Peter Maffay im Interview

Baden-Baden (olaf) – Das Album „So weit“ gilt als sein bislang authentischstes Werk. Peter Maffay spricht im BT-Interview vor allem – aber nicht nur – über dessen Entstehung.

Peter Maffay wirbelt auch noch mit 72 Jahren über die ganz großen Bühnen. Foto: Wolfgang Köhler

© Foto: Wolfgang Köhler

Peter Maffay wirbelt auch noch mit 72 Jahren über die ganz großen Bühnen. Foto: Wolfgang Köhler

„So weit“ ist ein Album, wie man es von Peter Maffay bislang noch nicht gehört hat. Der 72-jährige Sänger füllt jedes der Stücke mit Lebenserfahrung und schafft so eines seiner aufrichtigsten Werke. Die elf Songs zwischen Bluesrock und Ballade drehen sich um die unergründlichen Dramen des menschlichen Daseins. Dank spärlicher Instrumentierung steht Maffays charakteristische Stimme immer im Vordergrund. Olaf Neumann sprach mit dem Sänger und Songschreiber über die Zusammenarbeit mit Johannes Oerding, den Tod seines Vaters und sein erstes Kinderbuch.

BT: Herr Maffay, das neue Album „So weit“ haben Sie mit nur einem weiteren Musiker eingespielt, dem niederländischen Multiinstrumentalisten J.B. Meijers. Er hat mit den Beastie Boys, Solomon Burke und Zakk Wylde gearbeitet. Warum ausgerechnet er?
Peter Maffay: J.B. ist wirklich ein Multitalent und bringt enorm viel aus seiner Zusammenarbeit mit Leuten aus England und den USA ein. Er ist auch ein erfahrener Produzent. Als wir anfingen zu spielen, stellten wir fest, dass das Konzept aufgehen könnte. Johannes Oerding hatte Zeit und Lust zu texten, weil seine Tour ausgefallen war. Er und sein Kumpel Benni saßen im Aufenthaltsraum unseres Tonstudios und J.B. und ich in der Regie. Ein tolles und unangestrengtes Miteinander. Wir haben das Album sogar in unserem kleinen Studio fertig gemischt und gemastert.

BT: Sämtliche Texte stammen von Johannes Oerding und dessen Kreativpartner Benni Dernhoff. Bei zwei Texten wirkte zusätzlich Ihre Lebensgefährtin Hendrikje Balsmeyer mit. Arbeiten Sie ausschließlich mit Menschen zusammen, die zu 100 Prozent auf Ihrer Wellenlinie liegen?
Maffay: Man wird sehr intim bei dieser ganzen Geschichte. Mein Papa ist im Mai gestorben. Er und ich wussten, dass das passieren würde. Der Song „Wenn wir uns wiedersehen“ war musikalisch bereits fertig, als er noch lebte. Und dann habe ich Johannes gefragt, ob er mir einen Text darauf schreiben mag. Da öffnet man sich jemandem sehr weit, aber Johannes geht ziemlich feinfühlig damit um. „Wenn wir uns wiedersehen“ ist eigentlich ein tieftrauriges Lied, und trotzdem ist es nicht so, dass man beim Hören kaputt geht.

BT: Glauben Sie wirklich, dass Sie Ihren Vater auf der anderen Seite wiedersehen?
Maffay: Was danach kommt, weiß niemand. Aber so wie ich zu einer gewissen Gläubigkeit zurückgefunden habe, hoffe ich auch, dass es in irgendeiner Form so was gibt. Seelen erzeugen eine gewisse Energie. Die bleibt möglicherweise bestehen, wenn die Körper nicht mehr da sind. Auf jeden Fall eine Vorstellung, die Hoffnung weckt und den Schmerz lindert.

