Pfleger wegen sexueller Nötigung angeklagt

Rastatt (mak) – Ein 35-jähriger Mitarbeiter der Rastatter Klinik ist angeklagt, im März und Juli 2020 zwei männliche Patienten mit Medikamenten zuerst ruhiggestellt und dann sexuell genötigt zu haben.

In der Rastatter Klinik sollen im Vorjahr zwei männliche Patienten sexuell missbraucht worden sein. Foto: Markus Koch

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In der Rastatter Klinik sollen im Vorjahr zwei männliche Patienten sexuell missbraucht worden sein. Foto: Markus Koch

Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden hat Anklage wegen sexueller Nötigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung erhoben. Die Verhandlung findet am 22. November am Schöffengericht in Rastatt statt. Im ersten Fall wurde ein heute 29-jähriger Mann im März 2020 wegen starker Magenkrämpfe in einem Einzelzimmer behandelt. Zum Abendessen bekam er eine Tasse Tee, durch den er nach eigenen Angaben die Kontrolle über sich verlor und nicht mehr essen konnte. Der betreffende Mitarbeiter habe ihn daraufhin unter die Dusche getragen und gewaschen, besonders im Genitalbereich. Ein zweiter Vorfall habe sich in der Nacht ereignet: Er sei durch Geräusche aufgewacht und habe festgestellt, dass der Pfleger an seinem Glied manipuliere.

Des Weiteren soll sich der 35-Jährige im Juli 2020 zweimal an einem Patienten vergangen haben, der „um die 30 Jahre alt“ ist, wie Amtsgerichtsdirektor Klaus Felder im BT-Gespräch informiert. Das Klinikum Mittelbaden, das sich auf Anfrage des Badischen Tagblatts zunächst nur sehr knapp zu den besagten Vorfällen äußerte, nahm gestern Nachmittag nun ausführlicher Stellung: Im März vergangenen Jahres sei die Klinikleitung Rastatt unmittelbar nach Übernahme des Frühdienstes über von einem Patienten geäußerte Missbrauchsvorwürfe informiert und sofort tätig geworden, wie Sybille Müller-Zuber, Leiterin der Unternehmenskommunikation, mitteilt: „Es erfolgte unmittelbar um 7.15 Uhr das erste Gespräch durch die Pflegedirektion mit dem Patienten, in dem dieser über einen körperlichen Übergriff in der besagten Nacht durch den diensthabenden Pfleger berichtete.“

Der beschuldigte Mitarbeiter sei noch am gleichen Vormittag zu einem Personalgespräch geladen worden, in dem er die Vorwürfe „unter Zeugen vehement bestritt“. In einem weiteren Gespräch mit dem Patienten habe dieser „auch die Möglichkeit eines Traumes“ geäußert und sich von den Vorwürfen distanziert. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt sei bekannt geworden, dass die im Rahmen der Behandlung verordneten Medikamente Wahrnehmungsstörungen auslösen können. In einem zweiten Gespräch habe sich der Patient entschlossen, keine Anzeige zu erstatten: „Aus diesem Grund wurden von Seiten des Klinikums Mittelbaden auch keine weiteren Maßnahmen veranlasst“, erläutert Sybille Müller-Zuber.

Nach zweitem Vorfall Kripo eingeschaltet

Nach dem Vorfall im Juli 2020 habe man sofort die Kriminalpolizei benachrichtigt, die umgehend die Ermittlungen aufgenommen habe. „Der Mitarbeiter wurde sofort freigestellt und ein Hausverbot ausgesprochen. Der beschuldigte Mitarbeiter hatte nach Bekanntwerden des Vorfalls keinerlei Patientenkontakt mehr“, betont die Pressesprecherin des Klinikums. In der Folge sei das Arbeitsverhältnis mit dem Pfleger zum 31. Juli 2020 beendet worden: „Alle arbeitsrechtlichen Möglichkeiten wurden ausgeschöpft.“ Der beschuldigte Mitarbeiter war von 2011 bis 2017 und erneut ab 2020 im Klinikum Mittelbaden beschäftigt.

Im Hinblick auf den mutmaßlichen Einsatz von ruhigstellenden Medikamenten meint Müller-Zuber: „Wir wissen nicht, ob Medikamente außerhalb der ärztlichen Anordnungen verabreicht wurden, ein Fehlbestand der betäubungspflichtigen Medikamente lag nicht vor.“ Weitere Verdachtsfälle seien nicht bekannt. Das Wohl der Patientinnen und Patienten habe oberste Priorität beim Klinikum Mittelbaden, so die Leiterin der Unternehmenskommunikation. Jegliche Form eines Fehlverhaltens werde „unter keinen Umständen toleriert“ und man werde „alles daransetzen, um eine lückenlose Aufklärung“ des Falls zu gewährleisten. „Wir bedauern diese durch einen einzelnen, ehemaligen Mitarbeiter verursachten mutmaßlichen Vorkommnisse zutiefst und werden auch nochmals das persönliche Gespräch mit den beiden betroffenen Patienten suchen“, sichert sie zu.

Amtsgerichtsdirektor Klaus Felder bestätigt, dass die Klinikleitung den Akten zufolge kooperativ gewesen sei. Die Anklage am Schöffengericht sei zugelassen und das Hauptverfahren eröffnet. Zu der Verhandlung am 22. November sind elf Zeugen und ein Sachverständiger geladen. Bei sexueller Nötigung gebe es „im Normalfall“ einen Strafrahmen von sechs Monaten bis fünf Jahre. „Doch hier liegen Besonderheiten vor, sodass sich der Rahmen zwischen einem Jahr und 15 Jahren bewegt“, verdeutlicht Felder. Im Falle einer Verurteilung könnte zudem auch ein Berufsverbot ausgesprochen werden.


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