Probleme meist menschengemacht

Sinzheim (nie) – Die Neue Tierhilfe Kartung zieht ein Fazit des vergangenen Jahres. Tiere waren beliebte Anschaffungen in der Corona-Zeit. Jetzt landen viele von ihnen im Heim.

•„Er ist der coolste Hund hier“, befindet Jacqueline Grimm über den imposanten Nuk, den sie an ihrer Hand über den Tierhof führt. Foto: Nina Ernst

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•„Er ist der coolste Hund hier“, befindet Jacqueline Grimm über den imposanten Nuk, den sie an ihrer Hand über den Tierhof führt. Foto: Nina Ernst

„Erst vor einem Jahr geholt“ – das hat Jacqueline Grimm in diesem Jahr oft gehört. Tiere waren eine beliebte Anschaffung während der Corona-Zeit. Dann sind die Tage plötzlich wieder gefüllt oder man merkt, dass so ein Tier doch nichts für einen ist – und so landen sie bei der Leiterin der Neuen Tierhilfe in Kartung auf dem Hof. Vor allem Katzen und Katzenkinder haben Grimm und ihr Team aufgenommen, und das „nimmt kein Ende“, sagt sie. Dementsprechend hat der Buchtunger Tierhof im vergangenen Jahr auch mehr als doppelt so viele Katzen vermittelt als 2020: 165 im Jahr 2021, 87 im vorvergangenen. Die Zahl bei den Hunden ist in etwa gleichgeblieben (75 im Jahr 2020, 77 in 2021), Kleintiere (also Kaninchen und Meerschweinchen) waren es 2020 35 Stück und 30 in 2021.

Auch Kater Balu sucht ein neues Zuhause.  Foto: Jacqueline Grimm

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Auch Kater Balu sucht ein neues Zuhause. Foto: Jacqueline Grimm

Aber in Zahlen will Grimm ihren Hof, die Tiere und die liebevolle Arbeit, die dahinter steckt nicht verstanden wissen. Egal, ob wenige oder viele Tiere – für jedes werde das Beste gewollt und versucht. Bei einer Leiterin des Tierhofs ist dieses Bestreben doch sicher seit Geburt in der DNA verankert! Nicht so bei der 30-Jährigen. „Bis ich 21 Jahre alt war, hatte ich richtige Panik vor Hunden“, beginnt Grimm zu erzählen, dass sie sogar die Straßenseite gewechselt habe, wenn ihr ein Hund entgegengekommen sei, und ganz ohne Haustiere sei sie auch noch aufgewachsen. Doch dann habe sich bei ihr ein Schalter umgelegt: „Ich will was ändern.“ Sie fing an, sich mit dem Thema Tierwohl auseinanderzusetzen, fing an, vegan zu leben – und „wenn man einmal so in dem Thema drin ist, will man mehr“. Seit mittlerweile vier Jahren gibt die gelernte Bürokauffrau dieses „Mehr“ als Leiterin des Vereins Neue Tierhilfe an ihre vier- und zweibeinigen Schützlinge weiter. Und nicht nur an die, auch ihre Eltern und ihre Schwester seien mittlerweile auf den Hund beziehungsweise die Katze gekommen – ihr eigener Wandel habe auch die Denkweise in ihrer Familie verändert.

Ziel: Neues Zuhause für die Tiere finden

„Das will ich auch nicht mehr ändern“, ist Grimm überzeugt. Mittlerweile sind ihr Arbeitsplatz und ihr Wohnplatz miteinander verschmolzen, sie wohnt direkt auf dem Tierhof, wenn jemand etwas von ihr wolle, „dann muss er hierher kommen“, lächelt sie – ihr Job, der merklich mehr Berufung ist als nur ein Beruf, wirke sich aufs ganze Leben aus.

Und so ist das natürlich auch mit den Tieren selbst, wenn sich jemand für ein neues Familienmitglied entscheidet. Doch Tierpflegerin Grimm und ihr Team müssten immer wieder die Erfahrung machen, dass das nicht jedem so klar zu sein scheint. Coronabedingt seien viele Kleintiere erst angeschafft und dann tragischerweise ausgesetzt worden. Sie berichtet von nur drei Wochen alten Kaninchenkindern, die in Selbach im Wald gefunden wurden, von zwei Meerschweinchen, die mutterseelenallein in einem Käfig am Rhein ausharren mussten, von einem abgestellten Käfig voller Kaninchen beim Klärwerk in Kartung – und eben von vielen Abgaben „direkt bei uns“.

