Rastatt hat jetzt eine eiserne Gasreserve

Rastatt (sie) – Die Kugelspeicher der Stadtwerke Rastatt für Gas sind derzeit voll gefüllt. Im Notfall wären sie allerdings schnell leer.

26 Meter Durchmesser: Die deutsche Kugel ist ein wenig größer als ihr französischer Nachbar. Noch in diesem Jahr verschwinden die Nationalfarben an beiden Speichern. Ein neuer Anstrich ist fällig. Zweckmäßig in Grün. Foto: Holger Siebnich/BNN

26 Meter Durchmesser: Die deutsche Kugel ist ein wenig größer als ihr französischer Nachbar. Noch in diesem Jahr verschwinden die Nationalfarben an beiden Speichern. Ein neuer Anstrich ist fällig. Zweckmäßig in Grün. Foto: Holger Siebnich/BNN

Die beiden riesigen Stahlkugeln an der Oberwaldstraße mit ihrer auffälligen Bemalung in deutschen und französischen Nationalfarben kennt in Rastatt jeder. Darin speichern die Stadtwerke Gas. Wenn Wladimir Putin Deutschland den Gashahn zudrehen sollte, lagert dort eine eiserne Reserve. Allzu lange halten würde sie aber nicht.

Michael Koch kann alle Zahlen zu den Speichern aus dem Kopf herunter rattern. Als Abteilungsleiter ist er unter anderem zuständig für das Gasnetz der Stadtwerke: „Die französische Kugel hat ein Volumen von 7.400 Kubikmeter.“ Das Gas, das dort drin steckt, steht unter Druck. Deshalb passt eine deutlich größere Menge rein: ungefähr 100.000 Kubikmeter. Die deutsche Kugel ist zwar ein bisschen größer, baut aber nicht ganz soviel Druck auf. Sie speichert maximal 60.000 Kubikmeter.

Rastatt als Energie-Insel?

Das klingt viel. Als das Thema Versorgungssicherheit mit dem Ukraine-Krieg immer drängender wurde, beschlossen die Stadtwerke im März, die Speicher voll zu machen und ihren Inhalt als eiserne Reserve für Notzeiten zu bunkern. Volker Bunte, der den Vertrieb der Stadtwerke leitet, sagt: „Damit wollen wir unserer Verantwortung für die Stadt gerecht werden.“

Können die Rastatter also darauf hoffen, dass die beiden Kugeln weiterhin für warmes Wasser und funktionierende Heizungen sorgen, wenn andernorts Menschen frieren müssen? Rastatt als Energie-Insel?

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Mit ihren Durchmessern von 24 und 26 Metern mögen die Kugeln zwar imposant wirken, im Vergleich zu anderen Speichern und zum Energiebedarf sind sie Pipifax.

Der größte Erdgasspeicher Westeuropas steht seit 1993 in Rehden in Niedersachsen. Er hat eine Kapazität von 3,9 Milliarden Kubikmetern. Die französische Kugel würde dort ungefähr 39.000 Mal reinpassen. Die gesamte Speicherkapazität in Deutschland liegt bei 23 Milliarden Kubikmetern.

Im Winter wären die Kugeln innerhalb weniger Tage leer

Auch Rastatt allein käme mit den beiden Kugeln nicht weit. Aus technischen und betrieblichen Gründen könnten die Stadtwerke nicht die komplette Speichermenge abzapfen. Das nutzbare Volumen würde laut Bunte ausreichen, um den Jahresbedarf von lediglich 50 bis 70 Einfamilienhäuser zu decken.

Allerdings würde die Versorgung auch nicht komplett zusammenbrechen, wenn Russland kein Gas mehr liefert. Bislang liegt der Anteil an russischem Gas in Deutschland bei 55 Prozent. Umgekehrt heißt das auch: Knapp die Hälfte stammt aus anderen Quellen und wäre nach wie vor vorhanden. Die Vorratskugeln in Rastatt müssten nicht die komplette Versorgung übernehmen, sondern die Lücken stopfen. Doch je nach Jahreszeit wären diese groß – und die Kugeln innerhalb weniger Tage leer.

