Pro und Contra zum DFB-Pokalfinale

Berlin (rap) – Wer holt sich den ersten Pokaltriumph seiner Vereinsgeschichte? Der SC Freiburg mit Kulttrainer Christian Streich oder RB Leipzig, der aufstrebende Fußballstandort in Sachsen?

Stehen sich am Samstagabend im DFB-Pokalfinale gegenüber: Leipzigs Christopher Nkunku (links) und SC-Verteidiger Manuel Gulde. Foto: Jan Woitas/dpa

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Stehen sich am Samstagabend im DFB-Pokalfinale gegenüber: Leipzigs Christopher Nkunku (links) und SC-Verteidiger Manuel Gulde. Foto: Jan Woitas/dpa

„Biergit“ statt babbiger Brause

Größer könnten die Unterschiede zwischen RB Leipzig und dem SC Freiburg freilich nicht sein. Dort der Dosenclub aus Sachsen, ein 21 Mitglieder zählendes, am Reißbrett entworfenes Marketingkonstrukt, alimentiert von zahlreichen Mateschitz-Millionen auf der Hatz nach Titeln und Anerkennung in Fußball-Deutschland. Auf der anderen Seite der beschaulich-symbadische Verein von der Dreisam samt Kulttrainer Christian Streich. Babbige Brause trifft im Berliner Olympiastadion also auf die Rothaus-„Biergit“ – und die Vorzeichen scheinen klar verteilt: RB, gespickt mit Edeltechnikern wie Forsberg, Olmo und Nkunku, Antreiber Laimer sowie den Sturmwalzen Silva und Poulsen, geht als Favorit ins Endspiel. Doch bislang ist das sächsische Starensemble bei der Titeljagd an den eigenen Nerven gescheitert. Im Pokal musste RB dem FC Bayern (2019) und BVB (2021) den Vortritt lassen, im Europa-League-Halbfinale wirkte die Tedesco-Elf im Glasgower Ibrox Park wie versteinert, der Druck lähmte Kopf und Füße. Und dieser wird in Berlin nicht geringer sein, ein drittes verlorenes Endspiel wäre der sächsische Super-GAU.

Christian Rapp. Foto: Rake Hora

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Der SC kann dagegen befreit aufspielen, der Pokalsieg wäre die Krönung einer famosen Saison. Zumal die Breisgauer die Waffen besitzen, um RB zu schlagen: In Flekken einen herausragenden Rückhalt im Tor, davor ein nicht nur vor Muskeln strotzender Nico Schlotterbeck, der in seiner Abschiedsvorstellung gegen Nkunku und Co. beweisen kann, dass er für höhere Aufgaben berufen ist. Nicht zu vergessen Flügelflitzer Christian Günter, Filigrantechniker und Standardspezialist Grifo sowie Höler, dieser nimmermüde Derwisch im Angriff. Und falls alle Stricke reißen, gibt es ja noch Edeljoker Nils Petersen. Das größte Faustpfand ist aber zweifelsohne Streich, der Wirbelwind an der Seitenlinie. Der 56-Jährige formte eine Einheit, die mit Kraft, Dynamik und Leidenschaft über den Platz fegt.

Keine Zweifel: Heute Abend bekommt Streich seine „Biergit“-Dusche verpasst.

Nkunku nur schwer aufzuhalten

So kann man sich täuschen. „Wir sind total happy, dass wir unseren Wunschtrainer verpflichten konnten“, sagte Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff vor dem Saisonstart. Der neue US-Trainer Jesse Marsch wurde mit Vorschusslorbeeren überhäuft – und scheiterte auf ganzer Linie. Der als Vizemeister in die Saison gestartete Ostklub, mit vielen Millionen des Brauseherstellers Red Bull ausgestattet, lag nach 14 Spieltagen auf Rang elf, in der Champions League war man nach der Gruppenphase bereits in die Europa League abgestiegen. Anfang Dezember übernahm Domenico Tedesco – er machte Leipzig wieder bullenstark. Der Deutsch-Italiener setzt wieder auf die Ballbesitzkultur.

Michael Ihringer. Foto: Rake Hora

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Zweifellos: In beiden Punktspielen hat der Sport-Club gegen Leipzig nicht verloren, auch unter Tedesco in der Rückrunde erneut 1:1 gespielt, aber die RB-Schlüsselspieler drehten bei den 15 Spielen in Folge ohne Niederlage ganz anders auf als unter Marsch. Herausragend ist der Franzose Christopher Nkunku. Für die SC-Verteidigung, die in den letzten vier Bundesligaspielen zwölf Gegentore zuließ, wird auch An-dre Silva, der zu alter Gefährlichkeit zurückgefunden hat, schwer zu kontrollieren sein. Zusätzlich traf Schwedens Routinier Emil Forsberg im Saisonendspurt in wichtigen Spielen. Auch auf der Torhüterposition ist RB in Peter Gulacsi mindestens so gut aufgestellt wie der Sport-Club mit Mark Flekken.

Vergleicht man die einzelnen Positionen und den Marktwert der Spieler, ist RB Favorit. 2019 und 2021 scheiterten die Pokalspezialisten im Finale an Bayern (0:3) und Dortmund (1:4). Das enttäuschende Halbfinal-Aus in der Europa League hat den Druck in Sachsen noch verstärkt, die Sehnsucht nach dem ersten Titel ist riesengroß. Eine Fehlerkette wie in Glasgow wird sich RB nicht nochmal erlauben. Der SC wird einen großen Kampf liefern, den Coup aber verpassen. Statt den Goldpokal einzusacken, zieht Freiburg in die Europa League ein. Damit ist die Saison schon gekrönt.

Ihr Autor

BT-Redakteuren Christian Rapp und Michael Ihringer

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Erstellt:
20. Mai 2022, 15:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 51sec

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