Porträt: Ulrich Pfaff ist ein Friedensaktivist

Oberndorf (kli) – Ausgerechnet in der Waffenstadt Oberndorf am Neckar hat sich Ulrich Pfaff dem Frieden verschrieben. Er kämpft bei den Kritischen Aktionären von Heckler und Koch.

„Gegen viele Bremser“: Ulrich Pfaff in Oberndorf am Neckar vor dem privaten Mahnmal in seinem Garten, das an die Zwangsarbeiter erinnert.Foto: Dieter Klink

© Dieter Klink

„Gegen viele Bremser“: Ulrich Pfaff in Oberndorf am Neckar vor dem privaten Mahnmal in seinem Garten, das an die Zwangsarbeiter erinnert.Foto: Dieter Klink

Ulrich Pfaff ist ein Überzeugungstäter. Als einer der ersten in der Republik hat er in den 50er Jahren den Kriegsdienst verweigert, hat damit auch seinen Vater zum Umdenken bewegt. Heute, im Ruhestand, setzt er das Erbe seines Vaters fort: Er hütet und pflegt das bundesweit einzige private Mahnmal für Zwangsarbeiter auf einem privaten Grundstück.

Die Familie musste gegen enormen Widerstand ankämpfen. Und muss es heute noch. Kein Wunder. Pfaffs leben in der Stadt Oberndorf, genauer gesagt, im Stadtteil Altoberndorf, direkt am Neckartalradweg. In der Stadt lebt man seit jeher gut von Waffen. Zunächst von der „Königlich Württembergischen Gewehrfabrik“ Mauser, nach dem Zweiten Weltkrieg mauserte sich Heckler und Koch zur weltweit führenden Waffenschmiede. Die Firmen sichern vielen Familien in der strukturschwachen Gegend Jobs und gutes Auskommen. Ulrich Pfaff sieht sich bis heute als eine Art Missionar. Mit bewegter Familiengeschichte.

„Mein Vater, Hermann Pfaff, war bei Mauser Betriebsnazi. Er war bei der SS und hat sich erst nach dem Krieg zum Antifaschisten geläutert“, erzählt Pfaff in seinem roten Haus in Altoberndorf. Die Kehrtwende lag auch daran, dass der damals junge Sohn den Kriegsdienst verweigert hat. Das brachte bei seinem Vater einen Denkprozess in Gang. „Ich schenkte ihm einmal zum Geburtstag ein Jahresabo einer linksprotestantischen Zeitschrift für Friedensethik. Die hat ihn entscheidend geprägt. Nach dem Jahr wollte er das Abo unbedingt verlängern“, erzählt der 83-Jährige.

Im Krieg hatte die Stadt Oberndorf unmittelbar neben dem Pfaffschen Haus ein Lager für Zwangsarbeiter eingerichtet. Für Polen, Russen, Franzosen, Niederländer Belgier, Tschechen, Slowaken sowie Jugoslawen. Die allermeisten von ihnen wurden zur Arbeit bei Mauser gezwungen. „Hitler wollte mit Oberndorf den Krieg gewinnen. Mauser musste damals 70.000 Gewehre pro Monat nach Berlin liefern“, erzählt Pfaff. Als Kind konnte er aus seinem Fenster in das Lager schauen. „Es gab Appelle und Schikanen. Wir hörten Hundegebell, Schreie und Schüsse“, erinnert sich Pfaff.

„Man muss vergessen können“


Nach dem Krieg hat sich der geläuterte Hermann Pfaff jahrelang dafür eingesetzt, dass die Stadt Obendorf ein Denkmal für die Zwangsarbeiter errichtet. Vergeblich. Er stieß auf eine Wand des Schweigens. Erst habe man geleugnet (War da was?), dann habe man vergessen wollen. „Wohlgemerkt: Es waren die Täter, die sagten: Man muss vergessen können“, merkt Pfaff an.