Dem Sommer blickt Koch dabei noch recht entspannt entgegen: „So lange wir Temperaturen haben wie jetzt, habe ich keine Bedenken.“ Anders sähe es aus, wenn Putin die Gaslieferung im Winter stoppt: „Wenn wir auf null Grad zumarschieren, bekommen wir ein Problem.“

Selbst wenn die eiserne Reserve dann schnell verbraucht sein sollte, müssten die Rastatter immerhin nicht frieren. Der „Notfallplan Gas“ des Wirtschaftsministeriums sieht vor, dass Privathaushalte höchste Priorität genießen. Als erstes müsste die Industrie ihre Fabriken herunterfahren. Betroffen wären zum Beispiel Mercedes-Benz und Daimler Truck. Deren Mitarbeiter säßen innerhalb kurzer Zeit arbeitslos zuhause – wenigstens im Warmen.

Auch in den Rastatt-Kugeln lagert Gas aus Russland

Als Praktiker hält es Koch angesichts solcher Folgen für undenkbar, dass Deutschland derzeit selbst aktiv die Gasbezüge aus Russland boykottiert: „Das ist einfach nicht möglich.“

Wie viel Gas aus Russland konkret in den Stadtwerke-Kugeln lagert, kann er nicht genau sagen. Lieferant ist ein Tochterunternehmen der EnBW, die Terranets BW GmbH. Sie betreibt das Erdgasfernleitungsnetz in Baden-Württemberg. „Die werden ihren üblichen Mix haben“, sagt Koch. Sprich: Zumindest ein sehr großer Anteil stammt wohl aus Putins Hand.

Tour-de-France-Coup erwies sich als Flop

Deshalb die russische Flagge auf die Kugeln zu pinseln, stand auch in friedlicheren Zeiten nie zur Debatte. Der deutsch-französische Anstrich stammt aus dem Jahr 2005. Die Stadtwerke hofften auf einen Werbe-Coup zur Tour de France, die damals durch Rastatt fuhr. Da die Speicher ohnehin neue Farbe benötigten, bekamen sie die extravagante Optik in der Hoffnung, dass sich die Hubschrauber-Kamera auf sie richtet und dem Unternehmen Aufmerksamkeit beschert.

Doch dann kam es in einem anderen Streckenabschnitt zu einer Massenkarambolage. Der Hubschrauber flog dorthin und das Publikum bekam die Kugeln nicht zu sehen. Koch erinnert sich: „Damit ist der Trick verpufft gewesen.“ Mittlerweile sind die Erinnerung daran und die Farben verblasst. In diesem Jahr ist ein neuer Anstrich fällig. Dieser wird wieder zweckmäßig: grün.

Zum Thema:
Termingeschäft: Energieversorger wie die Stadtwerke Rastatt kaufen einen Teil ihrer Kontingente mit langen Vorlaufzeiten ein. Das gilt vor allem für Strom und Gas für Privatkunden und kleinere Gewerbetriebe. Die Energie, die diese jetzt verbrauchen, haben die Stadtwerke bereits vor ein bis zwei Jahren gekauft. Der Einkauf für 2023 ist laut Volker Bunte, Vertriebsleiter der Stadtwerke Rastatt, bereits weitgehend abgeschlossen.

Anstieg mit Verzögerung: Durch das Termingeschäft schlagen sich steigende Preise auf den Endverbraucher erst nach einiger Zeit durch. Bunte sagt: „Unsere Privatkunden und kleinere Gewerbekunden sind preislich bislang völlig verschont geblieben, sofern sie unsere Standardverträge gewählt haben.“ Im ersten Halbjahr 2022 werde es keine Preiserhöhungen in diesem Segment geben. Auf Dauer können die Stadtwerke das laut Bunte aber nicht durchhalten.

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Michael Koch und eine der Rastatter Kugeln. Der Speicher fasst 100.000 Kubikmeter Erdgas. Foto: Holger Siebnich/BNN

Michael Koch und eine der Rastatter Kugeln. Der Speicher fasst 100.000 Kubikmeter Erdgas. Foto: Holger Siebnich/BNN

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BNN-Redakteur Holger Siebnich

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Erstellt:
26. April 2022, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 51sec

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