Rastatter Fahnenschwinger und ihre Kunst

Rastatt (sawe) – Die Serie „Hoch hinaus“ widmet sich verschiedenen Themen rund um den Begriff „Höhe“. Auch bei den Rastatter Fahnenschwingern geht es mit Kraft und Technik hoch hinaus.

Ein schönes Bild aus vergangenen Tagen, als von Corona noch keine Rede war: Die Fahnenschwinger demonstrieren ihre Kunst in Fano. Foto: Privat

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Ein schönes Bild aus vergangenen Tagen, als von Corona noch keine Rede war: Die Fahnenschwinger demonstrieren ihre Kunst in Fano. Foto: Privat

Beim Fahnenhochwerfen kann es sehr hoch hinausgehen. Das Banner wird mit dem schweren Handgriff und Stock nach oben geschleudert und in kunstvolle Schwingungen versetzt. „Der Weltrekord steht zurzeit bei 15,20 Meter“, sagt Peter Thom, Vorsitzender der Rastatter Fahnenschwinger und erläutert, welche gewaltigen Kräfte da wirken.

Wenn die 1.000 Gramm schwere Fahne mit der Erdbeschleunigung aus 15 Meter Höhe wieder heruntersaust, dann sind das 15 Kilo, die aufgefangen werden müssen. „So viel wiegt ein voller Bierkasten“, bringt Thom einen plastischen Vergleich.

Fahnenschwingen und -hochwerfen ist seinen Aussagen zufolge seit 1990 eine anerkannte Sportart und sieht von außen betrachtet relativ leicht aus. Um einfache Handgriffe zu erlernen, brauche es jedoch gut ein Jahr bei wöchentlichem Training, weiß der 58-Jährige. Es ist nicht nur wichtig, dass sich die Fahne in der Luft ausrollt und sich in ihrer ganzen Schönheit meist mit Wappen zeigt, wobei alle vier Ecken des Banners zu sehen sein müssen. Thom: „Sie muss auch aufgefangen werden, das ist die Kunst dabei.“

Es gibt verschiedene Grundwürfe und geführte Figuren sowie eine Kombination aus diesen. In den Choreografien, in denen man sich die Fahnen zuwirft, liegen die Wurfhöhen zwischen vier und sechs Metern. Und natürlich sind die Fahnen in den verschiedenen Kategorien unterschiedlich schwer und groß. Eine Großfahne etwa misst 3,6 Quadratmeter und mehr, der Jugendstock wiegt drei, der Damenstock 3,5 und der Herrenstock 4,5 Kilogramm.

Gründung der Rastatter Fahnenschwinger

Die Rastatter Fahnenschwinger sind Ende 2002 aus dem Fanfarencorps Türkenlouis hervorgegangen und haben einen eigenen Verein gegründet, zu dem auch eine kleine Trommlergruppe gehört. Sie haben ein eigenes Fahnenspiel entwickelt, vermitteln mit ihren Auftritten altes Brauchtum nach historischen Belegen und haben auch ihre Gewänder den Landsknechten aus dem Mittelalter nachempfunden. „Manche Mitglieder sind nur bei mittelalterlichen Festen und Veranstaltungen unterwegs, andere nur bei sportlichen Wettkämpfen“, berichtet der Vorsitzende von den „beiden Standbeinen“ des Vereins. Dieser ist zudem seit 2019 mit der Fahnengruppe in Rastatts Partnerstadt Fano partnerschaftlich verbandelt. Die aktiven Mitglieder, so Thom, haben schon bei Auftritten „halb Europa“ bereist.

Coronabedingt fiel das Reisen jedoch in letzter Zeit aus und auch das Training ruhte im Prinzip seit März 2020. Seit Anfang August wird wieder trainiert – vorerst nur lockeres Aufbautraining, „denn wenn man so lange nichts gemacht hat, dann kommt man danach schon mit langen Armen nach Hause“, erzählt Thom schmunzelnd. Nach den Sommerferien soll das Training aber wieder wie gewohnt laufen.

Kraft, Geschicklichkeit und Technik

„Wir machen vor allem regelmäßig Gymnastik, um die Beweglichkeit zu erhalten.“ Kraft allein reiche nicht aus. Es seien vielmehr Geschicklichkeit und vor allem die richtige Technik gefragt, um die Fahne in schwindelnde Höhe zu katapultieren. „80 Prozent Technik, 20 Prozent Kraft“, bringt der 58-Jährige die Erfolgsformel auf einen kurzen Nenner und belegt seine Aussage mit dem Hinweis, dass im Verein auch Frauen, die eben nicht so viel Kraft haben, dem Fahnenschwingen mit großer Freude frönen.

Die Technik sei die Grundlage wie beim Stabhochsprung, beschreibt der 58-Jährige zur besseren Veranschaulichung einen Wurf: Die Fahne wird frei über eine Stange geworfen, die weder Stock noch Fahne berühren dürfen. Der Fahnenschwinger muss dann blitzschnell unter der Stange durchwetzen auf die andere Seite und die Fahne nach ihrem Höhenflug auffangen, bevor sie auf den Boden knallt. Dieser Moment – das ist dann wohl so ein bisschen wie mit der Angst des Torwarts vor dem Elfmeter. Nicht immer gelingt es, den Ball oder eben die Fahne am Ende in den Händen zu halten. Auch bestehe bei Anfängern oft Angst, dass sie die Fahne treffen könnte. Verletzungen habe es auch schon gegeben, doch zum Glück noch keine schwerwiegenden.

Außerordentliche Erfolgsbilanz

Die Rastatter Fahnenschwinger beteiligen sich regelmäßig an den Landes-, Süddeutschen-, Deutschen- und Weltmeisterschaften im Fahnenschwingen und Fahnenhochwerfen und sind dort bereits ganz schön hoch gestiegen auf der Siegerliste. Achtmal Weltmeister, 14 Mal Vize-Weltmeister, acht Mal Deutscher Meister – und dies sind nur einige der besten Platzierungen einer außerordentlichen Erfolgsbilanz.

„Wenn man es richtig betreibt, dann grenzt es schon an Hochleistungssport. Für uns ist es aber Hobby und Freizeit“, meint Thom, dessen ganze Familie vom Fahnenschwingen infiziert ist. Seine persönliche Bestleistung hoch oben liegt bei 9,50 Meter, der Vereinsrekord bei 13,50 Meter. Im Hochwerfen mag Thom sich aber nicht mehr mit den Athleten messen. Er hat sich mit seiner Frau auf das showmäßige Fahnenschwingen konzentriert, eine Disziplin, die es seit einigen Jahren gibt. „Da waren wir schon mal Deutscher Meister“, freut sich Thom, der diesen Erfolg gerne noch einmal wiederholen würde. Der Rastatter ist auch Landesverbandsfähnrich (und damit einer von lediglich sechs im Land, der die drei Löwen von Baden-Württemberg schwingen darf), Vizepräsident im Landesverband und Wettkampfrichter und will später einmal ein Buch über Fahnenschwingen und die Würfe verfassen und damit über ein Hobby, das viel mit Optik zu tun hat und über dessen Faszination er folgendermaßen in den höchsten Tönen schwärmt: „Wenn sich die Anspannung löst, weil der Wurf geklappt hat und alles funktioniert, dann ist es so schön zu sehen, wie die Fahne steigt und offen über die Stange geht. Das ist immer ein tolles Bild.“

Die Fahnenschwinger freuen sich über weitere Mitstreiter, vor allem im Jugendbereich ab acht Jahren.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Wenzke

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Erstellt:
9. September 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 45sec

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