Putins Krieg hat Folgen für die Wirtschaft

Karlsruhe (BNN) – Der Krieg in der Ukraine wirkt sich auch auf die Südwest-Wirtschaft und auf die Verbraucher in Baden-Württemberg aus. Fragen und Antworten zum Thema.

Die Turbinen des RDK 8 in Karlsruhe könnten künftig mit Gas statt mit Steinkohle auf Touren kommen: Bislang bezieht der Karlsruher EnBW-Konzern mit seiner Tochter VNG ordentliche Mengen Erdgas aus Russland. Foto: Uwe Anspach/dpa

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Die Turbinen des RDK 8 in Karlsruhe könnten künftig mit Gas statt mit Steinkohle auf Touren kommen: Bislang bezieht der Karlsruher EnBW-Konzern mit seiner Tochter VNG ordentliche Mengen Erdgas aus Russland. Foto: Uwe Anspach/dpa

Das wissen viele nicht: Die VNG AG ist drittgrößter deutscher Gas-Importeur – und eine Tochter des Karlsruher EnBW-Konzerns. Doch nicht nur für die EnBW sind der Ukraine-Krieg und die Russland-Sanktionen eine Herausforderung. Auch Endverbraucher dürften die Auswirkungen von Putins Krieg in ihrem Geldbeutel zu spüren bekommen.

Wie bedeutend ist Russland für die baden-württembergische Wirtschaft und somit für die hiesigen Arbeitsplätze?
Die wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland hält sich vergleichsweise in Grenzen – so ist China für Autobauer wie die Mercedes-Benz-Group, Audi und Porsche viel wichtiger. Die Südwestindustrie hat im vergangenen Jahr laut Statistischem Landesamt Güter im Wert von 3,774 Milliarden Euro nach Russland exportiert. Es dominieren Kraftwagen und Maschinen mit einem Wert von jeweils gut einer Milliarde Euro.

Und umgekehrt?
Aus Russland wurden Waren im Wert von 2,032 Milliarden Euro nach Baden-Württemberg importiert. Erdöl und Erdgas dominieren mit 818 Millionen Euro, gefolgt von Metallen und Kohle. Nahrungs- und Futtermittel machen beispielsweise 27 Millionen Euro aus.

Wie steht die Südwest-Wirtschaft zu Wirtschaftssanktionen?
„Wirkungsvolle Sanktionen gegen Russland sind ohne Alternative, wenn wir wieder an den Verhandlungstisch wollen“, sagt beispielsweise Thomas Burger, Präsident des Wirtschaftsverbandes WVIB mit seinen vielen mittelständischen Familienbetrieben als Mitgliedern. Strafmaßnahmen würden für Baden-Württemberg einen wirtschaftlichen Preis haben, „der uns nicht abschrecken sollte“. Burger spricht auch von einem „Stresstest für die Energieversorgung“.

Gaslieferungen decken den Bedarf

Was sagt der Karlsruher Energiekonzern EnBW zur Gasversorgung?
Aktuell liefern nach EnBW-Angaben die russischen Vertragspartner die zugesagten Gasmengen. Durch weitere Lieferungen vor allem aus Norwegen, den Niederlanden sowie Flüssiggas-Lieferungen (LNG) wird der vom Markt nachgefragte Bedarf gedeckt. „Stand jetzt, und einen normalen Temperaturverlauf vorausgesetzt, sind wir daher mit Blick auf die Versorgungssicherheit gut ausgestattet“, so eine EnBW-Pressesprecherin.

Und wie entwickelt sich der Gaspreis?
Die EnBW kauft Erdgas am deutschen Großhandelsmarkt ein. Sie schließt nicht aus, dass sich die Preise dauerhaft wegen des Krieges an der Börse erhöhen und sich zeitversetzt auf die Endkundenpreise auswirken.

