Pornos auf dem Handy: Falsches Bild – drastische Konsequenzen

Rastatt (sie) – Das Polizeirevier Rastatt verzeichnete im vergangenen Jahr 99 Sexualdelikte. Etwa die Hälfte der Fälle ging auf das Konto von Kindern und Jugendlichen.

Verbotener Inhalt: Wenn Schüler Kinderpornos mit dem Handy weiterleiten, machen sie sich strafbar. Das Phänomen hat in der Rastatter Kriminalstatistik zu einem deutlichen Anstieg der Sexualdelikte geführt. Foto: Holger Siebnich

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Verbotener Inhalt: Wenn Schüler Kinderpornos mit dem Handy weiterleiten, machen sie sich strafbar. Das Phänomen hat in der Rastatter Kriminalstatistik zu einem deutlichen Anstieg der Sexualdelikte geführt. Foto: Holger Siebnich

Es ist kurz nach 6 Uhr, als die Polizei an der Tür klingelt. Der Vater öffnet, ein Beamter zeigt ihm einen Durchsuchungsbefehl. Die Polizisten wollen ein Handy beschlagnahmen, das auf seinen Namen läuft. Jemand hat mit dem Gerät Kinderpornos verschickt. Der Vater ist schockiert, die Mutter steht fassungslos daneben. Das Handy benutzt ihr 15-jähriger Sohn.
Diese Szene schildert Karen Stürzel, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Offenburg. Es ist ein fiktiver Fall, der sich aber so und ähnlich in den vergangenen Monaten mehrmals in Mittelbaden zugetragen hat. Das Polizeirevier Rastatt verzeichnete im vergangenen Jahr 99 Sexualdelikte. Etwa die Hälfte der Fälle ging auf das Konto von Kindern und Jugendlichen.

Ihr Tatwerkzeug sind Smartphones und Chat-Programme wie Whatsapp. Damit leiten sie kinderpornografische Bilder und Filme weiter. Jochen Anschütz vom Polizeirevier Rastatt spricht von „Schulhofkriminalität“. In den meisten Fällen handelten die Jugendlichen unbedarft. Doch das schützt sie nicht vor Strafe. Experten sehen vor allem die Eltern gefordert.

Stefan Funk kennt das Phänomen. Bei ihm an der August-Renner-Realschule ploppt alle paar Monate ein Fall auf. Der Rektor spricht von Wellenbewegungen. Mal ist länger Ruhe, dann macht ein verbotenes Bild die Runde, das Schüler per Whatsapp von Gruppe zu Gruppe leiten.

„Keine Schule bleibt von so etwas verschont“

„Ich glaube, es gibt keine Schule, die von so etwas verschont bleibt“, sagt Funk. Sein Kollege Volker Arntz, der die Hardtschule in Durmersheim leitet, bestätigt diese Einschätzung: „Das Thema ist ein Dauerbrenner.“

Dass die Vorfälle stärker in den Fokus von Polizei und Staatsanwaltschaft gerückt sind, hat mehrere Gründe. Viele Ermittlungen haben ihren Ursprung in Meldungen des National Centre for Missing and Exploited Children (NCMEC). Die US-Organisation arbeitet mit Unternehmen wie Google und Facebook zusammen und leitet Hinweise auf Missbrauch auch an deutsche Behörden weiter.

Im Polizeipräsidium Offenburg gibt es mittlerweile eine eigene Abteilung, in der 14 Beschäftigte im Bereich Kinderpornografie ermitteln. Ihr Leiter Volker Olbrisch sagt über die Vielzahl an Meldungen, die auf internationalen Wegen bei ihm und seinen Kollegen landen: „Da haben sich regelrecht die Schleusen geöffnet.“

Hinzu kommt: Am 1. Juli vergangenen Jahres hat die Bundesregierung die Strafen für sexuellen Missbrauch von Kindern verschärft. Der Druck auf die Täter ist seitdem gestiegen.

Nach Olbrischs Erfahrung spielt der Missbrauch als solcher in den Chats der Jugendlichen allerdings keine wesentliche Rolle. Es gehe eher darum, der erste zu sein, der möglichst krasse Aufnahmen besitzt und teilt. Das können auch Gewaltdarstellungen oder rechtsextreme Inhalte sein. „Es geht um den Coolness-Faktor“, sagt der Ermittler.

Qual der Opfer verstärkt

Viele Kinder, die solche Bilder ungefragt zu sehen bekommen, finden das allerdings gar nicht cool. Sozialpädagogin Ulrike Fritsch berät beim Verein „Feuervogel“ in Rastatt Betroffene. Sie schildert den Fall einer Grundschülerin, die ältere Schüler festhielten und zwangen, sich Missbrauchsaufnahmen anzusehen: „Sie war traumatisiert.“

Dass die Verbreitung der Dateien auch die Qual der Opfer verstärke und verlängere, ist den Beteiligten aus Olbrischs Sicht nicht bewusst. In vielen Fällen kursierten die immer selben Szenen jahrelang im Netz und würden weitergereicht. Funk bestätigt das. Er musste sich solche Bilder auch schon auf Schüler-Handys anschauen – „leider“, wie er betont.

Wenn Lehrer an seiner Schule von solchen Fällen erfahren, schaltet Funk die Polizei ein. Er ist sich sicher: „Die Kinder wissen, dass das schlecht ist.“ Wenn die Schüler noch keine 14 Jahre alt sind, haben sie von der Justiz nichts zu befürchten. Sie sind noch nicht strafmündig. Die Polizei nimmt die Betroffenen trotzdem ins Gebet und hält laut Olbrisch eine sogenannte Gefährderansprache in der Hoffnung, dass sich solche Taten nicht wiederholen.

Sind die Jugendlichen älter und erhärten die Ermittlungen den Verdacht, landet die Akte auf dem Tisch des Staatsanwalts. Dort drohen handfeste Konsequenzen. Laut Pressesprecher Michael Klose kommt es etwa in der Hälfte der Fälle zu einer Verhandlung vor dem Jugendgericht. Die andere Hälfte der Verfahren stellt die Staatsanwaltschaft zwar ein, teilweise aber nur gegen Auflagen wie soziale Arbeitsstunden.

Bei der Gewichtung spielt vor allem das Verhalten der Täter eine Rolle. Wenn sie Dateien aktiv angefordert und versendet haben, sinken ihre Chancen auf Einstellung. Bessere Aussichten hat, wer solche Aufnahmen unaufgefordert bekommt, sie sofort löscht und sich im Chat verbal distanziert. Das gilt auch in Gruppen-Chats. Stellt dort ein Mitglied eine verbotene Aufnahme ein, müssen potenziell alle Mitglieder mit einem Verfahren rechnen, weil sie automatisch zu Besitzern der Dateien werden.

Wenn dann plötzlich die Polizei vor der Tür steht, ist die Aufregung groß. Das ist auch ein gewünschter Effekt der Behörden. Klose sagt: „Die erzieherische Wirkung einer Polizeidurchsuchung am frühen Morgen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.“


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