Petrus musste schon öfter zur Auffrischung

Baden-Baden (nof) – Die Petrus-Figur vom Turm der Baden-Badener Stiftskirche wird derzeit in Stuttgart wieder zu altem Glanz gebracht. Auf unsere Berichterstattung hin haben sich einige BT-Leser mit ihren persönlichen Erinnerungen in der Redaktion gemeldet. BT-Redakteur Nico Fricke hat diese gebündelt.

Die Petrus-Silhouette stammt vermutlich aus dem Jahr 1824.  Foto: Fricke

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Die Petrus-Silhouette stammt vermutlich aus dem Jahr 1824. Foto: Fricke

Seit einer Woche befindet sich die Petrus-Figur vom Turm der Baden-Badener Stiftskirche in Stuttgart in Kur. Ein gründliches Lifting hat sich die Silhouette redlich verdient, schließlich ist sie jahrein, jahraus in rund 60 Meter Höhe Wind und Wetter ausgesetzt. Aber nicht zum ersten Mal musste der Heilige seinen angestammten Aussichtsposten verlassen. Auf unsere Berichterstattung hin haben sich einige BT-Leser mit ihren persönlichen Erinnerungen in der Redaktion gemeldet.
„Mädel, wenn du dich mal an mich erinnern möchtest, dann guck’ zum Petrus hoch, den hab’ ich mit draufgemacht.“ Mit großem Interesse hat zum Beispiel Maria Bottin den BT-Bericht über die Abnahme der Petrus-Silhouette studiert – und sich gleich der eingangs zitierten Worte ihres Onkels Thomas Buchenberger erinnert. „Er muss schon sehr alt gewesen sein, als er in den 1950er Jahren da mitgeholfen hat“, sagt Bottin im BT-Gespräch. Gestorben sei ihr Onkel 1974 im hohen Alter von 99 Jahren.

Für die Blechner Alfred Hurle senior, Thomas Buchenberger und Alfred Hurle junior (von links) ein besonderer Auftrag: Petrus in der Werkstatt im Drachengässchen. Foto: Archiv Hurle

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Für die Blechner Alfred Hurle senior, Thomas Buchenberger und Alfred Hurle junior (von links) ein besonderer Auftrag: Petrus in der Werkstatt im Drachengässchen. Foto: Archiv Hurle

Als Blechner war Buchenberger im Betrieb von Alfred Hurle senior angestellt. Und dort erinnert sich dessen Enkel Willi Hurle heute noch gut an den ehemaligen Gesellen seines Großvaters, der den Betrieb 1902 gegründet hatte. „Ich habe selber noch bei ihm gelernt“, sagt Willi Hurle, der zusammen mit seiner Frau Agnes alte Fotoalben herausgesucht hat. „Der Petrus war schon zweimal bei uns in der Werkstatt“, berichtet Agnes Hurle. „Und das war schon etwas Besonderes“, fügt Ehemann Willi hinzu, der den Blechnereibetrieb zum Jahreswechsel geschlossen hat. „Der Petrus in der Werkstatt – da ist damals extra ein Fotograf gerufen worden“, zeigt er das mit 1954 datierte Bild, das seinen Großvater, seinen Vater und den Mitarbeiter Thomas Buchenberger zusammen mit der Kupferfigur vor der Werkstatt im Drachengässchen zeigt.

WIndschiefer Petrus

Ein Holzgerüst war damals an der Stiftskirche angebracht, wie weitere Fotos dokumentieren. Auch Willi Hurle war mit oben – damals noch ein Bub. Ebenfalls noch ein junger Kerl war damals Harald Veith: Als Zimmermannslehrling hat er auf dem Turm der Stiftskirche gearbeitet, erinnert sich der heute 78-Jährige an die Zeit zurück. „Ich wurde immer zum Vesperholen geschickt“, sagt er schmunzelnd. Und noch etwas ist ihm in Erinnerung geblieben: „Wenn unten Markt war, haben wir die Gespräche oben ein zu eins verfolgen können.“ Damals musste man über den Glockenturm nach oben steigen. Heute können die Handwerker zumindest teilweise den Bauaufzug nutzen, um die Höhenmeter zu überwinden.

Eine neue Vergoldung – wie sie nun wieder ansteht – habe der Petrus auch schon 1954 erhalten, sagt Willi Hurle. Und knapp 30 Jahre später musste Petrus erneut vom Turm geholt werden. Wieder war die Blechnerei Hurle damit beauftragt: „Wir waren ja so etwas wie die Hausblechnerei der Stiftskirche“, sagt Willi Hurle nicht ohne Stolz. 1983 jedenfalls war Petrus ein bisschen windschief, „er hat immer den Kopf geneigt, da habe ich ihm eine Stütze angefertigt“, sagt Willi Hurle. Eine neuerliche Vergoldung gab’s „vom Maler Rupp“.

Auf Tafeln wie diesen haben sich die Handwerker einst verewigt, zeigt Architekt Thomas Halder.  Foto: Fricke

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Auf Tafeln wie diesen haben sich die Handwerker einst verewigt, zeigt Architekt Thomas Halder. Foto: Fricke

Und wie alt ist die Petrusfigur? Das wissen auch die Hurles nicht genau. Doch sind sie sicher, dass es die Figur schon sehr lange gibt. Im Wohnzimmer des Paars hängt ein Ölgemälde der Stiftskirche aus den 1860er Jahren. „Und da ist schon eine Figur drauf“, sagt Agnes Hurle. Auch die Experten können nicht weiterhelfen. Der mit der Restaurierung der Stiftskirche beauftragte Architekt Thomas Halder verweist darauf, „dass wir an der Figur selbst keine Daten gefunden haben“. An anderer Stelle sei aber das Datum 1912 eingebracht. Doch der städtische Pressesprecher Roland Seiter hilft mit einigen Dokumenten aus der Zeitgeschichtlichen Sammlung des Stadtarchivs aus. Darin lässt sich ablesen, dass Petrus auch im Jahr 1912 eine Gold-Auffrischung hat genießen dürfen. Aus einem Bericht des Badener Tagblatts vom 20. September 1912 geht hervor, dass diese Petrus-Figur damals schon 88 Lebensjahre auf dem Buckel – und auch schon einen Vorgänger hatte: Am 25. September 1824 wurde dieser „vom Kirchturm heruntergenommen, weil er seinem Dienst nicht mehr gewachsen war“. Ein Schlosser Bluhm fertigte demnach einen neuen Petrus, „der auch heute noch den Badenern zeigt, woher der Wind weht!“

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Erstellt:
11. Mai 2020, 11:00 Uhr
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