Pfarrer Böhe beschäftigt die Malscher

Malsch (sl) – Nach den vom BT veröffentlichten Vorwürfen gegen den verstorbenen Pfarrer Anton Böhe haben sich Zeitzeugen gemeldet. Demnach sollen auch Erwachsene unter seinem Jähzorn gelitten haben.

Anton Böhe (vorne rechts) im Kreis von weiteren Kirchenmännern und Gläubigen, darunter auch Kinder. Foto: Archiv Heimatfreunde

© red

Anton Böhe (vorne rechts) im Kreis von weiteren Kirchenmännern und Gläubigen, darunter auch Kinder. Foto: Archiv Heimatfreunde

Der „Fall Anton Böhe“ beschäftigt offenbar viele Malscher, ob sie nun in ihrer Heimatgemeinde leben oder längst weggezogen sind. Seit Veröffentlichung der Vorwürfe gegen den 1998 verstorbenen Pfarrer und Ehrenbürger haben die BT-Redaktion Anrufe und E-Mails erreicht, in denen Malscher ihre Erlebnisse mit dem umstrittenen Geistlichen schildern. Fast alle bestätigen, dass er Kinder misshandelt habe. Es gibt aber auch eine Gegenstimme.
Ein BT-Leser aus Malsch berichtet: „Es gab damals zum Kirchenbesuch so kleine Kärtchen, die man im Religionsunterricht zeigen musste. Konnte man das nicht, gab es Haue. Und zum zweiten hatte der liebe Herr Böhe immer einen größeren Schlüsselbund, so faustgroß, den er sehr gerne als Wurfgeschoss gegenüber den Schülern verwendete.“

Ein anderer Leser, den Böhe mehrfach brutal an den Ohren gezogen und ins Gesicht geschlagen haben soll, berichtet, wie die resolute Lebensgefährtin seines Opas den Geistlichen vor der versammelten Religionsklasse zur Rede stellte. „Der Pfarrer war richtig perplex, dass jemand so etwas zu ihm sagen konnte.“ Von da ab sei für den damals Neunjährigen Ruhe gewesen, die Ereignisse beschäftigen ihn aber auch 60 Jahre später noch.

„Mitten in der Predigt fing Böhe an loszubrüllen“

Allerdings waren Erwachsene vor dem Jähzorn des Pfarrers auch nicht immer sicher, schildert Karl-Ludwig Nies, der 1952 in Malsch zur Welt kam und sich durchaus mit innerkirchlichen Strukturen auskennt. Seit 1990 lebt Nies in München, ist heute evangelischer Kirchenmusiker, war vormals katholischer Bezirkskantor für Rastatt/Baden-Baden, dann Heidelberg, dazu Hochschuldozent für Orgel an der Musikhochschule Karlsruhe, schließlich zwei Jahrzehnte lang Domkapellmeister an der Münchner Frauenkirche. Mit diesem Werdegang knüpft er an eine Familientradition an, denn auch Nies’ Vater war als Organist tätig – in der Malscher Kirche unter dem damaligen Pfarrer Anton Böhe. Zumindest bis er den Dienst nach einem Nervenzusammenbruch und einem sechswöchigen Sanatoriumsaufenthalt quittierte. „Mein Vater hat Böhe ins Angesicht widerstanden“, erinnert sich Nies, der damals 13 oder 14 Jahre alt war. Er habe dem Pfarrer Briefe geschrieben, dass dieser „brutale Kerl“ damit aufhöre, Kinder zu prügeln. Das bekam Nies senior aber schlecht. Er sei psychisch fertiggemacht worden. Eines sonntags habe sich Böhe geweigert, seine Predigt zu halten, weil in der Kirche Menschen säßen, die gegen ihn seien. Gemeint war der Organist, der sich ein anderes Mal auf einem Chorausflug befand: Da gab es wieder eine Predigt, denn Böhe sagte: „Heute sind meine Widersacher nicht da.“

Andere Gemeindemitglieder griff Böhe in der Sonntagspredigt sogar namentlich an, erinnert sich Karl-Ludwig Nies an Ausbrüche wie diesen: „Mitten in einer Predigt fing Böhe an loszubrüllen: Du da hinten brauchst gar nicht so blöd zu gucken, dir ziehe ich deine dreckige Haut ab.“ Es gebe Malscher, die bis heute traumatisiert sind. Er kenne eine Frau, der werde es übel, wenn sie nur durch die Anton-Böhe-Straße geht.

„Alte Geschichte sollte man ruhen lassen“

„Man sollte diese alten Geschichten doch ruhen lassen“, meinte ein Anrufer gegenüber dem BT. Schließlich hätte es damals von fast allen Lehrern mal einen Klaps gegeben oder Tatzen (Stockschläge auf die Hand). Andere Zeitzeugen schildern, dass die Brutalität Böhes weit über das damals übliche Maß hinausgegangen sei, er habe „geprügelt bis zum Geht-nicht-mehr“.

Anderer Meinung ist Helmut Hitscherich, der heute in Kempten lebt. Er hat 1954 bis 1957 die heutige Johann-Peter-Hebel-Schule besucht, war bis zu seinem Wegzug aus Malsch 1970 jeden Sonntag im Gottesdienst und darüber hinaus aktiv in der KJG. Niemals habe er erlebt, dass Pfarrer Böhe Kinder „abgewatscht“ oder gar verprügelt hätte. „Was er machte: Er sprach Kinder, die unaufmerksam waren und den Gottesdienst gestört haben, vom Altar aus mit Familiennamen an, dass es Ruhe gibt.“

Die Gemeinde Malsch verspricht eine faire Aufarbeitung und will dazu eine Historikerkommission einsetzen (wir berichteten). Die Seelsorgeeinheit bietet an, über erlittenes Unrecht zu sprechen: (0 72 46) 40 19.

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

Zum Artikel

Erstellt:
5. Juni 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 59sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.