Putin und Schröder: Eine verhängnisvolle Freundschaft

Von BNN-Redakteur Alexei Makartsev

Berlin/Moskau (BNN) – Die Männerfreundschaft zwischen Wladimir Putin und Gerhard Schröder wird zur Belastung in der Ukraine-Krise. Aus der SPD heißt es an Schröder: „Einfach mal die Klappe halten“

Putin und Schröder: Eine verhängnisvolle Freundschaft

Zwei, die sich immer verstanden haben: Gerhard Schröder (links), ehemaliger Bundeskanzler und Wladimir Putin, Russlands Präsident, lassen sich ihre enge Freundschaft durch nichts trüben. Symbolfoto: Alexei Druzhinin/dpa

Das Gemälde zeigt zwei Männerprofile. Putin und Schröder. Seite an Seite, eng beieinander. Beide tragen identische Anzüge, Hemden mit Fliegen, beide blicken in die gleiche Richtung. „Normalerweise hängt das Bild in meiner Wohnung oben. Er hat es mir geschenkt“, sagt stolz der frühere Bundeskanzler, als er in Hannover den russischen Journalisten Andrej Kondraschow empfängt. Gerhard Schröder hat Lust, über seinen Freund, den Kremlherrn, zu reden. „Nicht nur auf diesem Bild sind wir ähnlich“, erzählt er dem Fernsehteam aus Moskau. „Er wuchs in einer Wohnung mit Ratten auf, ich in einer Baracke ohne Strom. Aber deswegen wissen wir auch, wo wir hingehören“. Die Szene stammt aus dem 2018 ausgestrahlten Dokumentarfilm „Putin“. Sein Protagonist lässt sich in jenem Jahr zum vierten Mal zum Präsidenten wählen. Der Mann, der Putin anpreist, ist im Jahr zuvor in den Aufsichtsrat des größten russischen Ölkonzerns Rosneft aufgestiegen und erhält dafür angeblich ein Gehalt um die 600.000 Euro.

Eine Freundschaft für den Frieden

Er gilt als schwarzes Schaf der Bundespolitik. Wie jeder seiner Vorgänger und Nachfolger hatte Gerhard Schröder einst in einem Amtseid geschworen, seine Kraft „dem Wohle des deutschen Volkes zu widmen“. Mit seinen 77 Jahren scheint er heute noch überzeugt, diesen hehren Zielen zu dienen, indem er eine Männerfreundschaft im Dienst der Völkerverständigung pflegt. Viele sehen es aber anders.

„Putins Waffenmeister“ wird Schröder gerade abschätzig in seinem Heimatland genannt. „Im Ruhestand den Anstand verloren“, kritisiert ein Nachrichtenportal. Der Grund ist Schröders Verharmlosung des russischen Truppenaufmarsches an den ukrainischen Grenzen. Er hoffe, dass die Ukraine ihr „Säbelrasseln“ beendet, hat der Altkanzler kürzlich gesagt und dafür eine heftige Abfuhr in seiner SPD erhalten: „Einfach mal die Klappe halten.“

Der „informelle Rosneft-Außenminister“

Auch die Nachricht vom Aufrücken Schröders in den Aufsichtsrat des teilstaatlichen Gasriesen Gasprom wirft einen Schatten auf sein Image. In Russland stößt der deutsche Groll auf „drug“ (Freund) Gerhard auf Verwunderung.

Besonders respektiert wird der „Gasprom-Kanzler“ und „informeller Rosneft-Außenminister“ allerdings auch dort nicht. So spottete kürzlich der populäre Satiriker Viktor Schenderowitsch über die „Schröderisierung“ der Politik, wenn Staatsmänner „ganz primitiv mit Gas gekauft und korrumpiert“ werden können. Wenn er in die Ecke gedrängt wird, rechtfertigt Schröder seinen engen Draht zu Putin mit dem abgewandelten Erfolgsmotto des FC Bayern München „mia san mia“. Bei ihm klingt das so: „Ich bin ich“. Soll heißen: Es bleibt so, ihr müsst das einfach akzeptieren. Schaut man sich die gemeinsame Geschichte beider Männer an, fällt auf, dass sich die bedingungslose Loyalität, mangelnde Distanz und zynische Rücksichtslosigkeit nach außen in deren Freundschaft schon früh eingeschlichen haben.

Eine besondere Einladung zum Weihnachtsfest

Sie begegneten sich erstmals 2000 in Berlin. Der SPD-Kanzler, der im Geiste der Ostpolitik Willy Brandts die Annäherung an die instabile Atommacht im Osten gesucht hat. Und der geheimdienstlich geprägte Präsident, der im Bundestag eine bejubelte Rede hielt, die Optimismus und Offenheit geatmet hat. Das gute Deutsch des neuen Kremlchefs erleichterte das Kennenlernen im Kanzleramt. Am Ende der Berlin-Visite luden das Ehepaar Putin den Gastgeber und seine damalige Ehefrau Doris nach Moskau ein, um gemeinsam russische Weihnachten zu feiern.

Neben ihrer Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen hätten Putin und er das zärtliche Verhältnis zu ihren Müttern gemeinsam, sagt Schröder 2018 im Dokumentarfilm über den starken Mann in Moskau. Tatsächlich eint beide Aufsteiger noch mehr: Zähigkeit, Mut und Rauflust, ein Faible für Provokationen, volkstümliche Hemdsärmeligkeit und große Härte, Machthunger, zynischer Humor und der eiserne Wille, sich durchzusetzen. Dies alles begründete eine beidseitige Sympathie beim Gegenbesuch des Kanzlers in Moskau.

