Probleme mit der Psyche werden sichtbar

Gaggenau (ans) – Viele Folgen aus den Hochzeiten der Krise sind inzwischen spürbar, sagt Rolf Bienwald, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle in Gaggenau.

Das Team der Psychologischen Beratungsstelle (von links): Karin van Roode, Carmen Rapp, Rolf Bienwald, Ulla Döhring und Regina Schofer. Foto: Psychologische Beratungsstelle

Das Team der Psychologischen Beratungsstelle (von links): Karin van Roode, Carmen Rapp, Rolf Bienwald, Ulla Döhring und Regina Schofer. Foto: Psychologische Beratungsstelle

Weltweit nehmen psychische Erkrankungen bei Kindern zu. Die Pandemie hat für einen rasanten Zuwachs an Fällen von Depressionen, Angstzuständen und Einsamkeit bei jungen Menschen gesorgt. Auch in der Psychologischen Beratungsstelle (PB) in Gaggenau zeichnen sich die Folgen der Krise vermehrt ab.

„Anfangs ist Corona nicht gehäuft als Thema bei uns angekommen“, berichtet Rolf Bienwald, Diplom-Psychologe und Leiter der Einrichtung. Das habe sich jedoch geändert. Besonders um die Jahreswende 2020/21 seien viele Familien durch Kinderbetreuung und Homeoffice an ihre Grenzen gestoßen. „Der Medienkonsum ging deutlich nach oben“, weiß der Psychologe, der eine Häufung dieser Fälle beobachtet.

Einige Probleme, die sich während der Hochphase der Pandemie entwickelt haben, „kommen jetzt erst an die Oberfläche“, stellt Bienwald fest. Für manche Kinder, die beispielsweise Probleme in der Klasse haben, sei Homeschooling auch eine Entlastung gewesen. Häufig hätten diese Kinder Schwierigkeiten, wieder zur Schule zu gehen, und klagten über Bauch- oder Kopfschmerzen.

Auch Video-Chat ist möglich

Die Frage, wie sich die Corona-Krise langfristig auf die Kinder und Jugendlichen auswirken wird, könne man noch nicht abschließend beantworten. Sicher ist er sich jedoch, dass bei einigen Paaren die Belastung das „Fass endgültig zum Überlaufen gebracht“ habe: „Das war ein Prozessbeschleuniger für Trennungen.“

Der PB-Leiter kann der Krise aber auch etwas Gutes abgewinnen: Die Digitalisierung hat in den Räumen der Beratungsstelle Einzug gehalten. „Seit Ende letzten Jahres bieten wir auch Videoberatung an“, freut sich Bienwald. „Es ist nicht genau das Gleiche, wie sich persönlich zu sehen“, gibt er zu, doch sie eigne sich durchaus für ein kurzes Erstgespräch.

Die Arbeit sei durch die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche aufwendiger geworden. Immer häufiger meldeten sich Menschen, die Unterstützung vom Gesundheitssystem bräuchten: „Wir versuchen zu puffern, sonst stünden sie allein im Regen.“

Vorrangig richtet sich das Beratungsangebot der PB jedoch an Eltern mit minderjährigen Kindern, Lehrer, Erzieher und Jugendliche. „Bis zur Vollendung des 26. Lebensjahrs sind wir zuständig. Es ist ein präventives Angebot – man kann auch kommen, wenn die Situation noch nicht katastrophal ist“, erläutert er.

Wichtig sei auch, den Leuten die Bedenken zu nehmen, sie könnten jemandem die Beratungszeit stehlen, der sie dringender bräuchte. Bienwald ist überzeugt, dass sich Probleme mit „jemandem, für den das ein alltägliches Geschäft ist“, schneller lösen lassen.

Vermittlung an den richtigen Ansprechpartner

Auf die Beratungsstelle werden die Klienten oft über einen Hinweis aus dem Umfeld aufmerksam. Die Anmeldung erfolgt telefonisch oder persönlich, dann wird ein Ersttermin vereinbart, schildert Bienwald den typischen Ablauf. Bei einem ersten Treffen versuchen die Mitarbeiter, sich einen Überblick zu verschaffen. Sollte sich im „Orientierungsgespräch“ herausstellen, dass die PB nicht der richtige Ansprechpartner für eine bestimmte Problematik ist, wird auf die richtige Ansprechperson verwiesen. „Selbstverletztendes Verhalten muss über das Gesundheitssystem versorgt werden“, führt Bienwald als Beispiel an. „In so einem Fall versuchen wir, die Motivation zu stärken, weitere Hilfe zu suchen.“

Manche Klienten werden „übergangsweise“ nach den üblichen vier bis fünf Terminen weiterhin psychologisch begleitet. „Es gibt nicht ausreichend Plätze, vor allem für Kinder und Jugendliche“, kritisiert der PB-Leiter.

Die Psychologische Beratungsstelle soll ein kostenfreies und niedrigschwelliges Angebot sein. „Die Klienten sollen schnell einen Termin bekommen“, betont Bienwald. Oft sei in den Köpfen verankert, dass die Beratungsstelle zum Jugendamt gehöre, das sei aber nicht der Fall. „Wir sind eine eigenständige Abteilung“, bekräftigt Bienwald: „Besprochenes bleibt hier im Raum.“

Die Psychologische Beratungsstelle Gaggenau ist ein Angebot des Landratsamts Rastatt. Zu erreichen ist sie unter (0 72 25) 9 88 99 22 55.

Ihr Autor

BT-Volontärin Anna Strobel

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Erstellt:
22. Oktober 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 50sec

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