Und so liebevoll Grimm über all die Tiere auf dem Hof im Seeräuberdorf spricht, so ist es doch der größte Wunsch, dass sie alle (außer die auf dem Gnadenhof) ein neues Zuhause finden. Schon lange ist man dafür auf der Suche für den sechsjährigen Herdenschutzhund Nuk, der der Rasse Ciobanesc Romanesc de Bucovina angehört. „Er ist der coolste Hund hier“, sagt die Tierhofleiterin – und das beweist sich auch gleich, als Grimm die imposante schwarz-weiße Erscheinung aus seinem Gehege über den Hof führt und alle anderen Hunde wie verrückt, oder verzückt, bellen. Doch wie derzeit so viele Hunde sei auch Nuk nicht einfach zu vermitteln, obwohl er ein „Goldstück“ sei. Meistens, spricht Grimm aus Erfahrung, seien es eher menschengemachte Probleme, wenn ein Tier nach vermeintlich erfolgreicher Vermittlung wieder zurückgebracht werde: Die Menschen müssten die „rosarote Brille“ abnehmen, nur rein liebe, menschenfreundliche, süße, kleine und saubere Tiere könnte der Tierhof nicht bieten, potenzielle Halter würden sich immer wieder überschätzen. Und ganz wichtig: Tierheimtiere seien keine Therapeuten für den Menschen, es sei eher umgekehrt, auch in der Corona-Zeit, bringt es Grimm auf den Punkt.

Auch Atos, der holländische Schäferhund, wird wohl eher keine therapeutische Hilfe für sein neues Herrchen bieten können. „Der Jungspund benötigt eine souveräne Führung“, erläutert Grimm, die zu jedem ihrer Schützlinge die Charakterzüge genau zu beschreiben weiß. Um noch besser für die vermehrt „auffälligen und schwierigen Hunde“ gerüstet zu sein, hätten sich einige Tierhof-Mitarbeiter weitergebildet zum Hundetrainer und währenddessen viel Erfahrung und praktische Tipps von einer Hundeschule mitnehmen können, berichtet Grimm.

Schäferhund Atos würde sich auch über neue Besitzer freuen. Foto: Nina Ernst

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Schäferhund Atos würde sich auch über neue Besitzer freuen. Foto: Nina Ernst

Selbstverständlich wird sich in Kartung auch um die Katzen und Kater gekonnt gekümmert. Unter ihnen ist Balu, ein traumatisierter ehemaliger Wohnungskater, der lieber Freigänger sein will, und Hubert, ein roter Kater, der aufgrund einer Krankheit nur noch als Wohnungskatze zu vermitteln ist. Und auch das Kaninchen Podolski wartet auf eine neue Familie, am liebsten mit Artgenossen. Nicht mehr weg geht es dagegen für Lämmchen Poldi, das mit der Hand aufgezogen wurde und sich auf dem Gnadenhof auch mal an der Seite von Schweinchen Bobby zeigt. Hier ist nur eine Auswahl an Tieren, die vermittelt werden sollen, aufgeführt – weitere Infos finden sich im Internet.

Lämmchen Poldi und Schweinchen Bobby sind auf dem Hof daheim.  Foto: Jacqueline Grimm

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Lämmchen Poldi und Schweinchen Bobby sind auf dem Hof daheim. Foto: Jacqueline Grimm

Fürs neue Jahr hoffen Jacqueline Grimm und ihr Team, dass sie wieder mehr Veranstaltungen auch für die breite Öffentlichkeit anbieten können, und dass nicht wieder Weihnachtsgottesdienst, Adventsbasar und Tag der offenen Tür ausfallen müssen. Schließlich ist die Tierhilfe auf finanzielle Einnahmen solcher Aktionen angewiesen – macht ihre Arbeit aber davon nicht abhängig, egal ob viel Geld oder wenig, viel Herzblut ist immer dabei, lässt Grimm spüren.

www.neuetierhilfe.de

Ihr Autor

BT-Redakteurin Nina Ernst

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Erstellt:
6. Januar 2022, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 58sec

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