Pflege oder Frevel? Geteilte Ansichten zu Rodungen in Rastatt

Rastatt (sl) – Mehrere Baumfällaktionen der Stadtverwaltung Rastatt sorgen für Kritik bei Bürgern und beim NABU. Die Stadt versichert, dass kein Baum grundlos gefällt wurde.

Mussten diese Bäume am Rand des Schlossparks Favorite weichen? Die NABU-Ortsgruppe wirft der Rastatter Stadtverwaltung unsensibles Verhalten vor. Foto: NABU Rastatt

© pr

Mussten diese Bäume am Rand des Schlossparks Favorite weichen? Die NABU-Ortsgruppe wirft der Rastatter Stadtverwaltung unsensibles Verhalten vor. Foto: NABU Rastatt

„Mein Freund, der Baum, ist tot“ heißt es in einem zu Herzen gehenden Lied der Sängerin Alexandra von 1968. Heute vielleicht noch mehr als damals lösen gefällte Bäume am Wegesrand bei vielen Emotionen aus. Die Deutschen sind im Umgang mit der Natur sensibler geworden und schlagen Alarm, wenn der Vegetation zu Leibe gerückt wird. Was indes noch Hege und Pflege ist und wann der Frevel beginnt, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Bei der BT-Lokalredaktion meldeten sich diese Woche gleich mehrere Leser, die Fällaktionen auf Rastatter Gemarkung beobachtet hatten: in Förch beim Schloss Favorite, beim DJK-Gelände im Münchfeld und in der „Kleinen Brufert“ an der Murg Richtung Steinmauern.

NABU-Vorsitzender ist empört

Unter den Empörten ist Karl-Ludwig Matt, Vorsitzenden der Rastatter NABU-Ortsgruppe, und daher ein in der Sache durchaus Berufener: „Für mich ist unverständlich, weshalb hier überhaupt so massiv gerodet wurde“, bezieht er sich auf die Fällungen beim Schloss Favorite, „die Bäume standen in einem für Fußgänger nicht zugänglichen Bereich, weit abseits des Gehwegs. Zudem zeigen die abgesägten Baumstümpfe mit Neigung zum Schlosspark hin, sodass eventuelle Verkehrssicherheitsgefährdungen auszuschließen sind.“ Es möge zwar sein, dass der ein oder andere Baum im Kern eine Hohlstelle hatte, doch hätte es hier eine Schnittrücknahme auch getan, so Matt. Die Mehrzahl der Bäume sei gesund gewesen. Zudem waren einige ältere Bäume noch mit Efeu bewachsen – eine ausgezeichnete Futterquelle für Insekten im Herbst, für Vögel eine Nahrungsquelle im Winter, argumentiert er. Der NABU fordert deshalb eine umfassende Weiterbildung der Stadtmitarbeiter bezüglich Natur- und Artenschutz.

Laut Stadtverwaltung waren die Erlen bei Schloss Favorite krank und nicht mehr standsicher. Foto: NABU Rastatt

© pr

Laut Stadtverwaltung waren die Erlen bei Schloss Favorite krank und nicht mehr standsicher. Foto: NABU Rastatt

Mehr Schutz auch für Hecken gefordert

Statt der Rodungen schlägt Matt zudem Informationstafeln für die Bevölkerung vor, um über den großen Nutzen von Hecken und Bäumen für Insekten und Vögel aufzuklären – gerade an solch einem besucherträchtigen Ort wie Schloss Favorite. Neben der geplanten Baumschutzsatzung brauche Rastatt auch eine Heckenschutzsatzung. Die NABU-Ortsgruppe appelliert hier an die Fraktionen im Gemeinderat und an Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch persönlich.

