Quadratur im Dialog

Bühl (urs) – Die israelische Fotografin Naomi Leshem erzählt von der Vergänglichkeit des Lebens. Ihre Fotografien sind derzeit im Friedrichsbau und im Pôle Culturel in Drusenheim zu sehen.

Prozesse – Entstehen, Vergehen und das Dazwischen – beschäftigen die Fotokünstlerin Naomi Leshem. Ihre Bilder sind seit heute in Bühl und Drusenheim ausgestellt. Foto: Ursula Klöpfer

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Prozesse – Entstehen, Vergehen und das Dazwischen – beschäftigen die Fotokünstlerin Naomi Leshem. Ihre Bilder sind seit heute in Bühl und Drusenheim ausgestellt. Foto: Ursula Klöpfer

Sie stellte bereits in New York, Mailand und Tel Aviv aus: Die israelische Fotografin Naomi Leshem genießt internationales Renommee, ihre Wurzeln liegen in Bühl. Jetzt zeigt die Künstlerin ihre Werke in Bühl und über die Grenzen hinweg im Pôle Culturel im elsässischen Drusenheim. Unter dem Titel „Fotografische Gespräche“ sind ihre Werke von heute an bis zum 7. November dies- und jenseits des Rheins zu sehen.

Der Titel der Ausstellung spricht für sich: Er greift die Intention der Künstlerin auf, ihre Ausstellung als eine Form des Dialoges zu verstehen – zwischen den gezeigten Bildern, zwischen Werk und Betrachtendem sowie zwischen Besuchern und über die deutsch-französische Grenze hinweg. Erstmals lässt Leshem dabei Bildpaare aus alten und neuen Werken in Beziehung zueinander treten. Durch die Rekontextualisierung der aus verschiedenen Serien herausgegriffenen Fotografien entstehen so neue Sichtweisen, Verbindungen und Konflikte. Aspekte von Leben und Tod sowie Krieg und Frieden finden sich in zahlreichen Fotografien.

Auch das Format ihrer Bilder überrascht das Auge: Ihre Werke sind durchweg quadratisch. Dabei stellt sie ausgewählte, scheinbar nicht zusammengehörende und aus verschiedenen Bilderserien herausgegriffene Motive gegenüber. Einige der bekanntesten Bildbände von Leshem sind „Sleepers“ und „Runways“. „Sleepers“ liefert einen Blick auf schlafende Jugendliche verschiedener Nationalitäten. „Runways“ dagegen zeigt junge Frauen, kurz vor ihrer Armeezeit auf Rollfeldern von militärisch genutzten Flughäfen in ganz Israel.

Doch wer ist die renommierte Fotografin, die immer wieder ihren Blick für das Besondere im Alltäglichen beweist und ihre Kamera auf Menschen, Orte, Landschaften und Gegenstände richtet, die sie mit einer alten analogen Großbildkamera in Szene setzt? Bei einem Treffen im Bühler Friedrichsbau tritt die israelische Künstlerin als sehr nahbare, charismatische Frau auf. Ihre sonst so strikten Strukturen, immer nur in Serien auszustellen, hat sie in dem länderübergreifenden Projekt zum ersten Mal gebrochen. „Es war ein Prozess, der mich künstlerisch weitergebracht hat“, fasst sie ihr Wirken in Worte. „Es hat meiner Arbeit eine Tiefe gegeben und ist ferner ein Dialog mit mir selbst.“

Ihre Fotografien muten auffallend apolitisch an. Und doch können sie bei näherer Betrachtung politische Fragen aufwerfen.

Dialog über die Grenzen hinweg

36 Fotografien insgesamt sind in Drusenheim und Bühl zu sehen, 22 davon in der Zwetschgenstadt. Eine Fotografie sticht aus all den anderen Arbeiten heraus: ein Pflasterstein auf grüner Wiese. Diese Arbeit hat auf beiden Seiten des Rheins seinen Platz gefunden und nimmt auch als einzige Fotografie des Jahres 2021 eine Sonderstellung ein. Der Wackerstein, aus Deutschland stammend, wurde in Israel von der Künsterin fotografiert – ein Dialog über die Grenzen hinweg.

Zu Bühl hat Naomi Leshem einen familiären Bezug: Sie ist die Tochter des im Januar 2019 verstorbenen Holocaust-Zeitzeugen Dr. Ehud Loeb, der 1940 als Sechsjähriger nach Gurs deportiert wurde. Er überlebte die Shoah als einziges Familienmitglied. Nach seiner Emigration nach Israel arbeitete er in Jerusalem als Kunsthistoriker, Archivar und Dozent für Kunstgeschichte an der hebräischen Universität. Nach Loeb, der sich um die Aussöhnung und das friedvolle Miteinander mit den Einwohnern seiner Geburtsstadt sehr verdient gemacht hat, ist in Bühl eine Straße benannt: Die Herbert-Odenheimer-Straße trägt seinen Geburtsnamen.

Das Rahmenprogramm und eine zweisprachige Kommunikationsplattform sollen den grenzüberschreitenden Austausch in der Schau vertiefen. Über die Webseite können auch Fragen an Naomi Leshem gestellt werden. Die Vernissage findet heute um 19 Uhr im Friedrichsbau statt (eine Anmeldung ist erforderlich).

www.buehl.de/leshem

www.photos-conversations.eu

Zur Person

Naomi Leshem, wurde 1963 in Jerusalem als Naomi Loeb geboren, ist Bürgerin der Stadt Bern, lebt in Kiryat Ono bei Tel Aviv und gehört zu den erfolgreichsten Fotografinnen Israels. Nach einem Studienaufenthalt an der Universität Fribourg in der Schweiz nahm sie am Hadassah Academic College ein Fotografiestudium auf und fand über Stationen in der kommerziellen sowie in der Architektur-Fotografie zur Kunst. Seit 1996 arbeitet sie Dozentin für Fotografie an verschiedenen israelischen Hochschulen. Leshem war bereits 2010 mit ihrer Ausstellung „Pisten und Weg“, in Bühl zu Gast. Die durch das EU-Programm „Interreg Oberrhein/Rhin supèrieur“ geförderte, zeitgleiche Ausstellung in Drusenheim und Bühl ist das erste grenzüberschreitende Ausstellungsprojekt der Künstlerin.


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