RTV-Familie turnt jetzt vor Laptop oder Smartphone

Rastatt (fuv) – Der RTV macht aus der Not eine Tugend. Im Lockdown bietet der Verein jetzt online Live-Übungsstunden an.

Sina Ratzel (links) und Nadja Westermann in der RTV-Halle beim Online-Kindersport. Foto: Frank Vetter

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Sina Ratzel (links) und Nadja Westermann in der RTV-Halle beim Online-Kindersport. Foto: Frank Vetter

Der Rastatter Turnverein (RTV) hat sich auf den Corona-Lockdown und das damit verbundene Verbot von Vereinssport mittlerweile eingestellt. Seit November bietet der RTV Kindern, seit dem 4. Januar erwachsenen Mitgliedern wie Nichtmitgliedern die Teilnahme an Online-Live-Übungsstunden an. Der Online-Sport werde gut angenommen, stellen die Verantwortlichen von Rastatts größtem Verein fest.
„Wir haben uns seit Herbst auf einen zweiten Lockdown vorbereitet“, blickt RTV-Geschäftsführer Matthias Reiche zurück. Ein Online-Angebot sollte entwickelt werden. Um einen Trainingsbetrieb via Internet durchführen zu können, müssen recht große Datenmengen bewältigt werden. „Das war die erste große Hürde, wir hatten keine Internetleitung in unsere Turnhalle“, erzählt Dominik Adler, Referent für Sport und Öffentlichkeitsarbeit des RTV. Und der vorhandene 6000er-Internetanschluss in der Geschäftsstelle hatte maximale Bandbreite von 6 Megabit/Sekunde.

Bevor der Verein Daten technisch aufrüstete, luden die Kindersport-Übungsleiterinnen Sina Ratzel und Nadja Westermann den Nachwuchs von der Geschäftsstelle aus zu den Übungsstunden ein. „Platz ist in der kleinsten Hütte“, scherzt Matthias Reiche über das Provisorium. Das langsame Internet hatte jedoch Übertragungsaussetzer, was die Online-Kurse für Sportler wie Trainer mühsam gemacht habe, erzählt Dominik Adler.

Um das „Vorturnen“ in der Sporthalle auf dem Vereinsgelände zu ermöglichen, wurde also eine LAN-Leitung in die Halle verlegt. Seit vergangener Woche verfügt der RTV über einen LTE-Hotspot mit einer Bandbreite bis zu 90 Mbit/s. „Wir haben rund 6000 Euro in die Ausrüstung investiert“, betont Sportreferent Adler.

Um die Live-Stunden zu ermöglichen, nutzt der Verein die städtische Videokonferenz-Plattform „Rastatt schnatzt“. „Wir wollten das Ganze für die Mitglieder so einfach wie möglich machen, da ist die Plattform der Stadt genau richtig“, ist Dominik Adler überzeugt. Und Matthias Reiche ergänzt, dass der Verein volles Vertrauen in das städtische Angebot habe.

Wer mitmachen möchte, der benötigt bei sich zu Hause eine stabile Internetverbindung und natürlich ein Mobiltelefon, Tablet oder Laptop mit Lautsprecher. Eine Kamera sei nicht zwingend notwendig, obgleich sich die Übungsleiter natürlich freuen würden, die Teilnehmer zu sehen, sagen Dominik Adler und Matthias Reiche im BT-Gespräch.

Um beim Online-Service des RTV mitzumachen, genügt eine einmalige Anmeldung in der Vereinsgeschäftsstelle per Mail oder Telefon, dann erhält der neue Online-Sportler die Zugangsdaten und schon könne es losgehen, beschreiben die beiden das Prozedere.

Auch viele Senioren loggen sich ein

Das scheint so unkompliziert zu sein, dass von Anfang an auch RTV-Senioren wenig Technikangst gezeigt hätten; 15 bis 20 Teilnehmer pro Kursstunde seien immer dabei. „Das hat uns schon ein wenig verblüfft“, freut sich Reiche. Ältere Übungsleiter wie die 78-jährigen Karatelehrer Marianne und Robert Kort seien bereits zweimal wöchentlich online. „Zu Beginn war es etwas ungewohnt. Man überlegt sich, was man denn nun machen soll“, beschreibt Kinder-Trainerin Sina Ratzel den Online-Start, der für jeden Trainer ein Sprung ins kalte Wasser sei. Aber sie und Nadja Westermann – die eine absolviert ein freiwilliges soziales Jahr beim RTV, die andere den Bundesfreiwilligendienst – hätten sich schnell auf die neue Situation eingestellt.

In der Sporthalle erfolgt die Übertragung mit der Laptop-Kamera. Die Übungsleiter sehen sich selbst via Beamer auf eine Leinwand projiziert, auf der dann die Kursteilnehmer in Split-Screen-Fenstern ebenfalls zu sehen sind – wie bei einer Videokonferenz eben. Rund 250 Teilnehmer haben Matthias Reiche und Dominic Adler in den ersten zehn Tagen des Angebots verschiedener RTV-Abteilungen gezählt, Tendenz steigend.

Die nächste Online-Baustelle sehen die RTV-Verantwortlichen im Reha-Sport. Teilnehmer der Corona-Hochrisikogruppe seien körperlich eingeschränkt, was eine Sturzgefahr beinhalten könne, erläutert Dominik Adler. Ein Verein müsse die Vorgaben des Deutschen Behinderten-Sportbunds erfüllen, um Reha-Sport online anbieten zu dürfen. Die Übungsleiter würden speziell unterwiesen und schließlich müssten hochsensible Patientendaten geschützt werden, so Adler. „Wir sind zuversichtlich, dass wir die Genehmigung erhalten“, betont er.

Ein Aspekt der Videokonferenzen ist Reiche und dem RTV-Vorstand besonders wichtig: die sozialen Kontakte, die unter dem Gruppen-Sportverbot natürlich litten. „Für viele unserer Mitglieder, gerade für die älteren, ist der Austausch untereinander vor und nach dem Training besonders wichtig.“ Die Videoplattform ermögliche dies nun, wenn auch eingeschränkt. Teilnehmer würden nach dem Training im virtuellen Raum bleiben, um noch ein wenig „zu quatschen“, so Reiche. Und schließlich könnten sich auch Mitglieder, die unter normalen Umständen gar nicht mehr aktiv Sport trieben, zuschalten.

Bei allem Erfolg des neuen RTV-Moduls steht für den Geschäftsführer fest: „Den Präsenzsport kann das Online-Angebot nie ersetzen. Denn davon leben die Vereine.“


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