Psychische Widerstandskraft stärken

Elchesheim-Illingen (as) – Mit einem neuen Kurs will der Judoclub Elchesheim-Illingen die Widerstandskraft von Kids stärken, damit sie für die Widrigkeiten des Lebens besser gewappnet sind.

Beatrix Schönlaub-Pesi und Roland Stolz werden das Resilienztraining beim Judoclub Elchesheim-Illingen leiten. Foto: Anja Groß

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Beatrix Schönlaub-Pesi und Roland Stolz werden das Resilienztraining beim Judoclub Elchesheim-Illingen leiten. Foto: Anja Groß

Der Judoclub Elchesheim-Illingen plant ab Mai einen neuen Kurs, der unter anderem von der Aktion Mensch gefördert wird: Kostenloses Resilienztraining für Kinder und Jugendliche. Ziel des kreisweit bislang einzigartigen Angebots ist es, die Widerstandsfähigkeit zu stärken, erzählen die Kursleiter Beatrix Schönlaub-Pesi und Roland Stolz im Interview mit BT-Redakteurin Anja Groß. Wichtig ist ihnen dabei: „Wir wollen keine Freizeitgestaltung betreiben, sondern etwas für betroffene Kinder und Jugendliche anbieten.“

Orchideen- und Löwenwazhnkinder

BT: Herr Stolz, was ist eigentlich Resilienz?
Roland Stolz: Resilienz ist ursprünglich ein Begriff aus der Technik und beschreibt das „Zurückspringen“ oder „Abprallen“. In unserer Thematik wird es zur psychischen Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Im Gegensatz dazu gibt es die Menschen, die sich schnell aus der Bahn werfen lassen. In der Fachliteratur ist oft die Rede vom empfindlichen, pflegebedürftigen Orchideenkind und dem robusten Löwenzahnkind, das sich überall durchsetzen kann.

BT: Welche Kinder und Jugendlichen wollen Sie mit den Kursen ansprechen?
Stolz: Alle, die in irgendeiner Form ein Defizit erlebt haben und Problematiken vor sich her schieben.

Beatrix Schönlaub-Pesi: Trennungskinder beispielsweise, die mit der Situation nicht umgehen können oder Mobbingopfer. Die zarten Pflänzchen ebenso wie die, die immer laut sind und aggressiv Stärke markieren, aber damit eigentlich nur ihre innere Schwäche überspielen.

BT: An welche Altersgruppe richtet sich das Angebot?
Schönlaub-Pesi: Wir planen zwei Gruppen, eine für Kinder von acht bis elf und eine für Jugendliche ab zwölf Jahren. Starten wollen wir mit der Kindergruppe. Nach den Sommerferien soll es mit der Jugendgruppe losgehen – immer vorausgesetzt, dass die Corona-Bedingungen das zulassen.

Spielerisch die Problematiken bewusst machen

BT: Wie muss man sich das Resilienztraining vorstellen?
Stolz: Über viele Spiele im Team und in der Gruppe wollen wir zum einen die Problematiken bewusst machen, aber auch andere Wege aufzeigen und vermitteln, wie man sich behaupten kann. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten soll spielerisch gestärkt werden und die Kinder werden lernen, Verantwortung zu übernehmen, und dass sich Anstrengung lohnt, Mut sich bezahlt macht und dass kalkulierbare Risiken in Ordnung sind.
Schönlaub-Pesi: Es geht darum, zu lernen, sich selbst etwas zuzutrauen und den anderen zu vertrauen. Ein Thema ist auch gewaltfreie Kommunikation – warum aggressive Sprache entsteht. Da arbeiten wir mit den Handpuppen Wolf – als Sinnbild für den Rechthaber – und der Giraffe, die mit ihrem langen Hals den Überblick hat, hinterfragt und harmoniebedürftiger ist. Sie fragt dann zum Beispiel: Warum bist Du jetzt so laut, anstatt eine „wölfische Antwort“ zu geben. Sie fragt nach den Bedürfnissen.

