Radfahrer bereiten Polizei und OB Sorgen

Rastatt (BT) – Die Polizei will verstärkt ein Auge auf die Radfahrer werfen. Rastatts OB sieht sogar Grund für Schelte gegenüber den Bikern.

Radfahrer im Fokus: Die Polizei kündigt Schwerpunktkontrollen in Rastatt an, wie sie bereits im Mai vergangenen Jahres in der Rastatter Innenstadt stattfanden. Foto: Ralf-Joachim Kraft

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Radfahrer im Fokus: Die Polizei kündigt Schwerpunktkontrollen in Rastatt an, wie sie bereits im Mai vergangenen Jahres in der Rastatter Innenstadt stattfanden. Foto: Ralf-Joachim Kraft

Es war ein langer Weg, aber Gisela van de Löcht hat sich zurückgekämpft. Im vergangenen Jahr stürzte die 71-Jährige schwer mit ihrem E-Bike. Nach Krankenhaus und Reha traut sie sich mittlerweile wieder aufs Fahrrad. „Man muss sich motivieren, es wird einem nichts geschenkt“, sagt sie. Der ohnehin boomende Fahrradmarkt ist während der Corona-Pandemie förmlich explodiert. Das macht sich auch in den Unfallzahlen bemerkbar. In Rastatt starben im vergangenen Jahr zwei Senioren.
208 Fahrradunfälle hat das Polizeipräsidium Offenburg im vergangenen Jahr im Landkreis Rastatt registriert. In einen davon war van de Löcht verwickelt.

Im Juni war sie auf dem Radweg zwischen Muggensturm und Kuppenheim unterwegs, als sie einem anderen E-Biker ausweichen musste. Das Manöver brachte sie zu Fall. Ihr Hüftknochen brach.

Noch schlimmer erwischte es einen 77-Jährigen im März in der Poststraße in Rastatt. Der Senior stürzte in eine mehrere Meter tiefe Baugrube beim Kapellenbuckel. Er erlag seinen Verletzungen.

Als das Polizeirevier Rastatt in dieser Woche seine Unfallstatistik präsentierte, konnten der kommissarische Revierleiter Jochen Anschütz und sein Stellvertreter Thomas Frietsch größtenteils positive Zahlen vermelden. Die Entwicklung bei den Radfahrern bereitete ihnen allerdings Sorgen.

Während die Gesamtzahl der Unfälle in der Stadt Rastatt mit 1.367 im Vergleich zum Vorjahreswert von 1.370 leicht zurückging, gab es bei den Radunfällen eine gegenläufige Entwicklung. Ihre Anzahl stieg von 67 auf 73. Bei Vorfällen mit E-Bikes gab es mehr als eine Verdopplung von sechs auf 13.

Frietsch erklärt sich das auch mit Corona: „Das geänderte Freizeitverhalten führt zu einem höheren Verkehrsaufkommen bei Radfahrern.“ Besonders tragisch: Wenn es kracht, dann gibt es in der Regel auch Verletzte – 67 allein in der Stadt Rastatt.

Hinter jeder Zahl steckt ein Schicksal wie das von van de Löcht. „Ich bin durch ein Tal der Tränen gegangen“, sagt die Kuppenheimerin. Schon im September 2020 hatte sie einen Fahrradunfall, ein Dreivierteljahr später erwischte sie es erneut. Wegen des Hüftbruchs saß sie teilweise im Rollstuhl. Doch eine Reha richtete sie wieder auf: „Das hat mir vor allem psychisch gutgetan.“

Van de Löcht war schon immer eine passionierte Radfahrerin. Früher radelte sie oft von Kuppenheim nach Durmersheim zur Arbeit, damals noch ohne Motor-Unterstützung. Doch die beiden Unfälle verunsicherten sie. Schließlich fasste sie sich ein Herz und stieg wieder auf: „Jetzt ist mein Selbstvertrauen zurück.“

Trotzdem fährt sie vorausschauend und aufmerksam. „Ich bin jetzt bewusster unterwegs“, sagt sie. Bevor sie Fußgänger passiert, klingelt sie kurz, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Sie versucht stets einzukalkulieren, dass andere Verkehrsteilnehmer unvorhergesehene Dinge machen könnten.

Und sie trägt immer einen Helm: „Das ist ganz wichtig.“ Auch Frietsch appelliert an die Radfahrer, ihren Kopf zu schützen. Der 77-Jährige, der in der Poststraße starb, habe ebenso wenig einen Helm aufgehabt wie der zweite Tote im vergangenen Jahr.

Frietsch stellte die Unfallstatistik auch in der vergangenen Sitzung des Gemeinderats vor. Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch (CDU) ging mit den Radfahrern scharf ins Gericht. Ein Dorn im Auge sind ihm Eltern, die bei Familientouren ohne Helm unterwegs seien, während die Kinder ordnungsgemäß geschützt seien. „Schlechtes Vorbild“, lautete seine Schelte.

Er habe das Gefühl, dass sich viele Biker um die Verkehrsregeln nicht scherten. Und: Es werde zu wenig kontrolliert, meinte der Rathaus-Chef.

Frietsch kündigte an, dass sich die Polizei des Themas verstärkt annehmen wolle. Das Polizeipräsidium erarbeite eine Fahrradkonzeption. In Rastatt seien mindestens zwei konzertierte Aktionen des Reviers mit dem kommunalen Ordnungsdienst geplant.

Frietsch bestätigte die von Pütsch geschilderten Probleme. Neben dem gesetzeswidrigen Verhalten stellten die Beamten vermehrt fest, dass Besitzer von E-Bikes ihre Räder frisierten, um mehr Tempo machen zu können.

Für van de Löcht kommt das nicht infrage. Sie genießt ihre wiedergewonnene Mobilität bei normaler Geschwindigkeit: „Das bedeutet mir viel.“


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