Pfälzische Expansionsgelüste

Karlsruhe (vn) – Wörth, Hagenbach und Kandel planen gemeinsam ein riesiges Gewerbegebiet. Der Regionalverband Mittlerer Oberrhein kritisiert den Flächenverbrauch und befürchtet mehr Lkw-Verkehr.

Die Südpfalz will für Gewerbeansiedlungen attraktiver werden. Foto: Wolf/dpa

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Die Südpfalz will für Gewerbeansiedlungen attraktiver werden. Foto: Wolf/dpa

165 Hektar entsprechen einer Fläche von fast 230 Standard-Fußballfeldern. Diesen Größenvergleich muss man sich vor Augen führen, um die Dimensionen des interkommunalen Projekts zu erfassen, das die drei Kommunen in den nächsten Jahren gemeinsam verwirklichen wollen. Nach ersten Presseberichten in pfälzischen Zeitungen klingelten in Baden die Alarmglocken. Denn die Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung beiderseits des Rheins wären gravierend.
Der Wörther Gemeinderat hat am 3. März der Erarbeitung eines „strategischen, interkommunalen Gewerbeentwicklungskonzepts“ mehrheitlich zugestimmt. Es hat die „Ansiedlung hochwertiger Arbeitsplätze verbunden mit ökologischen und Klimaschutzaspekten“ zum Ziel. Um die „Diversifizierung von Gewerbesteuereinnahmen“ geht es natürlich auch. Offenbar also kommunaler Alltag, wonach (wenn man ehrlich ist) kein Hahn krähen würde. Doch der ermittelte Bedarf wird eben mit 165 Hektar taxiert – und das sind raumbedeutsame Dimensionen.

Das Konzept sieht zwei Teilraumplanungen vor:

- einen interkommunalen Gewerbepark Wörth/Hagenbach mit 105 Hektar (in der Grafik orange gefärbt),

- einen weiteren Gewerbepark an der Autobahnausfahrt Kandel-Nord bei Erlenbach mit rund 37 Hektar.

Darüber hinaus enthält das Konzept eine Fläche mit rund 23 Hektar zwischen dem Mercedes-Benz-Werk Wörth und der Plantrasse für die Anbindung der zweiten Rheinbrücke an die Bundesstraße 9.

In den kommunalen Gremien sprach sich eine deutliche Mehrheit von SPD, Grünen, FWG und FDP für den Gewerbepark aus, während sich in der CDU Widerstand regte.

So waren es die Christdemokraten auf badischer Seite, die die Pläne der Pfälzer erstmals in die kommunalen Gremien einspeisten, unter anderem mit Anträgen im Karlsruher Gemeinderat und beim Regionalverband Mittlerer Oberrhein (RVMO).

Erheblicher Diskussionsbedarf

Die Verbandsverwaltung legte für die jüngste Sitzung des Planungsausschusses eine für ihre Verhältnisse sehr deutliche Stellungnahme vor, die viele kritische Punkte aufzählt und erheblichen Diskussionsbedarf anmeldet. Das war dann auch fraktionsübergreifend Tenor im Ausschuss: Man stört sich daran, dass die 165 Hektar mit fehlenden Gewerbeflächen im Oberzentrum Karlsruhe begründet werden. Die Konzeption der Pfälzer unterstellt einseitig eine Verlagerung der gewerblichen Entwicklung. Befürchtet wird die Ansiedlung verkehrsintensiver Betriebe. Die dadurch ausgelösten verkehrlichen Probleme insbesondere auf der jetzt schon stark belasteten Südtangente werden im Konzept nicht thematisiert. Schließlich verweist der Verband auf die Flächenrelation: Die Stadt Wörth sowie die beiden Verbandsgemeinden Kandel und Hagenbach haben zusammen rund 45000 Einwohner, der Nachbarschaftsverband Karlsruhe mehr als 480000. „Die Studie schreibt beiden Teilräumen hinsichtlich der Gewerbeflächenentwicklung hingegen eine Bedeutung im Verhältnis 1:1 zu. Eine nachvollziehbare Begründung dafür wird nicht gegeben.“

Christoph Trinemeier räumt ein, dass die Karlsruher den Finger durchaus in die Wunde legen, was Flächenverbrauch, Bedarf und interkommunale Zusammenarbeit angeht. Trinemeier ist Leitender Direktor beim Verband Region Rhein-Neckar (VRRN), zu dessen südlichstem Ausläufer die Pfalz-Kommunen gehören.

Der VRRN hat im Dezember 2019 eine Gewerbeflächenstudie für das gesamte Verbandsgebiet veröffentlicht, deren Ergebnisse in die Fortschreibung des Einheitlichen Regionalplans Rhein-Neckar einfließen. Die Offenlage soll im Herbst erfolgen. Beim Verband kann man sich – zur Deckung des Bedarfs bis 2035 – eine etwa 25 Hektar große Gewerbefläche nordwestlich von Maximiliansau vorstellen (auf der Karte als G schwarz umrandet) sowie eine weitere Fläche mit rund 50 Hektar südwestlich des Industriegebiets Wörth-Oberwald (das schwarz umrandete I auf der Karte), erklärt Trinemeier. Die Entscheidung falle aber natürlich in den politischen Gremien.

Hohe Hürden im Regionalplan

Das Gewerbegebiet könnte letztlich an regionalplanerischen Hürden scheitern. Die 105 Hektar zwischen Wörth und Hagenbach werden heute als landwirtschaftliche Fläche genutzt und beinhalten nur kleinräumige Biotope. Im Regionalplan ist das Areal allerdings als regionaler Grünzug ausgewiesen. Hinzu kommen sogenannte Vorbehaltsgebiete für Hochwasserschutz und für Kiesabbau. Alles Restriktionen, die sich von Bürgermeistern nicht mit einem Federstrich aufheben lassen.

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Erstellt:
5. Juni 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 51sec

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