BT: Warum denken Sie, dass das heutzutage so wichtig ist für Kinder und Jugendliche?
Stolz: Mit ein Grund ist die Art, wie Kinder heute aufwachsen – oft ist das Smartphone mehr Spielkamerad als echte Kameraden, mit denen man sich auseinersetzen muss und messen kann. Dazu kommt in der Corona-Zeit, dass die Kinder sich in der Schule nicht mit Gleichaltrigen üben und an den Spannungen wachsen können, die dort auch lebensnotwendig sind. Kinder müssen auch lernen, Kritik zu äußern. Deshalb planen wir jedes Mal am Ende eine Reflexionsrunde.

BT: Inwieweit passt das Resilienztraining zum Thema Judo?
Stolz: Der Judo-Club bietet als anerkannter Träger der freien Jugendhilfe die Voraussetzungen für ein solches Angebot. Daher gibt es Kontakte zum Kreis-Jugendamt, das unser Konzept unterstützt. Wir arbeiten schon seit 1997 auch mit behinderten Menschen, seit 2007 gibt es eine Sportgruppe für Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten. Zudem hat der Verein bereits zahlreiche Auszeichnungen für seine Arbeit erhalten. Insofern war das Angebot für uns folgerichtig.

Sponsoren finanzieren das Angebot

BT: Wie finanziert der Verein das Angebot?
Stolz: Die Kurse sind grundsätzlich kostenlos. Es war uns wichtig, dass wir ein niederschwelliges Angebot machen. Wir haben für 20 Samstage Sponsoren gefunden: Die Aktion Mensch, die Stiftung der Sparkasse Rastatt-Gernsbach und die Raiffeisenbank Südhardt. So konnten wir Trainings-Hilfsmittel anschaffen und können als Mutprobe mit der Gruppe in den Kletterpark oder eine Kletterhalle gehen. Auch anfallende Honorarkosten für Hilfskräfte werden darüber finanziert, denn allein im Ehrenamt ist das nicht zu stemmen. Wir freuen uns auch über interessierte Jugendliche ab 18, die sich für das Thema Resilienz interessieren und mithelfen wollen.

BT: Haben Sie eine spezielle Fortbildung absolviert?
Schönlaub-Pesi: Indirekt. Ich habe schon während des Studiums zur Grundschullehrerin 2011 Seminare zum Thema Resilienz belegt. Außerdem arbeite ich in einer Jugendeinrichtung mit minderjährigen jungen Straffälligen.
Stolz: Ich habe nach dem Sozialpädagogik-Studium eine Zusatzausbildung für systemisches Anti-Gewalt-, Konflikt- und Deeskalationstraining absolviert und zudem 30 Jahre Erfahrung als Judo-Trainer für Kinder und Jugendliche, arbeite zudem in der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen. Bei der Ausarbeitung des Konzepts haben wir uns natürlich intensiv damit beschäftigt, wie wir die jeweils zehn Kurs-Samstage zu jeweils vier Stunden gestalten werden.

BT: Es könnten ja auch Fälle bei Ihnen landen, bei denen Sie feststellen: Was das Kind braucht, geht über Resilienztraining hinaus. Wie werden Sie damit umgehen?
Stolz: Beim Auftreten einer Problemlage leiten wir professionelle Hilfe ein, das ist Teil des Konzepts. Ebenso wie eine Nachsorge zwischen Kursteilnehmern und Verantwortlichen. Wir sind nicht als Therapeuten unterwegs, das muss klar sein.

Infotag am 12. Mai

Das neue Angebot wird der Judoclub Elchesheim-Illingen am Samstag, 12. Mai, ab 16 Uhr im Vereinsheim in der Waldstraße 15 in Elchesheim-Illingen vorstellen. Zudem wird Werbung an Schulen, über die Jugendämter, Jobcenter, Kinderärzte und Vereine wie Feuervogel gemacht. Zunächst soll eine Gruppe für Acht- bis Elfjährige stattfinden, ab 22. Mai an zehn Samstagen von jeweils 9 bis 13 Uhr. Nach den Sommerferien soll der zweite Kurs für die älteren Kinder starten. Anmeldungen und Infos bei Roland Stolz, E-Mail: jc-elchesheim-illingen@web.de. Zudem wird Jugendlichen ab 18 Jahren die Möglichkeit geboten, den Kurs zu begleiten.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
27. April 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 57sec

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