Im Rastatter Rathaus sieht man die Sache anders. „Grundsätzlich freut es die Stadt Rastatt, dass den Bürgerinnen und Bürgern die Bäume so am Herzen liegen und dass sie deren Gedeihen sorgsam im Blick haben“, so die städtische Pressestelle auf BT-Nachfrage, „auch für die Stadt Rastatt sind Bäume überlebenswichtige ,Mitbewohner‘ und Garanten für gute Luft und ein gedeihliches Stadtklima“. Daher setze man sich „intensiv und engagiert“ für deren Pflege ein. Die städtischen Baumkontrolleure und der städtische Forst sowie auch die Mitarbeiter der Technischen Betriebe seien das ganze Jahr über im Einsatz, um das Wachstum der Bäume im Blick zu haben und eventuelle Schäden schnell zu entdecken und zu beheben. „Kein Baum, dies sei versichert, wird grundlos von der Stadt gefällt.“ Allerdings seien die meisten Schäden gar nicht auf den ersten Blick zu erkennen, sondern brauchten ein geschultes Auge. So auch bei den Fällen, die dem NABU aufgefallen sind: Im Zufahrtsbereich zum Schloss Favorite wurden fünf Schwarzerlen von knapp 20 Metern Größe gefällt. Eine Erle sei bereits komplett abgestorben gewesen. Allesamt wiesen sie zudem eine starke „Wipfeldürre“ bis hinein in den Stammastbereich auf.

Uneinigkeit über gefällte Erlen bei Schloss Favorite

Da die Standsicherheit der Erlen nicht mehr gegeben war, mussten sie laut Stadt ebenfalls aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden – denn nur vier Meter entfernt von den Bäumen ist die stark von Besuchern frequentierte Einfahrt zum Schloss. NABU-Mann Matt empfindet dies als „Schutzbehauptung“. In den vergangenen Jahren mussten laut Stadt bereits aus gleichem Grund Bäume gefällt werden. Bei anderen Bäumen in der Nähe wurden Kronensicherungsschnitte durchgeführt, aber der Stammtorso konnte bestehen bleiben, um ihn als Habitat zu erhalten. Möglich war dies, wie die Stadt mitteilt, weil die Bäume keine Stockfäule aufwiesen und wegen der größeren Entfernung keine Gefährdung für den Durchgangsverkehr waren. Daran sehe man auch: „Die Baumkontrolleure überprüfen wirklich jeden Einzelfall sehr genau und retten, wo es was zu retten gibt.

Beim DJK-Gelände müssen zehn Pappeln „dran glauben“

Beim DJK-Gelände mussten laut Stadt zehn Pappeln gefällt werden, die teilweise bis zu 30 Meter hoch waren. An allen Pappeln gab es eine massive Totholzbildung und Einschränkungen in der Vitalität. Am Stammfuß der Bäume wurde der Hallimasch entdeckt, ein äußerst aggressiver Pilz. Eine Pappel hatte zudem noch Stockfäule. Die extrem umsturzgefährdeten Bäume standen in unmittelbarer Nähe zum Rasenplatz des DJK und wären im Falle eines Umstürzens eine große Gefahr für den Spielbetrieb gewesen. Ebenso hätten sie den Straßen- und Gehwegbereich auf der anderen Seite treffen können. „Daher mussten sie aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden“, schreibt das Rathaus.

In der „Kleinen Brufert“ habe der städtische Forst auf einer etwa vier Hektar großen Waldfläche, die unmittelbar ans Wohngebiet Rheinau grenzt, Bäume gefällt, gerade um Baumartenvielfalt zu erhalten. Bereits in den 1990er Jahren hätten die Förster dort die natürliche Regeneration des Waldes eingeleitet. So konnten sich die Baumarten durch Samenabwurf vermehren und für eine artenreiche natürliche Verjüngung sorgen: Bergahorn, Hainbuche, Eschen, Stieleichen und eine große Anzahl von Nussbäumen, die durch Vogelsaat gekeimt und in die Höhe gewachsen sind, sollen den künftigen Bestand in der „Kleinen Brufert“ ausmachen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

Zum Artikel

Erstellt:
15. März 2021, 14:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 41sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.