BT: Haben Sie sich bei dieser Platte ein wenig durch Johnny Cash inspirieren lassen, der auf seinen späten Alben zu spärlicher Instrumentierung durchdringend sang?
Maffay: Zwei Sachen sind mir bei dieser Arbeit durch den Kopf gegangen: dieser neue, völlig gestrippte Johnny Cash und das letzte Album von Bruce Springsteen. Solche Balladen wie „Wann immer“ kann ich nicht jeden Tag schreiben. Der Song ist meinen beiden Kindern gewidmet. J.B. meinte, ich solle das Piano selber spielen, weil es authentischer klingt. Das hatte ich in dieser Form noch nie gemacht. J.B. hat mir auch Etliches auf der Gitarre beigebracht. Wir haben in der Zeit sehr viel schräge und außergewöhnliche Musik aus dem Punk-, Country- und Folkbereich gehört.

BT: In der Ballade „Odysee“ besingen Sie das hochaktuelle Thema Flucht. Dabei erwähnen Sie den kleinen syrischen Jungen Alan Kurdi, der 2015 im Mittelmeer ertrank. Sein Körper am Strand wurde zum Mahnmal der Flüchtlingskrise. Was hat dieses Foto in Ihnen ausgelöst?
Maffay: Ein eigenes Kind in diesem Alter bringt in einem Vater viel in Bewegung, vor allem, wenn er so alt ist wie ich. Zu der Zeit, als mein Sohn Yaris so klein wie Anouk war, habe ich mir noch nicht so viele Gedanken über Endlichkeit und den Tod gemacht. Da gab es die Völkerwanderung in dieser Dimension auch noch nicht. Das Bild von dem kleinen syrischen Jungen ging mir durch Mark und Bein. Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn ich als Vater das eigene Kind irgendwo tot vorfände. Es würde mich killen!

BT: Plädieren Sie für eine großzügige Aufnahme der für Deutschland tätigen afghanischen Ortskräfte und ihrer Familien in Deutschland?
Maffay: Ein Teil der afghanischen Gesellschaft hat sich unserem Schutz anvertraut. Diese Leute haben mit jenen Staaten zusammengearbeitet, die die Lebensumstände der afghanischen Bevölkerung verbessern wollten. Es ist zu befürchten, dass diese Menschen durch die Allianz mit Deutschland sehr exponiert sind und die Taliban mit ihnen fürchterliche Dinge anstellen werden. Man kann ihnen den Schutz nicht versagen und muss sie aufnehmen, wenn es nicht anders geht. Darüber lange zu diskutieren, wird Menschenleben kosten.

BT: Sie und Ihre Partnerin Hendrikje Balsmeyer haben auch ein gemeinsames Kinderbuch gemacht: „Anouk, die nachts auf Reisen geht“. Sind das Gutenachtgeschichten, die Sie Ihrer fast dreijährigen Tochter Anouk erzählen?
Maffay: Das Buch hat Hendrikje gemacht und ich habe meinen Senf dazu gegeben. Ursprünglich sollte es nur ein Geschenk für unsere Tochter sein. Aber dann wurde ein Verlag darauf aufmerksam. Hendrikje hat das Buch mit sehr viel Liebe gemacht. Sie und die Illustratorin Joëlle Tourlonias sind ein super Gespann.

BT: Aber der Song „Anouk“ zum stammt von Ihnen.
Maffay: Ich dachte, ein musikalischer Aufhänger kann nicht schaden, weil wir ähnliche Erfahrungen mit „Tabaluga“ gemacht haben. Und dann haben wir zusammen ein Liedchen erzeugt.

BT: Singen Sie manchmal mit Ihrer Tochter?
Maffay: Aber ja. Anouk singt sehr gerne. Die Strophe dieses Liedes ist für sie noch ein bisschen kompliziert, aber den Chorus kann sie mitsingen. Wenn wir heute nach Halle fahren, werde ich das zu spüren bekommen. Anouk wird ihr ganzes Repertoire abspulen. Sie wurde vor ein paar Tagen getauft. In der Kirche bei uns in Dietlhofen habe ich auf Wunsch von Hendrikje das Lied „Wann immer“ gesungen und gespielt. Und da sagte Anouk zu mir: „Papa, mach‘ nicht so laute Musik, das ist nicht gut für deine Ohren!“ Das ist die richtige Einstellung.

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Erstellt:
18. September 2021, 10:30 Uhr
Lesedauer:
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