Energieexpertin: „Gefährliche Abhängigkeit“

Gas ist mit etwa 27 Prozent der zweitwichtigste Energieträger in Deutschland. Über 50 Prozent davon kommen aus Russland. Eine Abhängigkeit, oder?
Klar, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Sie spricht gar von einer „gefährlichen Abhängigkeit“. Kemfert fordert gegenüber dieser Zeitung denn auch „einen Booster für erneuerbare Energien und Energiesparen insbesondere im Gebäudebereich“, um diese Abhängigkeit zu reduzieren. Planungs- und Ausbauverfahren müssten beschleunigt werden. Der Stopp von Nord Stream 2 sei eine Chance für die Energiewende – mit der Pipeline wäre die Abhängigkeit von russischem Gas auf 70 Prozent erhöht worden.

Die VNG AG in Leipzig ist drittgrößter Gasimporteur in Deutschland und eine Tochter der Karlsruher EnBW. Welche Auswirkung hat der Krieg auf den Konzern?
„Gegenwärtig gibt es keine Auswirkungen auf das Geschäft der VNG. Die russischen Vertragspartner der VNG liefern weiterhin zuverlässig Erdgas“, so die EnBW-Sprecherin.

Laut EnBW-Homepage arbeitet der Konzern neben dem Gaslieferanten Gazprom auch mit dem russischen Energiekonzern Novatek zusammen. Was bedeutet das, vor allem, wenn Russland vom internationalen Swift-System ausgeschlossen wird, das weltweit über 11.000 Banken nutzen?
Dazu äußert sich die EnBW derzeit nicht konkret. Der EnBW-Gasbezugsvertrag mit Novatek endet am 30. September 2022. Bis dahin gehe man weiterhin von einer zuverlässigen Belieferung aus. Eine Abhängigkeit bestehe nicht. „Unser Beschaffungsportfolio ist diversifiziert nach Ländern, Lieferanten und Laufzeiten aufgestellt“, so die EnBW-Sprecherin weiter. Novatek liefert auch verflüssigtes Erdgas an die EnBW. Die EnBW selbst hat keine direkten Importverträge mit Russland, ihre Tochter VNG wird aber von Gazprom beliefert.

Steigende Getreidepreise

Die deutsche Energiewirtschaft braucht künftig mehr Erdgas für ihre Kraftwerke. Ein Problem für die EnBW?
Bislang ist es so, dass nicht genügend Fotovoltaikanlagen und Windräder bereitstehen, um den Ausfall durch abgeschaltete AKW und Kohlemeile abzudecken. Deshalb plant auch die EnBW, einige ihrer Kohlekraftwerke auf Gasbetrieb umzustellen – es ist der sogenannte Fuel Switch. Die EnBW will bis 2035 klimaneutral werden. Fuel-Switch-Projekte seien langfristig geplant. So würde die Belieferung mit Erdgas für ein solches Kraftwerk beispielsweise erst in drei bis vier Jahren einsetzen, argumentiert die EnBW-Sprecherin. „Welche Auswirkungen es hätte, wenn sich die weltpolitische Lage zuspitzt, kann man heute nicht seriös beantworten.“

Wäre es mit Blick auf die Zuverlässigkeit von Gas-Lieferungen eine Option, wenn in Deutschland Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke länger als geplant am Netz blieben?
Die EnBW spricht von einer hypothetischen Fragestellung. Für sie stelle sich die Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke nicht. Auch Energieexperten Kemfert warnt gegenüber dieser Zeitung davor: „Die beste Antwort auf fossile Energiekriege ist nicht eine Laufzeitverlängerung von Atom und Kohle, sondern die beschleunigte Energiewende.“ Dazu gehören für sie der schnellere Ausbau der Erneuerbaren und „deutliches Energiesparen“.

Alle reden über Energie. Russland und die Ukraine sind aber auch mit ihrer Landwirtschaft von Gewicht?
Richtig, beide Länder sind weltweit größter Erzeuger für Getreide und Ölsaaten wie Sonnenblumen, stellt das Unternehmen Speciality Brokers fest, das zahlreiche Bäckereien beliefert. Es geht denn auch von steigenden Getreidepreisen aus.

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