Profi-Ligen spielen trotz Lockdown – absurd?

Baden-Baden (ket) – Das Land steht still, die Bälle rollen: Trotz des Lockdowns wird in den Profi-Ligen weiter gespielt, immer mehr Menschen finden das absurd.

Ob das den Fußball vor Corona schützt? Ein Ballmädchen desinfiziert während einer Partie das Spielgerät. Foto: Swen Pförtner/dpa

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Ob das den Fußball vor Corona schützt? Ein Ballmädchen desinfiziert während einer Partie das Spielgerät. Foto: Swen Pförtner/dpa

So sieht es also aus, wenn das Land lockdownt, also herunterfährt: Schulen, Kindergärten und sogar Friseurläden sowie Kneipen haben geschlossen, in den Straßen der Städte und Dörfer herrscht auffallende Leere, ein guter Teil der Menschen sitzt zu Hause und officed. Private Treffen sind allerdings auch dort strengst reglementiert.

Die Menschen sollen sich schließlich aus dem Weg gehen, um dem Virus keine Verbreitungsmöglichkeit zu geben. Allein das ist Sinn und Zweck dieses Lockdowns.
Am Abend, wenn für den Normalbürger die Ausgangssperre in Kraft tritt, wandelt sich das Bild. Dann spielen Schalke gegen Freiburg, Bayern gegen Wolfsburg und sogar Leipzig in Hoffenheim. Dampfende Männerkörper kämpfen dicht an dicht um einen Ball, Grätschen werden angesetzt, Tore per Menschentraube gefeiert. Wären die Stadien nicht weitgehend menschenleer, man käme kaum auf die Idee, dass die Welt von einer lebensbedrohlichen Pandemie befallen ist. Oder ist am Ende der Fußball, zumindest jener der Profis, nicht mehr von dieser Welt?

Dabei, das muss gesagt werden, ist es keineswegs nur die Kicker-Branche, die derart agiert. Auch Hand-, Basket- und Volleyball spielen weiter munter vor sich hin. Auf die Spitze treibt es gar die Deutsche Eishockey-Liga (DEL), die just einen Tag nach Lockdown-Beginn in ihre Saison startet, heute (am Donnerstag, 17. Dezember, Anm. d. Red.) also.

Fette Extrawurst für den Profisport

Nicht nur Menschen, die dem Fußball im Besonderen sowie dem Sport im Allgemeinen fern stehen, nehmen dies zunehmend als Absurdität wahr. Auch durchaus eingefleischte Fans können es kaum mehr nachvollziehen, wie dem Profisport eine fette Extrawurst gebraten wird. Dass der Fußball diesbezüglich einmal mehr eine Vorreiterrolle einnimmt, steht außer Frage. Nur er verfügt über die Lobby, die schon beim ersten Lockdown Geisterspiele möglich gemacht hat und später sogar Partien vor beschränkter Zuschauerzahl. Diesmal, beim zweiten Runterfahren, haben Rummenigge & Co. im Hintergrund offenbar gar so gründlich gearbeitet, dass der Sport im politischen Diskurs erst gar nicht mehr zum Thema geworden ist, zumindest nicht in dem, der öffentlich geführt wurde.

Natürlich: Der Sport kann in schweren Zeiten bieten, was zumindest ein Teil der Menschen sonst nicht hätte: Ablenkung, vielleicht sogar einen kurzen Moment der Freude, und sei es nur, weil ihr Verein gewonnen hat. Und selbstredend sind die Bundesligen schon aus rein wirtschaftlichen Gründen darauf angewiesen, dass der Spielbetrieb weitergeht, in Volley-, Basket-, Handball und Eishockey noch mehr als im Fußball. Würde längerfristig runtergefahren, würde das den ein oder anderen Klub an den Rand des Ruins treiben, vielleicht sogar hinein. Das gilt allerdings auch für einen nicht geringen Teil der Einzelhändler und Gastronomen, die ihren Laden im Gegensatz zum Sport dicht machen müssen.

Dem gegenüber steht das gesundheitliche Risiko, das von der Sportelei ausgeht. Das von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) erarbeitete und von anderen Sportarten modifiziert übernommene Hygiene- und Sicherheitskonzept wurde zwar viel und hochgelobt, als Corona-Killer oder auch nur zuverlässiger Schutz erwies es sich zumindest zuletzt freilich nicht mehr. In den Fußballligen zwei und drei sind Spielabsagen wegen des Virus an der Tagesordnung. Auch in Liga eins gibt es längst keinen Verein mehr, der nicht schon mindestens einen Positiv-Fall in seinen Reihen gehabt hätte. Ganze Mannschaften mussten vielmehr schon unter Quarantäne gestellt werden. In den anderen Teamsportarten verhält es sich nicht anders.

Risiko fürs normale Leben

„Leute spielen mit ihrer Gesundheit, das hat mit Sport nichts zu tun. Das ist einfach nur ein Risiko“, hat der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz unlängst im ZDF gesagt. Ein Risiko übrigens, das von den Stadien und Sporthallen durchaus ins ganz normale Leben weitergetragen wird, spätestens dann, wenn Deutschlands Sportprofis nach getaner Arbeit nach Hause zu ihren Familien zurückkehren.

Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gerade die Meinung kund getan hat, für das Infektionsgeschehen in Deutschland sei es nicht die Frage, ob und in welchen Stadien am Wochenende ohne Zuschauer gespielt werde, wirkt bei alledem verwunderlich. Zumal die Entscheidung, den Spielbetrieb planmäßig zuzulassen, durchaus Signalwirkung haben könnte – und zwar kontraproduktive, nämlich dieser Art: So lange die Bälle rollen, kann es so schlimm ja noch nicht sein. Lockdown hin, Lockdown her. Und: Wie bitte schön soll man Kinder erklären, dass Männer ganz öffentlich Fußball spielen dürfen, sie aber nicht mehr aus dem Haus sollen und schon gar nicht mit ihren Freunden spielen – oder Jugendliche nicht Silvester feiern? Wie dem um seine Existenz kämpfenden Geschäftsmann klar machen, dass der Sport offenbar mehr wert ist als sein Laden, der zumachen muss.

Der Fußball beanspruche keine Sonderrechte, so hatten es die Fußballfunktionäre bereits beim ersten Lockdown ziemlich lautstark kund getan. Nun sind ihnen eben diese erneut eingeräumt worden. Die Zahl der Menschen, die bereit sind, dies nachzuvollziehen, nimmt spürbar ab. Gerade für den Profifußball bedeutet das nichts Gutes, sondern dies: Er hat sich wieder ein Stückchen mehr von der Basis entfernt.

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Erstellt:
16. Dezember 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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