RS-Virus führt zu Engpässen in Kinderkliniken

Baden-Baden (for) – Das RS-Virus – eine Atemwegserkrankung, die vor allem Kleinkinder trifft – greift derzeit besonders stark zu. Auch auf den Kinderstationen in der Region ist die Lage angespannt.

Säuglinge, aber auch Kinder mit chronischen Erkrankungen, haben bei einer RS-Virus-Infektion ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Säuglinge, aber auch Kinder mit chronischen Erkrankungen, haben bei einer RS-Virus-Infektion ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Unzählige Anrufe, um endlich ein Krankenhausbett zu finden und kilometerlange Reisen mit einem kranken Säugling sind in Deutschland derzeit kein Einzelfall mehr. Chefärzte der deutschen Kliniken für Kinder und Jugendmedizin/Kinderchirurgie warnen vor einer dramatischen Überbelastung auf den Kinderstationen. Schuld daran ist unter anderem das RS-Virus. Auch in Karlsruhe und Mittelbaden ist die Lage angespannt.

In den Kinderkliniken hierzulande werden derzeit deutlich mehr Kinder mit dem sogenannten Respiratorischen Syncytial-Virus, kurz RS-Virus, behandelt als sonst um diese Zeit. Dieses Virus betrifft vor allem Babys unter einem Jahr, wie Dr. Markus Kratz, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin am Klinikum Mittelbaden, gegenüber dem BT erklärt. „Das Virus führt zu einer Infektion der allerkleinsten Atemwege, der Bronchiolen. Die Atemwege wachsen im Laufe des Lebens mit und sind logischerweise in den ersten Lebensmonaten am kleinsten.“ Bei Säuglingen, die sich mit dem RS-Virus infizieren, würden die Atemwege regelrecht verstopft. „Die Folge davon ist, dass die Erkrankten sehr schlecht Luft bekommen und im schlimmsten Fall sogar beatmet werden müssen“, fügt Kratz hinzu. Zwar könnten auch ältere Kinder und Erwachsene erkranken, „allerdings sind die Atemwege dann groß genug, sodass es nur zu einer einfachen Erkältung kommt.“

Lockdown führt zu Nachhol-Effekt

Infektionswellen mit dem RS-Virus sind nicht neu, es gibt sie jedes Jahr. Ärzte sagen, spätestens bis zum vierten Lebensjahr hat fast jedes Kind mindestens eine Infektion mit RS-Viren durchgemacht. Dieses Jahr greift das Virus allerdings früher und auch deutlich heftiger um sich. Ein Grund dafür ist laut Medizinern die Corona-Pandemie und der damit verbundene Lockdown im vergangenen Jahr: Krippen- und Kitaschließungen haben dazu geführt, dass das Immunsystem der Kinder in keinem guten Trainingszustand ist.

„Es gab ein Jahr, in dem so gut wie kein Kind in Deutschland diese Infektion bekommen hat. Jetzt wird das nachgeholt“, beobachtet Kratz. „Zum einen erkranken deshalb viele Kinder, die mittlerweile schon älter als ein Jahr alt sind, deren Immunsystem sich im vergangenen Herbst wegen des Lockdowns aber noch nicht mit dem Virus auseinandersetzen konnte“, erklärt Dr. Joachim Kühr, Direktor für Kinder- und Jugendmedizin beim Städtischen Klinikum Karlsruhe. „Zum anderen tragen die älteren Kinder das Virus aber auch in die Familien und stecken dann möglicherweise jüngere Geschwister an, die generell ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf aufweisen.“

„Kinderkliniken in Not“

Der Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte in Deutschland (VLKKD) spricht angesichts der besorgniserregenden Lage von „Kinderkliniken in Not“. Schon jetzt käme es bei 78 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland zu Versorgungsengpässen, die zu einem Aufnahmestopp von Kindern geführt haben, schreibt der Verband in einer Pressemitteilung. Kratz kann das bestätigen. „Wir haben derzeit mehr Kinder, die wegen des RS-Virus stationär behandelt werden müssen, als je zuvor“, berichtet er. Alle Betroffenen seien jünger als ein Jahr.

Auf der Kinderstation des Städtischen Klinikums Karlsruhe herrscht derweil eine ähnliche Situation: „Im Vergleich zu den vergangenen 30 Jahren müssen wir derzeit wirklich eine enorm hohe Anzahl an RS-Virus-Patienten behandeln“, sagt Kühr gegenüber dem BT. „Wir sind mittlerweile an der Kapazitätsgrenze angelangt – zumal wir neben den Kindern mit RS-Virus ja auch noch Patienten mit anderen Krankheiten versorgen.“ Das RS-Virus sei da nur der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringe.

Klinikum Mittelbaden muss Kinder nach Landau verlegen

Das Klinikum Mittelbaden habe einzelne Kinder sogar schon nach Landau verlegen müssen, „weil weder wir, noch die Häuser in Karlsruhe oder Offenburg Kapazitäten hatten“, berichtet Kratz. „Situationen wie diese machen uns große Sorgen“, fügt der Mediziner hinzu. Auch deshalb stimmt er der Forderung des VLKKD zu, die vom Bundesministerium eingeführten Pflegepersonaluntergrenzen auch für Kinderkliniken auszusetzen. Die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) schreibt vor, dass für eine bestimmte Anzahl an Patienten eine feste Zahl von Pflegekräften rund um die Uhr zur Verfügung stehen muss. Ist das nicht sichergestellt, muss das Krankenhaus Betten sperren, ansonsten drohen hohe Geldstrafen.

Forderung: Personaluntergrenzen-Verordnung aussetzen

„Das ist in erster Linie eine gute und sinnvolle Regelung, sie schützt und entlastet unsere Pflegekräfte“, meint Kratz. In Zeiten des Corona- und RS-Virus komme sie aber zur Unzeit. Zumal auf dem Markt keine Fachkräfte verfügbar seien, um das Personal entsprechend aufzustocken. Auf den Stationen für Erwachsene habe die Bundesregierung das Problem inzwischen erkannt und die PpUGV aufgrund der Corona-Pandemie ausgesetzt. „In der Kinder- und Jugendmedizin muss das ebenfalls geschehen“, fordert Kratz. Zwar sei das Coronavirus hier weniger ein Problem, das RS-Virus dafür aber umso mehr. Nur noch 25 Prozent der Kinderkliniken halten laut VLKKD aktuell die PpUGV ein. Der weit größere Teil versorge bereits mehr Kinder, als laut Verordnung eigentlich erlaubt wäre. Das System stehe kurz vor dem Kollaps. „Dies gilt es unbedingt zu verhindern, weil unsere kranken Kinder Anspruch auf eine medizinische Versorgung haben“, schreibt der VLKKD.


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