Racing Straßburg: Mit Marc Keller auf Höhenflug

Straßburg (BT) – Frankreichs Tabellenvierter Racing Straßburg sorgt in der Ligue 1 für reichlich Furore. Großen Anteil an der prächtigen Entwicklung hat auch der ehemalige KSC-Profi Keller.

Einer der Torgaranten: Kevin Gameiro, der aus der Racing-Schule stammt und in Spanien schon für Sevilla und Atletico Madrid spielte. Foto: Marcio Machado/Imago Images

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Einer der Torgaranten: Kevin Gameiro, der aus der Racing-Schule stammt und in Spanien schon für Sevilla und Atletico Madrid spielte. Foto: Marcio Machado/Imago Images

Anfang Mai werden die Weltstars Lionel Messi, Neymar und Kylian Mbappé den Stadtteil Meinau im Südwesten Straßburgs wieder auf Trab bringen. Aber mehr als eine Ehrenrunde wird dann, am viertletzten Spieltag der Ligue 1, kaum noch vom PSG-Ensemble zu erwarten sein. Bei derzeit 13 Punkten Vorsprung auf den Tabellenzweiten Olympique Marseille ist weniger die Frage, ob der aus Katar gesteuerte Hauptstadtclub in diesem Jahr seine zehnte französische Meisterschaft feiern wird, sondern wie lange vor dem Saisonende er das tun kann.

Dagegen fliegt der Tabellenvierte Racing Straßburg, der die Runde am 21. Mai in Marseille beschließen wird, so hoch wie in diesem Jahrtausend noch nie. Was ist das für eine Geschichte: Kommenden Juni jährt es sich zum zehnten Mal, dass sich Marc Keller bei einem Krisentreffen im Straßburger Rathaus beschwatzen ließ. Käme er nicht zurück, um sich des tief gefallenen Fußballclubs der Stadt anzunehmen, dann drohte das seinerzeit mit 1,4 Millionen Euro verschuldete Racing bald Geschichte zu sein. So klagte man es dem ehemaligen Publikumsliebling im Frühsommer 2012.

Image des Fahrstuhlclubs abgestreift

Keller, geboren in Colmar, war über das Ausmaß der Not überrascht, beriet sich mit seiner Frau und seinem Umfeld. So einige seiner Freunde sagten zu, dabei mitzuhelfen, den aus der fünften in die vierte Liga aufgestiegenen Traditionsverein zukunftsfähig zu machen. Der Racing Club de Strasbourg erhielt im offiziellen Namen bald den Zusatz „Alsace“. Und heute würde kein Fußball-Interessierter jenseits des Rheins bestreiten, dass sich tatsächlich das ganze Elsass emotional hinter Racing versammelt.

An die 50 Sponsoren, überwiegend aus der regionalen Wirtschaft, bieten dem Erstligisten eine stabile Basis. Den Lizenzspieleretat schätzen Kenner auf 45 Millionen Euro. Bei 19.000 wurde der Dauerkartenverkauf gestoppt, da dies die Kapazitätsgrenze während der bevorstehenden Stadionumbauphase darstellt. Das Nachwuchsleistungszentrum, von Kellers Bruder François geleitet, bildet Spieler aus, die auf Marktinteresse stoßen. 2020 war Youssouf Fofana für 15 Millionen Euro zur A.S. Monaco gegangen. Im Sommer 2021 wechselte Mohamed Simakan für in etwa dieselbe Summe zu RB Leipzig. Linksverteidiger Anthony Caci wird im Sommer zum FSV Mainz 05 abwandern.

Racing-Urgestein: Marc Keller. Foto: imago images/PanoramiC

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Racing-Urgestein: Marc Keller. Foto: imago images/PanoramiC

Keller, 54, hat es mit Ausdauer, Weitblick und Pragmatismus bei der Amtsführung als Präsident geschafft, den Verein wirtschaftlich, gesellschaftlich und sportlich erstklassig aufzustellen. Das frühere Image des Fahrstuhlclubs hat Racing abgestreift. Am Samstag (17 Uhr) könnte er mit einem Sieg bei OGC Nizza mit den Südfranzosen nach Punkten gleichziehen und auf den dritten Platz springen. Und der Drittplatzierte wird am Saisonende an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen.

Herz von Straßburg schlägt in Meinau

An der Unterstützung der Heim-Fans im Meinau-Stadion wird es am Samstag nicht fehlen. Rund 22.000 Racing-Fans werden ihre Leidenschaft für das Team ausleben und eine Atmosphäre schaffen, wie sie in Frankreichs Stadien zu den Ausnahmen zählt. Der Racing-Fußball ist unterhaltsam und für manch Spektakel gut – auch weil der Offensivdrang der Heimelf die vor der Saison neu formierte Abwehr mitunter an Grenzen stoßen lässt. „Das Herz von Straßburg und des gesamten Elsasses schlägt in Meinau“, sagt Keller dieser Tage, spricht er über die Entwicklung seines seit 2017 wieder in der Top-Liga vertretenen Clubs und über den Hintergrund der Grundsatzentscheidung.

