Pionier an Kettensäge: Bildhauer Rennertz wird 70

Baden-Baden (cl) – Holzskulpturen aus Keilformen im menschlichen Maß sind sein Markenzeichen. Der Bildhauer Karl-Manfred Rennertz gehört zu den Pionieren an der Kettensäge. Am Dienstag wird er 70.

Viel Freude an der Kunst: In der Karlsruher Galerie Rottloff wird Karl Manfred Rennertz gerade eine Ausstellung gewidmet.  Foto: Archiv KMR

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Viel Freude an der Kunst: In der Karlsruher Galerie Rottloff wird Karl Manfred Rennertz gerade eine Ausstellung gewidmet. Foto: Archiv KMR

Er gehört zu den Pionieren an der Kettensäge. Schon früh hat sich der in Baden-Baden lebende Bildhauer Karl Manfred Rennertz dem Holz zugewandt und mit der Motorsäge Skulpturen aus mächtigen Stämmen geschält. Figuren im menschlichen Maß aus stark akzentuierten Keilformen sind zu seinem Markenzeichen geworden. Geboren wurde er 1952 in Eschweiler, wo seine Familie im benachbarten Ort Langerwehe seit 800 Jahren eine Keramikfabrik führt. Der Umgang mit der plastischen Gestaltung war ihm in die Wiege gelegt worden, allerdings widmete er sich mit Lust und großem Erfolg seit dem Kunststudium an der renommierten Düsseldorfer Akademie lieber dem Holz, auf ressourcenschonende Art und Weise.

Das Holz kam 1971 quasi von selbst zu dem Kunststudenten. „Ich hatte Lust, viel aus Holz zu machen, und direkt vor der Kunstakademie wurde gerade eine Baumallee gefällt“, erinnert er sich. Rennertz war Meisterschüler von Alfonso Hüppi, der selbst seit 1964 in Baden-Baden lebt und seinen Eleven 1982 in die Kurstadt lockte. Seitdem wohnt und arbeitet der umtriebige Bildhauer und Kunstprofessor Rennertz hier. Werke von ihm kann man auch im öffentlichen Raum in Baden-Baden sehen, seit 2011 steht sein Paar „Philemon und Baucis“ auf dem Goetheplatz vor dem Theater – in Bronze, fürs Freie das Material seiner Wahl. Seit über 25 Jahren ist er auch erster Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde junger Kunst, dessen Geschichte eng mit der Kunsthalle Baden-Baden verbunden ist; rund ums Alte Dampfbad, dem Sitz des Kunstvereins der Künstler, hat er im Corona-Jahr 2021 eine große Skulpturenschau initiiert, die bald fortgesetzt werden soll. Am Dienstag, 25. Januar, wird Rennertz 70.

In den 1970er Jahren gehörte der Düsseldorfer Kunststudent Rennertz zu den ersten, die mit der Kettensäge Holz bearbeiteten, einem damals in der Bildhauerei völlig unüblichen Instrument. Der Stahl beherrschte die plastische Kunst. Das war noch bevor Kollege Baselitz auf der Biennale von Venedig 1980 mit seiner grobschlächtigen, bemalten Holzarbeit an die Öffentlichkeit trat und einen Skandal auslöste. Rennertz gewann mit seinen expressiven, kantig aus dem Block gesägten Figuren von monumentalem Ausmaß früh viele Wettbewerbe und internationale Stipendien.

Dem harten Werkstoff rang er anfangs feine Porträts ab, täuschend echt wirkende Taschen und moderne Frauenfiguren in Kleidern mit Glockenrock, in Jeans und Bluse. Für eine Auftragsarbeit in Basel porträtierte er 20 Menschen in Holz – und schuf eine Roboterserie, zusammengesetzt wie Gliederpuppen. Dann war Schluss mit naturalistischen Körperrundungen. „Ab da wurden meine Figuren gotisch länger, alle über zwei Meter in expressiver Geste“, sagt Rennertz rückblickend.