Heinrich Pfaff wurde für ein Mahnmal selbst aktiv. Er bat einen Baggerführer darum, ihm einen großen Stein in den Garten zu fahren, Pfaff senior selbst fertigte die Bronzetafel an, die an die Zwangsarbeiter erinnerte. „Mein Vater hat die Erinnerungskultur in Oberndorf begründet“, sagt der Sohn. „Er wollte öffentlich zeigen, dass er geläutert war. Es war ein Bekenntnis in Stein. Und er wollte Verantwortung für die Zukunft übernehmen.“

Ulrich Pfaff war beruflich als Referent für Frieden und Entwicklung bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau tätig, später auch in afrikanischen Ländern für das Hilfswerk Brot für die Welt.

Dozenten, deren Theologie stark vom Krieg geprägt war, haben Ulrich Pfaff früh auf den Weg zum Friedensaktivisten gebracht. Für den Ruhestand kam er vor 22 Jahren in seine Heimatstadt Oberndorf zurück und führt seitdem die Erinnerungsarbeit seines Vaters fort.Dies sei weiter nötig, auch wenn die Stadt inzwischen mehrere Mahnmale aufgestellt hat, zuletzt das „Buch der Erinnerung“, in dem die Namen der getöteten Zwangsarbeiter aufgeführt sind.

Oberndorfs Bürgermeister Hermann Acker findet, dass die Erinnerungskultur in der Stadt einen breiten Raum einnimmt. Auch aus der starken Abhängigkeit von der Waffenindustrie ergibt sich für Acker kein Dilemma: „Die Polizei, die in den Krisenherden auf der Welt eingesetzten Bundeswehrangehörigen und viele weitere Einsatzkräfte der NATO legen offensichtlich allergrößten Wert auf die in Oberndorf hergestellten wehrtechnischen Produkte. Sie dienen der Verteidigung, der Sicherheit und zur Bekämpfung des weltweiten Terrorismus“, sagt Acker dem BT. Dies werde oft bewusst unterschlagen.

Pfaff hingegen sieht sich und sein Mahnmal als notwendigen Stachel. Immer wieder kommt es vor, dass der Gedenkstein beschmiert wird, die Blumenbeete zertrampelt werden. Neonazis und Vandalen, sagt Pfaff. Denen passe das Mahnmal nicht. „Auch im sozialen näheren Umfeld gab es Anfeindungen“, erinnert er sich. Freundschaften gingen kaputt, es entstanden aber auch neue.

„Der isch halt so“


Im Ort, so scheint es, haben sich die meisten mit dem etwas schrulligen Mahner abgefunden. „Die Leut nehmen es mir net übel“, sagt er. Sie sagen: „Der isch halt so.“ So kämpft er weiter bei den Kritischen Aktionären von Heckler und Koch, stellte dort sogar eine Friedensschrift der Evangelischen Kirche vor. Pfaff sagt über sich selbst: „Ich bin so etwas wie die Ständige Vertretung der Friedensbewegung in Oberndorf“. Seine Verbündeten hat er eher außerhalb, zum Beispiel in Villingen-Schwenningen, wo es eine starke Friedensbewegung gebe.

Er fordert von den Firmen Rüstungskonversion. Man habe in Oberndorfs Geschichte schon oft gezeigt, dass man auch anderes produzieren kann: Autos, Nähmaschinen, Fahrräder. „Aber 200 Jahre lang war man hier halt auf Waffen spezialisiert.“

Irgendetwas scheint sich aber zu ändern in der kleinen Stadt im Neckartal. Bei der letzten Kommunalwahl 2019 haben 1.000 Menschen Pfaff ihre Stimme gegeben. Er ist darauf stolz und wertet sie als stille Zustimmung. „Man geht hier nicht damit hausieren, wenn man gegen Heckler und Koch ist“, erzählt Pfaff.

Seine beiden erwachsenen Kinder sind weit weg, in Berlin und in Australien. Sie werden sein Engagement wohl nicht weiterführen. Aber vielleicht habe ja jemand aus der Friedensbewegung Interesse. „Ich werde jedenfalls bis zum letzten Tag diese Aufgabe wahrnehmen“, meint Pfaff.

„Ich gebe Oberndorf nicht auf“, sagt er. Er relativiert diese Aussage sogleich: „Aber es gibt viele Bremser.“ In einer Waffenstadt vielleicht besonders viele und hartnäckige.


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