Poesie in immer schnellerem Tempo im Baden-Badener Theater

Baden-Baden (co) – Der 30. Poetry Slam des Vereins Art Bankett hat im Baden-Badener Theater stattgefunden – mit Teilnehmern aus der ganzen Region.

Sieger Daniel Wagner (rechts vorne) bekommt als symbolischen Preis ein Badetuch von Moderator Phriedrich Chiller überreicht.  Foto: Conny Hecker-Stock

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Sieger Daniel Wagner (rechts vorne) bekommt als symbolischen Preis ein Badetuch von Moderator Phriedrich Chiller überreicht. Foto: Conny Hecker-Stock

Es war der 30. Poetry Slam des Vereins Art Bankett in der Kurstadt und damit ein kleines Jubiläum der seit 2012 hier laufenden Veranstaltung. Moderator Phriedrich Chiller zeigte sich glücklich über die Kooperation mit dem Baden-Badener Theater, wo die große Poesie und Wortkunst einen wunderbaren Rahmen für die alljährlichen vier bis fünf Veranstaltungen finde.

Souverän hielt er sich an die Auflagen, desinfizierte immer wieder den Mikrofonständer und erinnerte die Wortakrobaten, bei jedem Auftritt ihr eigenes „Präservativ“ über das Mikro zu ziehen. Die fünf Geschichtenerzähler kamen sogar aus so fremden Ländern wie Hessen, und alle machten ihren Job gut, sodass die Wahl schwerfiel.

Abstimmung per „Applausometer“

Zu Beginn wurde das Publikum in den „Applausometer“ eingewiesen, dessen erste Stufe auch als Racheakt am Künstler verstanden werden könnte, während die Vergabe der höchsten zehn Punkte mindestens Lustschreie und einen kollektiven verbalen Orgasmus beim Theaterpublikum entfachen sollte. Ohne jede Requisite auf der Bühne zählte allein die persönliche Performance, die der Sieger, Daniel Wagner aus Heidelberg, perfekt beherrschte.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen an diesem Abend spielte er mit vollem Einsatz, veränderte Sprachmodulation und stimmliche Nuancen, was seinen durch und durch pfiffigen Texten auch stimmungsmäßig große Authentizität verlieh. So stöhnte er angesichts der unzähligen Fragen und Formulare für die Corona-Soforthilfe und freute sich, dass am Ende mit der Auszahlung von etwas über 100 Euro sein Überleben gesichert scheint. Wagner zeigte in der Finalrunde nicht nur die Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen wie fallende Masken, geistige Armut und Flaggenschau bei Corona-Leugnern, er ratterte zudem seine Poesie in immer schnellerem Tempo herunter, dass man ihm kaum zu folgen vermochte. Welch ein Seufzen und Raunen war doch dagegen seine romantische Ode an Baden-Baden.

Eng auf den Fersen war ihm Marina Siegel aus Konstanz, die in dem gereimten „Signorina“ ihre auf dem kleinen Campingplatz in Italien geweckte Reiselust ihren Geldsorgen gegenüberstellte, die ihre Sehnsucht nach Farbe und exotischen Tieren erstickte und den Reisenden verdeutlichte, letztendlich doch nur ihr Zuhause mitzunehmen. Im Hinblick auf die seit Marie Curie erstmals wieder weiblichen Nobelpreisträgerinnen für ihr eigenes Studienfach Chemie brach sie eine Lanze dafür – ganz unter dem Motto „hier stimmt die Chemie“.

Ebenfalls in die Finalrunde hatte es Karsten Hohage geschafft mit einem bis zu den Jägern und Sammlern zurückreichenden Exkurs über grillende Männer und ihre die Höhle mit Früchten, Beeren und Kindern vollstopfenden Frauen. Krötenretter nahm er aufs Korn mit seinen in der Zoohandlung ausgeliehenen Delfinen, die er tapfer mehrfach über die Straße trug.

Konstantin Korovin verdeutlichte auf witzige Art, dass zwei Worte Russisch härter klingen als jeder Song von Rammstein. Bei Maurice Meijer war deutlich herauszuhören, dass er einen längeren Aufenthalt in Mittel- und Südamerika hinter sich hat. Schüttelte er doch in seinem Text immer wieder spanische und deutsche Passagen durcheinander, in variierendem Ausdruck und teils fast gesungen, mit dem Tenor „kreiere dir deine eigene Welt“.

Bevor Sieger Daniel Wagner als symbolische Trophäe ein Badetuch mit der Aufschrift „Alle nass gemacht“ entgegennahm, unterhielt vor der Finalrunde Sänger Stefan Ebert die Besucher im Baden-Badener Theater.

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Erstellt:
13. Oktober 2020, 11:00 Uhr
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