Politische Töne aus der Klassik-Szene

Baden-Baden (kie) – Neben einer Vielzahl an Rock- und Popmusikern, äußern sich auch vermehrt Künstler aus der klassischen Sparte zu politischen Themen und Fragestellungen. Ein Beispiel ist Igor Levit.

Igor Levit spielt nicht nur auf den großen Bühnen, sondern auch bei Kundgebungen oder – wie hier – im Rahmen des Protests im Dannenröder Forst Ende 2020. Foto: Boris Roessler/dpa

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Igor Levit spielt nicht nur auf den großen Bühnen, sondern auch bei Kundgebungen oder – wie hier – im Rahmen des Protests im Dannenröder Forst Ende 2020. Foto: Boris Roessler/dpa

Heute eröffnet das Festspielhaus Baden-Baden mit einem Gastspiel von Igor Levit im Rahmen der 28. Brahmstage die Saison. Doch Levit ist nicht nur begnadeter Pianist und Shootingstar der Klassik-Szene, er betätigt sich auch politisch. Dabei ist er nicht allein: Neben einer Vielzahl an Rock- und Popmusikern, äußern sich auch vermehrt Künstler aus der klassischen Sparte zu politischen Themen und Fragestellungen.

Levit hatte es im Vorfeld zur morgen stattfindenden Bundestagswahl angekündigt: „Ich werde mich, so wie ich es kann und wie es sich richtig anfühlt, in den letzten Wochen des Wahlkampfes beteiligen“, sagte der in Russland geborene Deutsche vor rund einem Monat gegenüber der Deutschen Presseagentur. Gemeinsam mit anderen Künstlern und Prominenten rief er unlängst in einem Youtube-Video mit klarer Botschaft an die künftige Regierung zu mehr Klimaschutz auf. Politisch aktiv ist Levit, der Mitglied bei den Grünen ist, jedoch nicht erst seit diesem Jahr.

Auf seinem Twitter-Kanal, dem knapp 160.000 Personen folgen, positioniert er sich schon länger gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Menschenrechtsverletzungen. Sowohl die Umweltbewegung Fridays for Future als auch den Protest im Dannenröder Forst begleitete er musikalisch am Klavier – letzteren auf Einladung der Umweltschutzorganisation Greenpeace.

Für gesellschaftliches Engagement geehrt

Als die beiden Rapper Farid Bang und Kollegah 2018 einen Echo verliehen bekamen, gab Levit, der aus einer jüdischen Familie stammt, seinen vier Jahre zuvor erhaltenen Echo Klassik aus Protest zurück und erklärte: „Antisemitischen Parolen eine solche Plattform und Auszeichnungen zu geben, ist unerträglich.“ Während der Corona-Pandemie unterstützte er mithilfe von Benefizkonzerten und dem Verkauf von Notenblättern Kollegen aus der Kulturbranche. Im vergangenen Herbst wurde Levit für sein gesellschaftliches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Der bekannte Berliner Cellist Alban Gerhardt hat sich ebenfalls in der Vergangenheit klar positioniert: Für ein weltoffenes Europa ohne Hass und Hetze. Inspiriert von den „Pulse of Europe“-Kundgebungen, an denen auch er sich musikalisch beteiligte, hat Gerhardt die Gruppe „Musicians 4 Europe“ initiiert. Klassik-Stars wie etwa die Geigerin Lisa Batiashvili, die bereits mehrfach Stellung gegen Wladimir Putin bezogen und Menschenrechtsverletzungen in Russland angeprangert hat, unterzeichneten das Manifest, das sich gegen nationalistische Tendenzen wendet.

Auch der Sänger Thomas Quasthoff oder der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes unterschrieben. „Insbesondere Daniel Hope und Steven Isserlis haben sich sehr stark in die Formulierung und Thesenfindung des Manifests eingebracht“, erzählt Gerhardt in einem Interview mit dem Klassik- und Opern-Magazin concerti.

Mit einem politischen Statement gegen Abschottung und Nationalismus fielen auch die Dresdner Sinfoniker im Jahr 2017 auf, als sie gemeinsam mit mexikanischen und US-amerikanischen Musikern ein Musikfest an der Mauer zwischen den USA und Mexiko initiierten. Und der weltweit bekannte argentisch-israelische Dirigent und Pianist Daniel Barenboim gründete gemeinsam mit dem US-Literaturtheoretiker palästinensischer Herkunft Edward Said und dem deutschen Kulturmanager Bernd Kauffmann 1999 das West-Eastern Divan Orchestra, das zur Aussöhnung im Nahostkonflikt beitragen soll. Das alles sind Beispiele, in denen Musik zum Mittel der Völkerverständigung wird.

Teilweise Kritik vonseiten der Medien

Doch dieses Ziel erachten nicht alle Musiker der Klassik-Szene als per se gewinnbringend: Politisches Engagement wird etwa auch von dem Cellisten Matthias Moosdorf betrieben, der offen rechts-national auftritt und als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem Bundestagsabgeordneten der AfD tätig ist. Als Mitglied der Partei tritt er bei der Bundestagswahl als Direktkandidat in Zwickau an. Bis 2019 war Moosdorf Mitglied des renommierten Leipziger Streichquartetts und fiel auch durch beleidigende Facebook-Kommentare auf. Der ehemalige Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolff, hat aufgrund eines solchen Eintrags gar Strafanzeige gegen Moosdorf wegen Beleidigung und übler Nachrede gestellt, der von der Staatsanwaltschaft Leipzig zurückgewiesen wurde.

Dass sich Musiker politisch äußern, gefällt nicht jedem: Eine Musik-Redakteurin der Zeit zeigte sich etwa genervt von dem Engagement, das sie bei Gerhardt und Levit mit Attributen wie „wohlfeil“ und „betulich“ umschrieb und wenig mutig findet. Die Musiker würden „alles selbstverständlich zu Verneinende“ wie Krieg, Gewalt oder Faschismus verneinen, hätten dabei aber nicht mit Repressionen zu rechnen. Levit hingegen beschreibt in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur, wie unausweichlich politisches Handeln für ihn selbst ist, wenn er sagt: „Ist Kunst für mich persönlich eine politische Angelegenheit? Ja selbstverständlich, denn ich bin ein sehr politischer Mensch. Ich kann beides nicht trennen und verhandele auch mithilfe von Musik das, was ich in der Welt sehe.“


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