Philharmonie im Lockdown: Perlen und Weltpremieren

Baden-Baden (hol) – Langeweile ist ein Fremdwort: Die Philharmonie nutzt die Zeit im Lockdown zum Proben völlig neuer Stücke. Chefdirigent Pavel Baleff ist im Archiv fündig geworden.

Viele neue Stücke im Repertoire: Die Philharmonie ist während der zweiten Corona-Welle nicht untätig. Foto: Bernhard Margull

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Viele neue Stücke im Repertoire: Die Philharmonie ist während der zweiten Corona-Welle nicht untätig. Foto: Bernhard Margull

Die zweite Corona-Welle schwappt übers Land, das Kulturleben steht still. Fast überall. Doch nicht bei der Baden-Badener Philharmonie. Sie spielt in voller Stärke im Weinbrennersaal. Ihr Publikum: vier Kameras und etliche Mikrofone. Das Orchester widmet sich in diesen Wochen mit Begeisterung dem Einüben ganz neuer Stücke und nimmt ein Musikvideo sowie eine CD auf.

„Unser Orchesterarchiv birgt die Noten von rund 8.000 Stücken“, sagt Chefdirigent Pavel Baleff. „Aber wir spielen in der Regel nur 400 bis 500 davon.“ Um das zu ändern, ist Baleff im November fast jeden Tag ins Archiv gegangen, hat alte, längst verstaubte Partituren unbekannter Komponisten mitgenommen hinauf ins Büro unter dem Dach von Schloss Solms, hat sich die Noten durchgeschaut und dabei eine ganze Reihe unentdeckter musikalischer Schätze gehoben, mit denen nun das Repertoire der Philharmonie erweitert wird.

Im Archiv der Philharmonie liegen die Noten von etwa 8.000 Stücken. Foto: Harald Holzmann

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Im Archiv der Philharmonie liegen die Noten von etwa 8.000 Stücken. Foto: Harald Holzmann

„Es war eine interessante Entdeckungsreise“, erzählt er. „Von vielen dieser Stücke gibt es keine Aufnahmen im Internet.“ Deshalb saß Baleff auch oft am Klavier, das vor seinem Schreibtisch steht, und spielte die alten Noten nach, um zu schauen, „ob das was ist für unser Orchester“. Auf diese Weise haben die Musiker jede Woche ein neues Probenprogramm bekommen. „Wir hatten keinen einzigen Tag schlechte Stimmung oder Langeweile trotz Corona“, sagt er.

„Das Festmahl einer Spinne“

Und nicht nur das. Auch das Ergebnis kann sich sehen lassen. „Wir haben vier bis fünf komplett neue Programme eingespielt“, sagt Baleff – und zuletzt habe man ein Musikvideo aufgenommen, das die Essenz dieser Arbeit zeigt. „Von diesen Stücken existiert sonst keine Aufnahme im deutschsprachigen Raum. Das sind Stücke, die man hierzulande nicht kennt“, sagt er. Das Video soll demnächst im Internet für alle Fans der Philharmonie abrufbar sein.

Beispiele gefällig? Werke des französischen Spätromantikers Benjamin Godard sind unter den Funden aus dem Philharmonie-Archiv, ein Stück des aus dem Elsass stammenden Komponisten Gabriel Pierné und drei Sätze aus dem Einakter-Ballett „Liebeslist“ des Russen Alexander Glasunow. „Das ist ein schöner Mix aus französischer und russischer Musik in der großen Ballett-Tradition von Tschaikowsky“, schwärmt Baleff. Demnächst werde man sich mit „Das Festmahl einer Spinne“ beschäftigen – einem programmatischen Musikstück des Franzosen Albert Roussel, das musikalisch genau das erzählt, was im Titel steht. Ameisen werden darin vertont, ein Schmetterling und natürlich auch die Spinne. Auch von diesem Fundstück aus dem Archiv „wollen wir ein Video aufnehmen“, sagt Baleff. „Die französische Stilrichtung gelingt uns immer besser“, betont er. „Das können beileibe nicht alle deutschen Orchester so gut wie wir.“ Und dann plant die Philharmonie in diesem Corona-Jahr noch eine Weltpremiere beim Plattenlabel „DMG“: eine CD mit den schönsten Kompositionen des deutschen Musikkünstlers Egon Gabler.

Die Arbeiten für die Aufnahme gemeinsam mit Friederike Roth, einer der profiliertesten jungen Klarinettistinnen Deutschlands, hätten schon im Frühjahr stattfinden sollen. Die junge Frau hat den weitgehend vergessenen Komponisten und Klarinettisten wiederentdeckt und die Noten und Rechte für etliche seiner Kompositionen erworben. Doch die erste Corona-Welle machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. „Wenn wir wie bisher weiter spielen dürfen, dann können wir diese CD jetzt aufnehmen“, ist Baleff optimistisch, den die Rolle des Motivators seiner Philharmonie „sehr erfüllt“.

Baleff bald Chef in Limoges und Nordhausen

Und 2021? Da steht beispielsweise eine Zusammenarbeit mit einer der weltweit renommiertesten Dirigierklassen an: Die Klasse der Züricher Musikhochschule sollte im Januar nach Baden-Baden kommen. Doch coronabedingt ist alles noch mit vielen Fragezeichen versehen. Fallen die Abo-Konzerte aus? Was ist mit den Konzerten für die Suche eines Nachfolgers für die Stelle des Chefdirigenten? Und müssen die Philharmoniker doch noch in Kurzarbeit gehen? Viele Fragen beschäftigen Baleff – und auch die, ob der Weinbrennersaal überhaupt genutzt werden kann, wenn im Kurhaus ab Januar ein Impfzentrum untergebracht ist.

Findet seine Erfüllung als Motivator der Philharmonie: Pavel Baleff. Foto: Harald Holzmann

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Findet seine Erfüllung als Motivator der Philharmonie: Pavel Baleff. Foto: Harald Holzmann

Es spricht jedenfalls eine ganze Menge dafür, dass auch die letzten Monate von Pavel Baleff in Baden-Baden alles andere als alltäglich werden. Mitte 2022 endet sein Vertrag in der Kurstadt bekanntlich. Der aus Bulgarien stammende Künstler, der mit seiner Familie in Baden-Baden wohnt und hier auch bleiben möchte, freut sich aber schon auf seine künftigen Aufgaben – als Generalmusikdirektor des Theaters Nordhausen und des Loh-Orchesters Sondershausen sowie als Musikdirektor und Chefdirigent der Oper im französischen Limoges. Zudem hat er feste Engagements in Dänemark und in der Schweiz. Aber auch Baden-Badener Baleff-Fans müssen sich nicht grämen: Für fünf weitere Spielzeiten wird er bis 2027 als „Dirigent in Residenz“ bei der Philharmonie Baden-Baden wirken.

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Erstellt:
13. Dezember 2020, 20:00 Uhr
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