Polizeipräsident Renter geht in Ruhestand und blickt zurück

Offenburg (BNN) – Der Offenburger Polizeipräsident Reinhard Renter geht in Ruhestand. Er blickt auf Jahrzehnte der Polizeiarbeit zurück – und hat dabei manches erlebt.

War mehr als ein Mal dabei, als die Polizei im Südwesten neu erfunden wurde: Reinhard Renter. Foto: Wolfgang Kramer/Polizeipräsidium Offenburg

War mehr als ein Mal dabei, als die Polizei im Südwesten neu erfunden wurde: Reinhard Renter. Foto: Wolfgang Kramer/Polizeipräsidium Offenburg

Fünf Jahre hat er draufgepackt. Während andere Arbeitnehmer schon Jahre vor dem ersten Rentenbescheid ungeduldig die Wochen zählen, hat der Offenburger Polizeipräsident Reinhard Renter so lange gearbeitet wie es irgendwie möglich war. Fünf Jahre, um die Folgen der großen Strukturreform im Polizeipräsidium mit seinen drei Kreisen (Baden-Baden, Rastatt und Ortenau) noch umzusetzen.

Um mit dem Neubau in der Offenburger Oststadt noch eine unhaltbare Arbeitssituation seiner Beamten zu regeln und gewiss auch aus Pflichtgefühl. Jetzt aber ist für Renter, den immer akribisch gekleideten, korrekten, höflichen und manchmal auch für Kränkungen empfänglichen Chef von 1.600 Mitarbeitern, Schluss. Endgültig.

Am 19. Mai wird ihn Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) in Offenburg verabschieden. Im großen Kreis, ist anzunehmen, so wie er damals das Amt übernommen hat, um das er so lange kämpfen musste. Alles was Rang und Namen hatte, war im Dezember 2017 in den Festsaal der Acherner Illenau gekommen, wohl auch, weil für Renter eine turbulente Zeit zu Ende ging. Fast zweieinhalb Jahre hatte er nach Querschüssen mutmaßlich aus den eigenen Reihen bangen müssen. Dabei galt er lange schon als gesetzt, hatte er doch schon acht Jahre lang die Polizeidirektion Offenburg geführt.

„Wir befinden uns auf dem Weg der digitalen Transformation“

In 47 Jahren hat Renter mehr als einmal miterlebt und letztlich mitgestaltet, wie sich die Polizei im Südwesten neu erfunden hat. Und es geht weiter. „Wir befinden uns derzeit auf dem Weg der digitalen Transformation“, antwortet Renter auf die für den Laien gelinde gesagt erstaunliche Beobachtung, dass die Beamten auch heute noch die „Vorkommnisse“ also das, was den Tag der Polizisten auf der Straße taktet, handschriftlich auf einem Klemmbrett aufnehmen, um sie anschließend in den Computer zu tippen. Ein Unding in Zeiten, wo jeder Gemeinderat lässig übers Tablet wischt, und auch die Schüler längst in der digitalen Welt aufwachsen.

„Das Innenministerium entwickelt gerade mit der Polizei die neue Welt, die aus Tablets statt aus Klemmbrettern besteht“, sagt Renter loyal. Kein Wort der Kritik, dass dies erst jetzt geschieht. Stattdessen blickt er nach vorne, darauf, dass man sich bald auch mit der Staatsanwaltschaft auf elektronischem Wege austauschen könne. „E-Akte“ heißt das Projekt, das zeitnah, also in zwei oder drei Jahren, „ausgerollt“ werden soll.

„Wir sind Dienstleister“

Was hat sich sonst geändert, seit Renter seine Polizeilaufbahn nach der Ausbildung 1977 im Streifendienst beim Revier Achern angefangen hatte? Die Polizei ist professioneller geworden, „unser Selbstverständnis, was unsere Rolle in der Gesellschaft betrifft, wurde vielfältiger, wir sind Dienstleister“, sagt er. Aber, auch das gehört zur Wahrheit: Nicht jeder freut sich über diese Dienstleistung, immer öfter sehen sich die Beamten Attacken ausgesetzt.

„Da kippt gerade ein bisschen was“, bedauert Renter. Vor etwa zehn Jahren sei dies erstmals aufgefallen, seither haben Übergriffe auf Beamte ihren festen Platz in der Polizeistatistik. Dass die Zahlen gerade sinken – „ich sehe da keine Entwarnung“, das liege wohl eher daran, dass sich durch Corona weniger Gelegenheiten ergaben, sich zu betrinken und dann sein Mütchen an der Polizei zu kühlen.

Besonders schwer ist es für Polizistinnen, die alle Mühe haben, bei einer bestimmten Klientel auch ernst genommen zu werden. Seit 1987 gibt es Beamtinnen bei der Schutzpolizei, seit 1990 im Streifendienst. Mann und Frau im Streifenwagen, ein Vorteil, findet Renter, „Frauen gehen mit emotionalen Situationen anders um als Männer, wenn die beiden das richtig hinkriegen, dann ist immer gerade derjenige der Sprecher, der in der Situation der Richtige ist“. Und auch intern funktioniere das gut mit den Frauen: „Die Sprache hat sich verändert, sie ist nicht mehr so derb.“

„Ich hatte immer gute Vorgesetzte“

Renter blickt zufrieden zurück, auf den Streifendienst in Achern („für mich eine prägende Zeit“), aber auch auf die Jahre danach: „Ich hatte immer gute Vorgesetzte.“ Und er hat gelernt. Beispielsweise interkulturelle Kompetenz bei einem internationalen Polizeieinsatz vor knapp 20 Jahren in Mazedonien: „Wenn ich für 14 Uhr zur Besprechung eingeladen habe, wer saß dann allein mit seinen Akten am Tisch? Der Deutsche“, sagt Renter, für die anderen, die nach und nach kamen, habe 14 Uhr eben einfach nachmittags geheißen. Fazit: „Ich habe diese Art schätzen gelernt.“

Einer der Höhepunkte der Laufbahn war der NATO-Gipfel 2009. 50 Beamte hätte sich ein dreiviertel Jahr lang darauf vorbereitet, „Wir haben Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt, die wir nur aus der Ausbildung kannten.“ Will heißen: Gullys zugeschweißt, Briefkästen abmontiert, allein in Kehl wurden 11.000 Gefahrenpunkte definiert.

16.000 Polizisten waren im Einsatz und sahen von der deutschen Seite aus, wie in Straßburg schwarze Rauchsäulen aufstiegen. In Deutschland herrschte Ruhe, Wasserwerfer riegelten die Europabrücke ab.

Es gab auch die dunklen Momente

Anonyme Anzeigen, Ermittlungen des Landeskriminalamts, die Klage eines Konkurrenten – der Weg zum Chefposten im Polizeipräsidium Offenburg war lang, gewunden und steinig, die Medien berichteten ausführlich. „Es gab mehrere Anzeigewellen“, sagt Renter heute, das Wort von der Küche fällt, die er damals zu teuer eingekauft haben soll. Dann noch die Klage eines Mitbewerbers. Ein Hin und Her, zweieinhalb Jahre lang. Gab es Momente, in denen er hinwerfen wollte? Ja, sagt Renter, doch Freunde und die Familie hätten sehr geholfen.

„Ich habe gelernt, einen achtsamen Umgang mit mir zu pflegen“, sagt er heute. Es gehe darum, festzustellen was man tun muss, damit es einem gut geht.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Frank Löhnig

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Erstellt:
16. April 2022, 08:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 57sec

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