Putins Mann in Baden

Staufen (BNN) – Viele halten Altkanzler Schröder für den engsten deutschen Vertrauten des russischen Machthabers. Doch Putins wichtigster Deutscher, Matthias Warnig, lebt zurückgezogen in Baden.

Unauffällig: Klingel am Eingang zum Anwesen des Putin-Vertrauten Matthias Warnig, Geschäftsführer der Nord Stream 2 AG, in Staufen. Foto: Daniel Streib

Unauffällig: Klingel am Eingang zum Anwesen des Putin-Vertrauten Matthias Warnig, Geschäftsführer der Nord Stream 2 AG, in Staufen. Foto: Daniel Streib

Die Stadt Staufen im Breisgau ist für das Ende von Doktor Faust bekannt. Um 1540 soll sich der Alchemist dort beim Versuch der Goldherstellung in die Luft gejagt haben. Den tödlichen Pakt mit dem Teufel machte Goethe zu Weltliteratur. Hunderte Jahre später hat Staufen wieder eine faustische Figur: den Ex-Spion und Topmanager Matthias Warnig. Ein bulliger Mann aus Brandenburg, der gern im Hintergrund agiert und in den Wirren der Wendejahre zu einem Vertrauten von Wladimir Putin wurde.

Lange paktierte Warnig mit dem russischen Machthaber und dürfte damit sehr viel Geld verdient haben. Jetzt droht ihm, wie einst Doktor Faust, alles um die Ohren zu fliegen.

Dabei sah sich der Geschäftsführer der Nord Stream 2 AG gemeinsam mit Gerhard Schröder (SPD), dem Verwaltungsratsvorsitzenden, schon am Ziel. Trotz großer Widerstände hatten Ex-Spion und Altkanzler die Pipeline schon fast durchgeboxt. Ab diesem Frühjahr hätte die Röhre Erdgas des russischen Konzerns Gazprom bis zum Dorf Lubmin am Greifswalder Bodden pumpen können, wie seit 2012 schon Nord Stream 1.

Doch Putins Krieg zerstört auch diese Pläne. Zehn Milliarden Euro soll die nun brachliegende Pipeline gekostet haben, für die Warnig Verantwortung trägt. Als einziger Deutscher ist er zudem persönlich mit US-Sanktionen belegt.

Die sichtbaren Folgen für den Wahl-Badener sind bislang überschaubar. Warnig musste seinen Sitz im Aufsichtsrat bei Schalke 04 abgeben, in dem er für die Nordstream-Muttergesellschaft Gazprom saß. Und Warnig hat Ärger mit seinem Bürgermeister. Michael Benitz (parteilos) rief ihn in einem offenen Brief dazu auf, sich öffentlich von Putin zu distanzieren und seine Ämter in Russland niederzulegen. „Unerträglich, dass es persönliche Verbindungen von Herrn Putin auch in unsere Stadt gibt“, so der Staufener Schultes. Die Antwort Warnigs fiel ähnlich aus wie Schröders Reaktion auf die Invasion. Man distanziert sich vom Krieg, aber nicht von dem Mann, der ihn verantwortet.

Was treibt Warnig an? Wie beurteilt er, der Putin wie kein zweiter Deutscher kennt, die Situation? Am ersten Sonntag im März ist es frühlingshaft in Staufen. Die Ukraine ist weit weg. „Odessa 1.700 km“ steht auf einem Fernwegweiser in der Altstadt, wo sich die Ausflügler tummeln. In gediegener Halbhöhenlage zwitschern die Vögel. Dort lebt in einem großzügigen aber nicht protzigen Anwesen Matthias Warnig mit seiner zweiten Frau, einer gebürtigen Russin.

Warnig meldet sich nicht

Einige Sekunden dauert es nach dem Türklingeln, dann öffnet die Gattin und nimmt den Gesprächswunschs des Besuchers entgegen. Ihr Mann sei sogar zuhause. „Das ist er jetzt häufiger“, sagt die 44-Jährige mit leichtem Akzent und lächelt. Trotzdem sei es jetzt ungünstig, man sei auf dem Sprung. Ihr Mann werde sich telefonisch oder per E-Mail melden, verspricht sie. Doch Warnig meldet sich nicht.

Der 66-Jährige stammt aus dem Lausitzer Braunkohlerevier. Als junger Mann ging er zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR, wurde Offizier und Geheimagent in Westdeutschland. Nach der Wende soll er dank guter Kontakte das Russland-Geschäft der Dresdner Bank aufgebaut haben. Spätestens seit dieser Zeit seien Warnig und Putin eng befreundet, wie etwa der inhaftierte russische Oppositionelle Alexej Nawalny in einem seiner Videos sagt. Verbindendes Element: Auch Putin zog es früh zum Geheimdienst. Von 1985 bis 1990 war er KGB-Agent in der DDR.

Mit dem Aufstieg Putins zum Alleinherrscher im Kreml wurde Warnig zum wohl mächtigsten Deutschen im Russlandgeschäft. Er ist oder war im Aufsichtsrat mehrerer russischer Banken und besetzte Schlüsselrollen in Konzernen der Rohstoffindustrie. In Deutschland brachte er zunächst Nord Stream 1 auf den Weg, seit 2015 ist er Geschäftsführer der Nordstream 2 AG mit Sitz im schweizerischen Zug.

Unternehmenssitz der Nord Stream 2 AG in der Inustriestraße in Zug (Schweiz). Foto: Daniel Streib

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Unternehmenssitz der Nord Stream 2 AG in der Inustriestraße in Zug (Schweiz). Foto: Daniel Streib

Staufen liegt nur rund 50 Kilometer von der Schweiz entfernt. Entschied sich Warnig auch deshalb dafür? Jedenfalls hat er sich in Baden gut eingelebt. Gemeinsam mit seiner Frau und mehreren Kindern ist er Eigentümer einer in Staufen ansässigen Firma, die laut Handelsregister ein breites Tätigkeitsspektrum aufweist: Neben der „Verwaltung, Verwertung und Veräußerung von Grundstücken ... einschließlich ihrer Bebauung“ werden unter anderem „Beratungsleistungen“ genannt.

In einer weiteren Branche ist die Familie ebenfalls vertreten. Warnigs Sohn Stefan betreibt seit 2019 das Restaurant des Freiburger Golfclubs Tuniberg. Viele Gäste ahnen kaum, dass der Küchenchef schon mehrfach Wladimir Putin verköstigt hat. Bis vor ein paar Jahren führte der Warnig-Sohn das „Cafe des Artistes“ in Berlin-Schöneberg. Das Restaurant wurde vom Blatt „B.Z.“ anlässlich eines Besuchs von Schröder und Putin 2010 als „Schröders Berliner Wohnzimmer“ bezeichnet. Ob der Altkanzler schon im Freiburger Golfrestaurant aß, ist nicht überliefert. Gefallen dürfte es ihm, neben edlem Steinbutt steht auch Currywurst auf der Karte.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Daniel Streib

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Erstellt:
7. März 2022, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 33sec

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