Pfadfinder-Prozess: Weiterer Zeuge sagt aus

Baden-Baden (red) – Die Wahrheitsfindung im „Pfadfinder-Prozess“ gestaltet sich schwierig. Ein weiterer Zeuge hat nun ausgesagt und zusätzlich einen Religionslehrer beschuldigt.

Zu klären ist weiterhin, wo der Kellerraum in dem Gebäude gelegen hat, in dem sich die Tat zugetragen haben soll. Foto: Harald Holzmann

© hol

Zu klären ist weiterhin, wo der Kellerraum in dem Gebäude gelegen hat, in dem sich die Tat zugetragen haben soll. Foto: Harald Holzmann

Das Landgericht Baden-Baden hat deshalb zur Aufarbeitung einen weiteren Verhandlungstag Ende Oktober angesetzt. Vor Gericht muss sich ein 64-jähriger ehemaliger Leiter einer Pfadfindergruppe wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung verantworten. Zu der Tat soll es vor mehr als 30 Jahren gekommen sein.

„Wenn ich könnte, würde ich ihm dermaßen eins in die Fresse hauen, das können Sie sich nicht vorstellen.“ Mit deutlichen Worten fasst der immer wieder mit den Tränen kämpfende Zeuge am vierten Prozesstag seine Erinnerungen an den Angeklagten zusammen. „Das dürfte anderen, die schon hier saßen, ähnlich gehen“, kommentiert die Vertreterin der Nebenklägerin diese Aussage. Eine Aussage, die im weiteren Verlauf das Bild des Angeklagten weiterzeichnet, das zuvor schon andere Zeugen und mutmaßliche Opfer zu skizzieren begonnen haben.

„Fragen Sie mich alles, was ihm schaden kann“

In einem Zeltlager der Pfadfinder 1986 soll sich der Angeklagte an den damals Elfjährigen herangemacht und ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert haben. „Er war für mich eine Vertrauensperson“, so der Zeuge. Anvertraut habe er sich nie jemandem – aus Scham. „Ich hatte es aus dem Kopf, bis mein Vater mich auf diesen Prozess aufmerksam gemacht hat.“ Daraufhin meldete sich der Mann bei Gericht. „Es tut höllisch weh. Als Vater schäme ich mich, nicht schon früher darüber geredet zu haben.“ Heute ist der Tatvorwurf verjährt.

Doch er gibt bereitwillig Auskunft, will zur Aufklärung beitragen: „Fragen Sie mich alles, was ihm schaden kann“, drückt er seine Verachtung aus. Bei seiner Vernehmung beschuldigt er auch seinen ehemaligen evangelischen Religionslehrer des sexuellen Übergriffs. „Der gehört auch auf die Anklagebank“, sagt er. Dass der Name des Beschuldigten während der laufenden Verhandlung schon mehrfach aufgetaucht sei, merkt der Vorsitzende Richter Wolfgang Fischer an.

Opfer sagte erneut stundenlang aus

Doch zu urteilen hat er in diesem Prozess über einen anderen Tatvorwurf: Der Angeklagte soll in den 80er Jahren mehrere kindliche und jugendliche Pfadfinder dazu genötigt haben, ein damals zwischen sieben und elf Jahre altes Mädchen zu vergewaltigen – in den Räumlichkeiten der Pfadfinder in der Scheibenstraße. Anhand alter und neuer Baupläne sowie zahlreicher Fotos versuchen die Prozessbeteiligten zunächst, den Kellerraum auszumachen, in dem sich die Tat zugetragen haben soll – und dessen Existenz der Verteidiger in Frage stellt.

Dann wird die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen. Noch einmal muss die Geschädigte und Nebenklägerin vor Gericht aussagen – über mehrere Stunden. Der psychiatrische Sachverständige gibt später zu Protokoll, dass bei ihr eine „Aussagetüchtigkeit eindeutig gegeben ist“. Sie habe sich nach einer Drogenüberdosis, an der sie fast gestorben wäre, „wieder voll ins Leben zurückgekämpft“.

Weitere Zeugen hat das Gericht zunächst nicht geladen, den Fortsetzungstermin auf Mittwoch, 28. Oktober, um 9 Uhr festgesetzt. Dann muss noch über mehrere Beweisanträge des Verteidigers entschieden werden.

Ihr Autor

Nico Fricke

Zum Artikel

Erstellt:
16. Oktober 2020, 10:28 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 26sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.