Pfarrer Böhes Opfer sollen zur Aufklärung beitragen

Malsch (sl) – Der einstige Malscher Pfarrer Anton Böhe soll Kinder misshandelt haben. Zur Aufklärung will die Gemeinde eine Historische Kommission einsetzen, die auch Betroffene befragen soll.

Das Grab von Anton Böhe auf dem Friedhof in Malsch. Von 1952 bis 1985 wirkte er in der Gemeinde als katholischer Pfarrer und unterrichtete auch Religion. Foto: Archiv Heimatfreunde Malsch

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Das Grab von Anton Böhe auf dem Friedhof in Malsch. Von 1952 bis 1985 wirkte er in der Gemeinde als katholischer Pfarrer und unterrichtete auch Religion. Foto: Archiv Heimatfreunde Malsch

Nach dem BT-Bericht über mutmaßliche Fälle von Kindesmisshandlung durch den ehemaligen Malscher Pfarrer Anton Böhe (1914-1998) hatten sich viele Betroffene bei der Redaktion gemeldet und von ihren eigenen Gewalterfahrungen erzählt. Zur systematischen Aufklärung wird wohl auch noch die Gemeindeverwaltung um ihre Mithilfe bitten.

Aberkennung der Ehrenbürgerwürde steht im Raum

Die Gemeinde Malsch strebt eine breite zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit an, bei der Raum für Gespräche mit den Betroffenen und Zeitzeugen geboten werden soll, heißt es aus dem Rathaus. Ergebnis könnte die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde sowie die Umbenennung der Anton-Böhe-Straße sein. Am Dienstag, 29. Juni, (Beginn 18.30 Uhr) befasst sich der Gemeinderat in einer öffentlichen Sitzung im Bürgerhaus mit der Sache und entscheidet dann über das weitere Vorgehen. In einer gemeinsamen Erklärung hatten Bürgermeister Elmar Himmel und die Ratsfraktionen bereits im Mai eine Historische Kommission angekündigt, die den Vorwürfen nachgehen soll. Sie soll in der nächsten Gemeinderatssitzung offiziell eingesetzt werden, falls die Räte ihre Zustimmung geben, was als wahrscheinlich gilt.

Mit der Leitung der Kommission soll der Malscher Bürger Dr. Clemens Rehm beauftragt werden, der aufgrund seiner Tätigkeit als Historiker und Leiter der Grundsatzabteilung des Landesarchivs Baden-Württemberg die notwendige fachliche Expertise einbringen könne, heißt es in den Sitzungsunterlagen. Er sei auch schon mit der Aufarbeitung von Gewalttaten in anderen gesellschaftlichen Bereichen betraut gewesen. Gemeinderat, Bürgermeister und Gemeindeverwaltung möchten damit eine vertrauenswürdige Form der Aufarbeitung anbieten und bitten alle an diesem Prozess Beteiligten, sich hier einzubringen.

Aktenstudium und Gespräche mit Zeitzeugen

Ziel der Kommission soll demnach eine Dokumentation sein, auf deren Basis der Gemeinderat über der derzeit diskutierte Aberkennung der Ehrenbürgerwürde und die Umbenennung der Straße entscheiden kann. Diese Dokumentation soll auf zwei Säulen beruhen: Zum einen sollen die noch verfügbaren Akten im Zusammenhang mit Böhe und seinem Wirkungsfeld ermittelt und durchgesehen werden. Zum Beispiel Visitationsakten, Schul- und Schulamtsunterlagen. Ebenso sollen aber die betroffenen Opfer und Zeugen einen geschützten Raum erhalten, in dem sie die Erlebnisse mündlich oder schriftlich schildern können. Gespräche können frei oder nach Gesprächsleitfäden gestaltet werden. Mit den betroffenen Opfern und Zeugen wird abgesprochen, in welcher Form ihre Aussagen in die Dokumentation einfließen können beziehungsweise ob sie öffentlich gemacht werden dürfen – anonym oder mit Namensnennung. Zur Kontaktaufnahme soll es eine von der Gemeindeverwaltung unabhängige Adresse geben.

Zwischenbericht für Ende des Jahres angekündigt

Wie lange die Kommission für diese Arbeit brauchen wird, hänge von der Ergiebigkeit der Akten und der Anzahl der betroffenen Opfer und Zeugen ab, die sich melden. Der Zeitaufwand lasse sich derzeit nicht seriös abschätzen. Ähnliches gilt für die Kosten. Ein erster Zwischenbericht soll Ende 2021 vorgelegt werden.

Ergebnis der Untersuchung könnte die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde und die Umbenennung der Anton-Böhe-Straße sein. Foto: Archiv Heimatfreunde Malsch

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Ergebnis der Untersuchung könnte die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde und die Umbenennung der Anton-Böhe-Straße sein. Foto: Archiv Heimatfreunde Malsch

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BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
24. Juni 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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