Plädoyer für „echte“ Nachhaltigkeit

Baden-Baden (tas) – Kommunalforum der Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg diskutiert in Baden-Baden über die Bekämpfung der Klimakrise.

Gäste und Gastgeber des Kommunalforums der Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg. Foto: Wolfgang List/perfectfotos.com

© Wolfgang List

Gäste und Gastgeber des Kommunalforums der Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg. Foto: Wolfgang List/perfectfotos.com

Nachhaltigkeit – ein Begriff, der heute viel bemüht wird, wenn es um zukunftsgerichtete Produkte, Dienstleistungen und Entscheidungen geht. Für Harald Welzer bedeutet dieser Begriff heute nichts mehr. „Nachhaltigkeit ist zum Bullshitwort geworden“, sagt der Soziologe und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei in Berlin.

Fehlgeleitete Denkweise

Welzer (Foto: perfectfotos.com) hatte unbequeme Ansichten zum Kommunalforum der Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg mitgebracht, das gestern im Kongresshaus Baden-Baden stattfand. Er sprach über die Kosten des über die letzten 150 Jahre anhaltenden Wirtschaftswachstums auf der Welt und über die aus seiner Sicht fehlgeleitete Denkweise zur Bekämpfung der Klimakrise.

Die Lösung der sozialen Frage, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland die Gesellschaft befriedet habe, sieht er zwar als „gigantisches Erfolgsprojekt“. Stattgefunden habe das aber auf Kosten der Naturzerstörung. „Das fällt uns im 21. Jahrhundert auf die Füße.“

Krisen der Vergangenheit, wie die Ölkrisen der 1970er oder die Weltfinanzkrise ab 2007, seien verhandelbar gewesen, Corona, das Artensterben oder die Erderhitzung seien dagegen Endlichkeitskrisen: „Wir haben ein Gegenüber, das kein Verhandlungspartner ist.“ Deswegen führten die bekannten auf Kompromiss fußenden Strategien hier auch nicht zum Erfolg. „Sich Ziele zu setzen, anstatt Politik zu machen“, führe in die Sackgasse. Die Städte und Gemeinden sieht er daher als Problemlöser an. „Je weiter man in der Hierarchie nach oben geht, desto abstrakter werden die Probleme behandelt“, auf der kommunalen Ebene stecke viel mehr Power und Mut zur Entscheidung.

„Bitte nicht zulasten des Stadtbildes“

Baden-Badens Oberbürgermeisterin Margret Mergen (Foto: Henning Zorn) sieht aber auch hier einen entscheidenden Knackpunkt bei der Bewältigung der Klimakrise. Sie kritisiert den oft verengten und kurzfristigen Blick auf das Thema Nachhaltigkeit. „Im Gemeinderat, in der Öffentlichkeit, in der Bürgerschaft, in den Medien ist das Kurzlebige viel stärker angesagt.“ Photovoltaikanlagen auf den Dächern wären zwar gut, „aber bitte nicht zulasten des Stadtbildes“. Sichere Radwege und ein Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs wären toll, „aber nicht zulasten der Autofahrer“. Mergen: „Ich kann nur Mut machen, diese langfristige Perspektive immer wieder einzunehmen, auch wenn wir dafür nicht Applaus bekommen, denn nur so können wir unsere Städte auch für die nächste Generation gut entwickeln.“

Auch das Thema Genehmigungsverfahren gestaltet sich als Flaschenhals, wie Uli Burchardt, der Oberbürgermeister von Konstanz, berichtet. Innerhalb von zehn Jahren könne nicht einmal ein Radschnellweg gebaut werden. Im Präsidium des Deutschen Städtetags hat er sich jüngst mit Kollegen aus anderen Rathäusern zu dem Thema ausgetauscht. Tenor: „Mit den bestehenden Genehmigungsverfahren und -geschwindigkeiten werden wir das Ziel niemals erreichen.“

„Gefesselte Treiber des Klimaschutzes“

Was Burchardt damit meint, ist unter anderen der sogenannte Green Deal der EU. Hier setzt sich die europäische Gemeinschaft das Ziel, Treibhausgasemissionen um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. „Wir Städte sind gefesselte Treiber des Klimaschutzes.“ Diese Botschaft senden die deutschen Städte auch an die Partner der Koalitionsverhandlungen.

Für Welzer ist ohnehin klar: Die Weltwirtschaft werde es zum einen nicht schaffen, sich bis zum Jahr 2050 zu dekarbonisieren. Und zum anderen werde das auch nicht die Lösung des Problems sein. „Die ganze ökologische Debatte verengt sich auf den Bereich Technik und Ingenieurwissen. Wir kommen nicht raus aus diesem System.“ Doch der Bedarf an Energie und Material auf der Welt werde trotz des technischen Fortschritts immer weiter wachsen. „Es geht aber darum, Frieden mit der Natur zu schließen.“ Selbst der frühere Bundeskanzler Ludwig Erhard, einer der Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft, habe schon in den 1950er-Jahren ein Konzept für die Zeit nach der Wertsteigerung gefordert.

Mit Politikern auf Augenhöhe diskutieren

Pessimismus will Welzer, der seit rund zehn Jahren Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg ist, trotzdem nicht aufkommen lassen. Die „angstfreien Jugendlichen“, beispielsweise die der Bewegung „Fridays for Future“, diskutierten mit gestandenen Politikern auf Augenhöhe. Das mache ihm Mut. Der Soziologe sieht die Veränderung und Verbesserung von Gesellschaften als „supertolle Sache“. Eine autofreie Stadt, weil sie lebenswerter sei, nicht weil der Klimawandel es gebiete. „Die Überschrift sollte nicht lauten: ‚Weil wird es müssen‘, sondern ‚weil wir es können‘.“


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