Positives Feedback für Schiri Schlager

Hügelsheim (moe) – Daniel Schlager aus Hügelsheim blickt auf seine zweite Saison als Bundesliga-Schiedsrichter zurück. Von seinen Chefs beim DFB gab es ein „positives Feedback“.

Auf dem Rasen im Rastatter Münchfeldstadion hat alles begonnen, mittlerweile hat Daniel Schlager seine zweite Saison in den Arenen der Bundesliga absolviert. Foto: Oliver Hurst/GES

© GES/Oliver Hurst

Auf dem Rasen im Rastatter Münchfeldstadion hat alles begonnen, mittlerweile hat Daniel Schlager seine zweite Saison in den Arenen der Bundesliga absolviert. Foto: Oliver Hurst/GES

Wer viel pfeift, muss immer ordentlich Luft holen. Das gilt im Besonderen für Daniel Schlager – aktuell aber eher im übertragenen Sinn: Nach einer in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Saison in der Fußball-Bundesliga hat der Schiedsrichter aus Hügelsheim endlich Muße, mal ordentlich durchzuatmen. „Ich genieße die Zeit“, sagt der smarte 30-Jährige. Ende Juli stehen auch zehn Tage Urlaub an, die wird der Referee, sofern es das Wetter zulässt, zu einem Großteil im heimischen Garten verbringen, schließlich „haben wir es zu Hause ganz schön“.

Pfeife, Gelbe sowie Rote Karte in der Schublade verstauen und die Seele ein wenig baumeln lassen – das hat sich der Unparteiische in der Tat verdient, gerade die vergangenen Wochen waren doch recht turbulent, wie Schlager nach seiner zweiten Saison im elitären Kreis der besten Schiedsrichter des Landes berichtet. Gerade psychisch waren seine Ansetzungen herausfordernd: „Ich war in den vergangenen Wochen immer bei Spielen dabei, bei denen es um etwas ging“, blickt Schlager auf den Saisonendspurt zurück: „Bei einigen sogar um alles.“

Beim Abstiegsgipfel in der zweiten Liga zwischen Wehen Wiesbaden und dem 1. FC Nürnberg sorgte er als Referee für Ordnung, ebenso beim Spitzenspiel in Liga drei zwischen den „kleinen“ Bayern und dem MSV Duisburg. Bei der Pleite des HSV gegen Sandhausen und dem Bremer Kantersieg gegen Köln beobachtete er das Geschehen als Videoassistent. Bei einer noch existenzielleren Partie war er näher dran: Beim Relegationsrückspiel zwischen Heidenheim und Werder war er als vierter Offizieller eingeteilt, sein letzter Einsatz der Saison.

Zuschauer waren wie bei allen Pandemie-Spielen natürlich nicht zugelassen, folglich fehlten die ganz großen Emotionen von den Rängen: Kein Gebrüll, keine fliegenden Becher, keine Bengalos. Das heißt aber nicht, dass der aus Bietigheim stammende Unparteiische deshalb eine lockere Kugel schieben konnte. „Es ist enorm, mit welcher Intensität Relegationsspiele geführt werden“, so Schlager, der bei allen Beteiligten eine „ganz besondere Stimmung, eine besondere Anspannung“ ausgemacht hat. „Solche Spiele bringen einen weiter, selbst wenn man nicht in erster Linie auf dem Platz steht. Da kann man einiges lernen.“

Dass der jüngste Referee im Oberhaus überhaupt bei derart wichtigen Spielen mit dabei war, empfindet er selbst als „kleine Auszeichnung“ und als Vertrauensbeweis der sportlichen Leitung um Lutz Michael Fröhlich, den Schiedsrichter-Boss des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Auch auf die ganze Saison gesehen, hat Schlager „ein positives Feedback bekommen“, man sei mit seiner Entwicklung zufrieden. Das sieht der Gelobte auch selbst so, allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Er hat zwar sein selbst gestecktes Ziel erreicht und nach den acht Erstligaspielen in der Premierensaison heuer zehn Partien in der Eliteklasse geleitet – dazu noch acht Begegnungen in Liga zwei, sieben in der dritten Spielklasse sowie drei in der Regionalliga –, „100 Prozent zufrieden bin ich aber nie“, betont Schlager, der selbstredend weiß, dass es „das perfekte Spiel nicht gibt. Eine 100-prozentige Trefferquote wird man nie erreichen. Das gilt für einen Daniel Schlager, aber auch für einen Felix Brych oder Deniz Aytekin“.