„Wir haben lange in der Nacht geredet. Daraus ist eine Beziehung über das Politische hinaus entstanden“, erinnerte sich später Schröder an die zwei Tage mit einem Festessen im Kreml und einer weihnachtlichen Schlittenfahrt durch den verschneiten Wald. „Er ist offen und zuverlässig“, schwärmte später in einem „Bild“-Interview Schröder von seinem Freund. „Er ist ein prinzipientreuer Mensch“, gab Putin im selben Gespräch das Kompliment zurück.

Vor einigen Jahren ließ Russlands Präsident die Öffentlichkeit mit einer Anekdote an jenem Weihnachtsbesuch der Schröders teilhaben, bei dem eine Freundschaft fürs Leben entstand: Sie hätten in einer Banja (Dampfbad) gesessen und Schröder habe sich gerade Bier eingeschenkt, als im hölzernen Häuschen Feuer ausgebrochen sei, erzählte Putin.

„Ich sage ihm: ,Gerhard, wir müssen abhauen, es brennt.‘ Er sagt mir: ,Lass mich erst mein Bier austrinken.‘“ Dies habe ihn damals sehr beeindruckt.

In den folgenden Jahren ließen der Russe und der Deutsche keine Möglichkeit aus, um ihre Nähe öffentlich als eine intime Freundschaft zu inszenieren, mit Romantik-Kitsch, Pomp und Folklore jenseits des guten Geschmacks. Von Spaziergängen beim Sonnenuntergang am Schwarzmeerstrand über Bankette mit Balalaika und Partys in Palästen bis hin zu einem extra nach Deutschland eingeflogenen, 40-köpfigen Kosakenchor als Geschenk für den lieben Freund war alles dabei.

Die persönlichen Bande wurden noch stärker, als die Schröders ein Waisenkind aus St. Petersburg adoptierten. Auch politisch und wirtschaftlich brachte die „Wladimir-und-Gerhard-Show“ beiden Ländern einige Dividenden.

Der Handel boomte, die Investitionen stiegen. Mit ihrer ablehnenden Haltung zum Irak-Krieg standen Russland und Deutschland Seite an Seite. Dabei schlich Schröder stets auf Samtpfoten durch das verminte innenpolitische Terrain in Russland, um bloß nicht seinem Freund, dem „lupenreinen Demokraten“, zu schaden. Gefälschte Wahlen, enteignete Unternehmer, mundtot gemachte Opposition: Wann immer der Kanzler gedrängt wurde, dazu Stellung zu nehmen, wich er aus.

Ein Jobangebot per Handyanruf

„Ich bin davon überzeugt, dass der Präsident Russland zu einer Demokratie entwickeln will“, beteuerte Schröder kurz vor seiner Abwahl. Er werde mit dem „Herrn Bundeskanzler weiterhin sehr gute Beziehungen unterhalten“ versicherte Putin bei ihrem letzten offiziellen Treffen im September 2005.

Drei Monate später, Schröder war bereits ein Ex-Kanzler, klingelte das Handy des Niedersachsen: Sein Freund war dran, mit einem faszinierenden Angebot, fortan für Gasprom zu arbeiten. Er sagte nicht Nein. Die blinde Loyalität hatte sich für den Sozialdemokraten ausgezahlt.

Der Rest ist Geschichte. Schröders lukratives Engagement in dem mit zwielichtigen Strukturen eng verflochtenen russischen Öl- und Gas-Imperium ließ seine Landsleute immer mal wieder die Nase rümpfen.

Die mutmaßlich gut bezahlten Jobs des viermal geschiedenen Ex-Politikers an den Spitzen der Konzerne Nord Stream, Nord Stream 2 und Rosneft waren ethisch fragwürdig, aber politisch nicht sehr brisant, bis sich Russland 2014 die ukrainische Halbinsel Krim einverleibt hat.

Die Lust an der politischen Provokation

Er muss sich seitdem vorwerfen lassen, durch die bloße Nähe zum Moskauer Autokraten sein früheres Amt zu beschmutzen. Hin und wieder provozierte Schröder scheinbar absichtlich seine deutschen Kritiker, als er die Stationierung der Bundeswehr in Litauen kritisierte, ein Ende der Sanktionen gegen Russland forderte und vehement eine Türöffnung für die Ukraine zur Nato-Mitgliedschaft ablehnte.

Seine Forderung, Kiew solle mit dem „Säbelrasseln“ aufzuhören brachte nun das Fass zum Überlaufen, auch in der SPD. „Das ist absolut falsch, was er sagt“, maßregelte Parteichef Lars Klingbeil seinen einstigen politischen Ziehvater. Der Mann, dessen Wohnzimmer das Doppelporträt mit dem Kremlchef schmückt, lässt jedoch keine Zweifel oder Reue erkennen.

„Das ist nicht politisch“, sagt Schröder in dem Putin-Film, der vor der Wiederwahl des Russen 2018 ausgestrahlt wurde. „Das ist eine Freundschaft“, betont der Ex-Kanzler, „und ich werde nichts ändern. Mit der Kritik daran habe ich kein Problem.“

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