Nach der Saison wird der mit Kosten von 100 Millionen Euro veranschlagte Stadionumbau beginnen – am traditionellen Standort und eben nicht irgendwo auf der grünen Wiese. „Wir wollen das Stadion von morgen mit der Atmosphäre von heute“, lautete das Credo Kellers. Das britische Architekturbüro Popoulos, zu dessen Referenzen das Wembley-Stadion in London zählt, nimmt sich dieser Aufgabe an. Die Kosten für die künftige Spielstätte, die nach 2025 rund 32.000 statt aktuell 26.280 Zuschauer fassen soll, übernehmen anteilig die Eurometropole (50 Millionen Euro), der Regionalrat Grand Est (25) sowie die Stadt und das Departement Bas-Rhin (zusammen 25).

Wirtschaft und Politik unterstützen Verein

„Racing finanziert den Innenausbau, die Logen, Lounges, Büros und die Fan-Zonen“, erklärt Keller zum Projekt, das schon einer der zentralen Bausteine seiner Vision war, als er den Club übernahm. Wirtschaft und Politik der Region stehen fest an der Seite des Vereins.

Keller hatte das Elsass und Racing, bei dem er zum Nationalspieler aufgestiegen war, 1996 für den Karlsruher SC verlassen. Zwei Jahre blieb der Mittelfeldspieler im Wildpark. Racing und den KSC verbindet daneben eine enge Fanfreundschaft. Nach dem Abstieg der Karlsruher aus der Bundesliga 1998 setzte Keller seine aktive Karriere auf der Insel bei West Ham fort und ließ sie als Leihspieler beim FC Portsmouth und den Blackburn Rovers ausklingen. Auf die Laufbahn danach hatte er sich unter anderem mit einem Studium der Wirtschaftswissenschaften vorbereitet. Von 2001 bis 2006 arbeitete er erfolgreich als Sportdirektor bei Racing, zwischen 2006 und 2011 war er als Geschäftsführer bei A.S. Monaco tätig.

Racing profitiert also von Kellers erworbenen Managementqualitäten und seinem Fußball-Sachverstand. So bewies er immer wieder auch ein gutes Händchen. Thierry Laurey, 2016 aus Ajaccio geholt, bestätigte sich als der richtige Mann an der Schwelle der Rückkehr aus dem Amateurlager zum Profibereich. Mit dem aus der Champagne stammenden Trainer knallten im Elsass nach dem Durchmarsch aus der dritten in die erste Liga vor fünf Jahren die Korken. Im Mai 2021 trennten sich die Wege. Racing holte Julien Stéphan. Der war mit Stade Rennes Pokalsieger geworden und wurde vom Fachblatt „L’Équipe“ als „Trainer des Jahres“ gewürdigt.

Racing mit offensiver Spielidee

Der 41-Jährige steht für eine offensive Spielidee. Mit 48 Treffern hat Racing hinter PSG (53) nach 25 Spieltagen die zweitmeisten Tore erzielt. Allerdings kassierte Stéphans Team auch 31 Gegentore. Die Stürmer Ludovic Ajorque (zehn Saisontore), Habib Diallo und Kevin Gameiro (beide neun) sowie der hinter den Spitzen agierende Adrien Thomasson (sieben) sind Torgaranten. Gameiro stammt aus der Racing-Schule, landete über Lorient bei PSG und später in Spanien, wo er für den FC Sevilla, für Atletico Madrid und für den FC Valencia stürmte. Mit seiner Rückkehr vor der Saison, inzwischen 34, schloss sich für ihn der Kreis.

Als weitere Schlüsselfigur für den sportlichen Aufschwung bei Frankreichs Ligapokalsieger des Jahres 2019, der in der Qualifikation zur Europa League an Eintracht Frankfurt scheiterte, gilt Loic Désiré. Straßburgs Chefscout schafft es immer wieder, Spieler zu akquirieren, die bei anderen Clubs nicht vom Fleck kommen und dann bei Racing aufblühen. Matz Sels ist so einer. Den holten die Straßburger 2018 aus Newcastle fürs Tor. Belgiens EM-Teilnehmer ist einer der Racing-Profis, die nicht ausfallen dürfen. Was sein Fehlen bedeuten kann, zeigte sich nach dessen Achillessehnenverletzung 2020/21: Racing beendete die Saison auf dem enttäuschenden 15. Platz. So wissen sie in Straßburg, dass sie den Ball besser flach halten. Von der Champions League spricht keiner, Keller sowieso nicht. Doch lächelnd sieht er seine Liebe gerade auf dem richtigen Kurs.

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Ihr Autor

René Dankert

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Erstellt:
26. Februar 2022, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 43sec

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