Praxen der Herzspezialisten sind voll

Baden-Baden (hol) – Freie Termine sind Mangelware bei den Kardiologen in Baden-Baden.

Für Untersuchungen wie einen Ultraschall-Check müssen Baden-Badener Herzpatienten oft ins Umland fahren. Foto: Soeren Stache/dpa

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Für Untersuchungen wie einen Ultraschall-Check müssen Baden-Badener Herzpatienten oft ins Umland fahren. Foto: Soeren Stache/dpa

Kassenpatienten dürften Probleme haben, in diesem Jahr noch bei einem der beiden Baden-Badener Herzspezialisten vorstellig zu werden. Trotzdem sieht die Kassenärztliche Vereinigung (KV) keine Möglichkeit, dass sich ein weiterer Kardiologe in der Kurstadt niederlässt. Denn die Region ist überversorgt.
Die Baden-Badenerin Renate Hettel-Schlumberger hat ein Problem. Im Dezember wurde bei ihr eine Krankheit diagnostiziert, bei der nun die Ursache abgeklärt werden muss, um eine Behandlung in die Wege leiten zu können. Dazu muss sie verschiedene Fachärzte konsultieren. Bei Radiologe, Augenarzt und Hautarzt ist das auch kein Problem – in allen drei Fällen kann sie nach wenigen Tagen oder Wochen bei einer Praxis in Baden-Baden vorstellig werden. Anders liegt der Fall bei den ortsansässigen Herzspezialisten: „Zwei Kardiologen nannten mir als Kassenpatienten als frühesten Termin das Jahr 2022“, schreibt sie an die Lokalredaktion. „Empfohlene Hotlines des baden-württembergischen Ärztezentrums und meiner Krankenkasse, der DAK, brachten mich auch nicht weiter. Zur Weiterbehandlung benötigt mein Hausarzt schnellstens die Ergebnisse seiner Fachkollegen. Dies scheint aber nur bei Privatpatienten möglich.“ Die Leserin beschwerte sich per Brief bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Stuttgart. „Wie kann es sein, dass die einzigen zwei Baden-Badener Kardiologen in den nächsten zehn Monaten keinen Termin mehr für Kassenpatienten haben?“, fragt sie. „Diese Missstände sind mir unbegreiflich.“

„Ist das nicht ein Armutszeugnis?“

Zudem hat Renate Hettel-Schlumberger erfahren, dass es einen weiteren Herzspezialisten in der Kurstadt gibt. Er ist in einer internistischen Praxis tätig und hat eine Kassenzulassung als Kardiologe beantragt. Diese wurde aber wohl abgelehnt, wie die Leserin erfahren hat – mit dem Hinweis von der KV, dass die Region durchaus gut versorgt sei. Für Renate Hettel-Schlumberger ist das ein Widerspruch. „Ist dies nicht ein Armutszeugnis für unsere Stadt?“, fragt sie.

Kai Sonntag, Pressesprecher der KV, versucht sich an einer Erklärung. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte in einer Region sei seit Anfang der 90er Jahre begrenzt. „Damit hat man versucht, die Kosten im Gesundheitswesen zu dämpfen“, sagt er. Seitdem gibt es genaue Vorgaben, die festlegen, wie viele Ärzte der unterschiedlichen Fachrichtungen in den Regionen eine Kassenzulassung haben dürfen.

„Und nach dieser Festlegung ist die Region, zu der Baden-Baden gehört, rechnerisch sogar überversorgt“, sagt er. Als Region definiert die KV nicht alleine die Stadt Baden-Baden, sondern den „Mittleren Oberrhein“. Und dieser reicht von Ottersweier und Lichtenau im Süden bis Waghäusel und Bad Schönborn im Norden. Er umfasst den Stadtkreis Baden-Baden, den gesamten Landkreis Rastatt sowie die Stadt Karlsruhe und den zugehörigen Landkreis. Das bedeutet im Einzelfall für Patienten, dass der Arzttermin mit einer weiten Reise verbunden sein kann. „Je spezialisierter die Ärzte sind, desto weitere Wege werden auch in Kauf genommen“, glaubt Sonntag, dass die Anreise für Patienten in der Regel kein Problem ist. „Zu so einem Spezialisten geht man ja auch nicht jede Woche hin.“

Insgesamt gibt es laut der Ärztesuche der KV in dieser Region für Patienten 19 Anlaufstellen in kardiologischen Praxen oder Kliniken – zwei in Baden-Baden, drei im Landkreis Rastatt, fünf in Karlsruhe und neun im Landkreis Karlsruhe. Das sind sogar mehr als genug, wie der KV-Sprecher betont – und diese Situation gibt es in ganz Baden-Württemberg. „Im gesamten Land gibt es derzeit keine Möglichkeit für einen Kardiologen, eine Kassenzulassung zu bekommen“, sagt Kai Sonntag.

„30 Praxen zu viel“ in der Region

Erschwerend kommt hinzu, dass Kardiologen beim Verfahren für die Vergabe neuer Kassenzulassungen nicht als eigene Kategorie zählen. Sie gehören zu der Gruppe der „internistischen Fachärzte“, zu denen beispielsweise auch Fachärzte für die Verdauungsorgane, für Nierenerkrankungen oder Gefäßleiden zählen. „Und im Bereich der internistischen Fachärzte gibt es derzeit in der Region sogar eine Überversorgung von 152,9 Prozent“, sagt der KV-Sprecher. Er spricht von „etwa 30 Praxen zu viel“, die zurzeit existieren. Das hieße: Ein Kardiologe, der in Ruhestand gehen will, dürfte nicht einmal seine Praxis einfach so an einen Nachfolger übergeben. Käme es tatsächlich zu einem solchen Fall, würden aber auch geografische Gesichtspunkte berücksichtigt. „Dann gäbe es wahrscheinlich eine Ausnahmegenehmigung“, sagt Kai Sonntag. Aber er stellt auch klar: „Das Ziel dieser Regelung war eben eine Kostendämpfung im Gesundheitswesen, nicht eine bessere Terminversorgung für die Patienten.“

BT-Leserin Renate Hettel-Schlumberger hat sich mittlerweile in der Region umgehört. Sie hat einen Termin bei einem Facharzt in Rastatt bekommen – allerdings erst am 4. Mai. „Früher war nichts möglich“, sagt sie. Ihr Hausarzt will die Ergebnisse der Untersuchung aber schon Ende Februar haben. Jetzt überlegt sie, doch zu einem Herzspezialisten in Baden-Baden zu gehen – und die Untersuchung privat zu zahlen. Angesichts dessen bekommt die Aussage des KV-Sprechers über die angestrebte „Kostendämpfung im Gesundheitswesen“ einen ganz bitteren Beigeschmack.

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Erstellt:
14. Februar 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 27sec

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