Nicht vom Geplätscher einlullen lassen

Seine „Entscheidungsqualität“ war deutlich höher als noch vor einem Jahr, berichtet Schlager von der Saisonanalyse, vor allem in Strafraumsituationen – in der ersten Saison auf Top-Niveau noch seine Achillesferse – hat er sich nach eigener Aussage entwickelt. Nur einmal lag er diesbezüglich daneben: Beim Schalker 2:1-Sieg gegen Aufsteiger Union Berlin zeigte Schlager in Minute 36 auf den Elfmeterpunkt, Berlins Marcus Ingvartsen verwandelte den Strafstoß zum zwischenzeitlichen 1:1. Die Videoassistenten griffen zwar nicht ein, dennoch entlarvten die Zeitlupen Schlagers Strafstoßpfiff später als Fehlentscheidung.

„Eine Saison läuft nie ganz geräuschlos ab“, weiß Schlager, wenngleich die gerade zu Ende gegangene Spielrunde aus Sicht des Mittelbadeners, der seine fußballerischen wie schiedsrichterlichen Wurzeln im Rastatter Münchfeldstadion hat, deutlich ruhiger ablief als noch im Vorjahr.

Diese Tatsache kann man durchaus auch strikt wörtlich sehen, sozusagen gemessen in Dezibel. Schließlich geht die Saison 2019/20 aufgrund der Corona-Auswirkungen als Geisterrunde in die Bundesliga-Annalen ein. Auch Schlager hat einige Partien vor Geisterkulisse gepfiffen, eines davon in der Eliteklasse: Die Leverkusener 1:4-Heimpleite gegen den VfL Wolfsburg. „Das war etwas ganz anderes. Man hat sich zurückversetzt gefühlt in die Zeit in der Kreisliga: Keine Fans, keine großen Emotionen von den Tribünen“, berichtet der Referee, der sich abseits des Rasens als Finanzberater bei der Sparkasse Rastatt-Gernsbach um die Immobilienfinanzierung kümmert.

Im Vergleich zu einer Handvoll anderer Kollegen, hatte Schlager bis dato keine Erfahrungen mit Geisterspielen gesammelt, nach unzähligen Trainingseinheiten für die eigene körperliche Fitness, für die aufgrund des Lockdowns viel Zeit blieb, standen vor dem Neustart in Liga eins und zwei etliche Videokonferenzen auf dem Programm, in denen die Unparteiischen auf die Spiele vor leerer Kulisse vorbereitet wurden – auch akustisch: Stichwort Ballgeräusche oder klingende Fouls. „Wenn Fuß auf Fuß tritt hört man das schon“, sagt Schlager: „Das Wichtigste war es aber, die Konzentration hochzuhalten und sich nicht einlullen zu lassen, wenn das Spiel mal ein wenig vor sich hinplätscherte. Man musste sich immer wieder besinnen: Ich pfeife da ein Bundesligaspiel. Wenn nur eine Strafstoßsituation falsch ist, hat das große Auswirkungen.“ Um diesen Fokus zu halten, haben sich die Gespanne untereinander gepusht, künstlich Druck aufgebaut, aber auch unterstützt.

Mit diesen Erfahrungen im Gepäck kann Schlager langsam aber sicher den Blick auch wieder in die (nahe) Zukunft richten. In der nächsten Saison will er „möglichst wenig im Fokus stehen“, sich aber für „möglichst viele Spiele“ in der ersten Liga anbieten und dafür in Sachen „Spielleitungsqualität da anknüpfen, wo ich in der vergangenen Saison aufgehört habe“.

Nächster Schritt auf der Karriereleiter

Gelingt das, könnte der 30-Jährige bald auch die nächste Stufe auf der Karriereleiter erklimmen und sich das FIFA-Emblem ans Trikot heften. Bereits in diesem Jahr wurde er als einziger deutscher Referee für das sogenannte CORE-Programm nominiert, eine Art Sichtungslehrgang auf dem Weg zum FIFA-Schiedsrichter. Aufgrund der Corona-Krise wurde dieser gestrichen, aber Schlager geht davon aus, dass er im nächsten Jahr wieder dabei sein wird.

Auch wenn ihm das Virus in diesem Fall die Rote Karte gezeigt hat, hat Corona zu einigen Erkenntnissen geführt, beispielsweise, „dass es wichtigere Dinge gibt als Fußball“, so Schlager, aber auch, „dass es irgendwann wieder weitergehen muss“. Aus rein sportlicher Sicht sehnt der Hügelsheimer, der bereits seit rund einer Woche wieder täglich trainiert – Ausdauer, Athletik, Kraft – herbei: „Ich freue mich unheimlich, wenn Fans und Zuschauer wieder dabei sind. Der ganze Zirkus rund um ein Bundesligaspiel fehlt uns allen. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass es ein ganz besonderes Gefühl sein wird, wenn die Stadien wieder voll sind und ich die Emotionen aufsaugen kann.“

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Erstellt:
18. Juli 2020, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 29sec

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