Rennertz-Werke in etlichen deutschen Museen

In seinem Sinzheimer Atelier in der Dimension einer Industriehalle stehen Paraden seines Schaffens. Bis zu 2,80 Meter hohe Holz-Figuren, Säulen, Paare, Keile, sogenannte Schattenmänner und -frauen. Wie überdimensionale Silhouetten von Holzzapfen wirken ihre Gliedmaßen. Auch ein Exemplar der Boot-Serie aus Tulpenbaumholz von 2007 – außen Gold, innen feuergeschwärzt – ist vorhanden, genauso hohlwangige Masken oder Köpfe. Objekte aus großen Splitter-Resten hängen an der Wand, ausgehöhlte Baumstämme tragen außen Natur, innen in Falten gelegte Bildhauerei. Vieles wird bei ihm verwertet. Neu ist die bemalte und gebrannte Dachpappenserie, die an einen Karlsruher Sammler gehen wird. Das Isoliermaterial blieb einst beim eigenen Hausumbau übrig.

Regelmäßig legen die Gartenbauer aus der Region Baumstämme vors Atelier-Tor – querbeet von Thuja, Lindenholz, Eichen- bis Exotenholz, ein ganzes Arsenal wartet auf die künstlerische Umgestaltung. Die Kavenzmänner kann Rennertz nur mit dem Gabelstapler bewegen. Am liebsten sind ihm Mammutbäume. „Sie sind schwer, wenn sie kommen, aber leicht, wenn sie gehen – denn sie sind anfangs voll Wasser.“ Ein Rest eines gefällten Baums aus der Lichtentaler Allee, mit dem er 2018 einen Beitrag zur „Ausstellung des Ausstellens“ von Johan Holten, dem nach Mannheim gewechselten Kunsthallen-Direktors (mit Guckloch in den Park) schuf, hat Rennertz noch übrig. Demnächst will er mit der Motorsäge dran. Sie ist für ihn wie ein verlängerter Arm. „Damit kann ich gleich ein paar Volumen wegnehmen, um so weit wie möglich an das geplante Original heranzugehen.“ Auch filigrane Einkerbungen schnitzt er von Anfang an mit ein und derselben Säge. Die Skulptur soll eine möglichst einheitliche Arbeitsstruktur erhalten. Am Ende erhält das Naturholz noch eine Lasur: in Rot, Aquamarin-Blau oder Weiß, um die Oberfläche „abzuschließen“. Oder er schwärzt sie mit Feuer für den samtig-dunklen Look.

In vielen deutschen Museumssammlungen – von Stuttgart, Mannheim, Düsseldorf bis Bremen – befinden sich Rennertz-Skulpturen, im Centre Pompidou und in der Japan Foundation. An der Triennale-India in Neu-Dehli nahm Rennertz 1986 teil, vor Schloss Hellbrunn 1992 die „Salzburger Säule“ abgeflammt und 2002 eine Brandaktion in der Lichtentaler Allee veranstaltet.

Rund 15 Jahre hat Rennertz auch als Professor für Plastisches Gestalten an der Hochschule Nordwestfalen-Lippe in Detmold gewirkt. Generationen von Innenarchitektur-Studenten brachte er in dieser Zeit zu Sommerakademien nach Baden-Baden an den Florentinerberg nahe der Gesellschaft der Freunde junger Kunst. Resultat eines Wettbewerbs unter Detmolder Studenten ist das Denkmal für den Sozialdemokraten Friedrich Ebert am gleichnamigen Platz in Baden-Badens Innenstadt.

Anlässlich des runden Geburtstags wird es einige Einzelausstellungen zum Werk von Karl Manfred Rennertz geben. Eine große Schau ist gerade in der Karlsruher Galerie Rottloff eröffnet worden, weitere folgen in der Pfalz und in Leonberg.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
25. Januar 2022, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 43sec

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