die Pastoralreferentin strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, während sie ihre Geschichte erzählt. Da sie im Beerdigungsdienst der Seelsorgeeinheit mitarbeitet, ist die junge Frau es gewohnt, über Trauer und Tod zu sprechen.

Besonders wichtig ist ihr dabei das Thema Sternenkinder. Dabei geht es um Kinder, „die aus verschiedenen Gründen während der Schwangerschaft gestorben sind“, erläutert die Pastoralreferentin. Greipel möchte offen über stille Geburten sprechen, um diese zu enttabuisieren.

„Ich beschäftige mich aus eigener Betroffenheit heraus damit“, berichtet die 34-Jährige. Im Jahr 2018 hatte sie in ihrer ersten Schwangerschaft ein Kind in der siebten Woche verloren. Im Februar 2019 brachte sie dann ihre Tochter Sophie zur Welt – gesund und munter. Im Sommer dieses Jahres, als sie mit Zwillingen schwanger war, erlitt sie eine zweite Fehlgeburt. Als Betroffene habe sie danach ein großes Schweigen und Sprachlosigkeit in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis erlebt. In Gesprächen mit anderen Frauen, die selbst eine Fehlgeburt durchlitten haben, sei ihr klar geworden, wie viele dieses Schicksal teilen und wie wenig tatsächlich über stille Geburten gesprochen wird. Das möchte Greipel ändern: „Ich habe einen Ruf in mir gespürt, mich damit auseinanderzusetzen“, schildert sie.

Greipel möchte für das Thema Sternenkinder sensibilisieren

Zudem wolle sie für das Thema sensibilisieren. „Das war ja erst die siebte Woche, das war doch noch gar kein richtiges Kind“oder „Ihr seid noch jung, versucht es einfach noch mal“: Sprüche wie diese nach ihrer ersten Schwangerschaft seien sehr verletzend gewesen, erinnert sich die junge Mutter. Statt solcher Reaktionen wünscht sie sich, dass Personen aus dem Umfeld den Betroffenen ein Gesprächsangebot machen. Zu sagen, „ich bin für dich da“, oder zuzugeben, dass man gerade sprachlos ist, könne dabei hilfreich sein.

Ihr erstes Stillgeborenes sei an einem Samstag abgegangen. Am Montag sei sie zu ihrem Frauenarzt gegangen. „Was kann ich tun?“, habe sie dessen Stellvertreter gefragt, der an diesem Tag in der Praxis war. Eine Antwort darauf habe er jedoch nicht parat gehabt. „Um es zu verarbeiten, habe ich mit Familie und Freunden gesprochen, allerdings war ich ein Präzedenzfall in der Familie.“

Bei den folgenden Schwangerschaften „stand wieder die Angst im Raum“, berichtet Greipel. Denn die Geburten seien auch körperlich traumatisch gewesen. Nach dem Verlust ihrer Zwillinge habe sie Rat in einschlägiger Literatur zum Thema „Vertrauen nach der Geburt“ gesucht. Zudem hat sie sich mit der Hebamme und Trauerberaterin Maria Kopf, die im Hospiz in Sasbachwalden tätig ist, Unterstützung an ihre Seite geholt. Kopf bietet begleitende Beratung für Frauen nach einer Totgeburt an.

Soziales Umfeld wichtig für Verarbeitung

Das Wort „Fehlgeburt“ lehnt Sonja Greipel ab. „Da steckt das Wort Fehler drin, es impliziert, dass die Frau daran Schuld hätte“, erklärt die Pastoralreferentin. Man suche den Fehler ohnehin schon bei sich, da sei dieses Wort unnötig. „Stille Geburt“ sei dagegen „viel schöner“.

Der Abschied von ihren Zwillingen war „der friedlichste Moment in meinem Leben“, schildert Greipel. „Das klingt vielleicht seltsam für manche“, gibt sie zu bedenken, doch für sie sei es eine Chance auf Versöhnung mit dem Schicksal gewesen. Deshalb habe sie sich gegen eine Ausschabung entschieden. Dabei sei es ihr für sich selbst wichtig gewesen, Zeit für die Verabschiedung zu haben. „Aber da ist jeder anders“, meint Greipel.

Seit 2018 gibt es beim Waldfriedhof ein Gräberfeld für Sternenkinder. „Es war schön, dass schon ein Sternenfeld da war“, meint die 34-Jährige. Für sie war sofort klar, dass die Zwillinge, so wie ihr erstes Kind, in Gaggenau beerdigt werden sollen, auch um sich als Familie mit ihrer Tochter und ihrem Mann gemeinsam verabschieden zu können.

Bei der Verarbeitung ist es wichtig, ein „gutes soziales Umfeld zu haben“, betont Greipel. „Sich mit Leuten umgeben, die einem guttun“ und sich eventuell einen Therapieplatz suchen, sind Anregungen, die ihr selbst geholfen haben. Auch offen mit dem Thema Totgeburt umzugehen, sei oft hilfreich.

Ihr Autor

BT-Volontärin Anna Strobel

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Erstellt:
1. Dezember 2021, 17:20 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 03sec

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