Rastatter Tele-Ärztin für kleine Patienten aus ganz Baden-Württemberg

Rastatt (hli) – Die Rastatter Kinderärztin Biljana Stojkovic ist für ihre Patienten vor Ort da. Und gleichzeitig für Menschen im ganzen Land per Videoformat. Das Projekt Docdirekt macht’s möglich.

Docdirekt kann Arztpraxen entlasten, aber keineswegs die Untersuchungen und den persönlichen Kontakt ersetzen. Foto: Mirjam Hliza

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Docdirekt kann Arztpraxen entlasten, aber keineswegs die Untersuchungen und den persönlichen Kontakt ersetzen. Foto: Mirjam Hliza

Die Patienten von Biljana Stojkovic sitzen nicht nur im Wartezimmer der Rastatter Kinder- und Jugendarztpraxis im Richard-Wagner-Ring. Sie warten vielmehr in ganz Baden-Württemberg auf ihren Termin bei der 54-jährigen Ärztin.

Stojkovic macht bei dem Angebot Docdirekt mit, das die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg im April 2018 ins Leben gerufen hat. Dort können sich Menschen aus dem gesamten Bundesland telefonisch oder per Videochat melden und werden an einen von rund 40 teilnehmenden Ärzten vermittelt.

Stojkovic ist von Anfang an bei Docdirekt dabei. „Ich habe auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung davon erfahren und mich gemeldet“, erzählt sie im BT-Interview. Zuerst wurde das Angebot nur in bestimmten Regionen Baden-Württembergs getestet, schnell jedoch auf das ganze Bundesland ausgeweitet. Die Modellphase endete im Frühjahr 2020, berichtet Swantje Middeldorff, stellvertretende Pressesprecherin der KV Baden-Württemberg. Mit dem Ergebnis: Docdirekt soll es weiterhin geben.

Das Angebot funktioniert folgendermaßen: Erreichen gesetzlich versicherte Patienten aus Baden-Württemberg ihren zuständigen Arzt nicht, so können sie sich von Montag bis Freitag, 9 bis 19 Uhr, bei Docdirekt melden. Eine geschulte medizinische Fachangestellte erfasst zuerst die Personalien und Symptome. Außerdem wird geklärt, wie dringend ein Arzt benötigt wird. Handelt es sich um keinen lebensbedrohlichen Notfall, übernimmt ein Tele-Arzt von Docdirekt.

Eltern oft verunsichert

Wird ein Kinder- und Jugendarzt benötigt, so erhalten Biljana Stojkovic und alle anderen bei Docdirekt teilnehmenden Kinderärzte in diesem Moment eine Push-Benachrichtigung, dass sich ein Patient gemeldet hat und welche Symptome dieser hat. Derjenige Arzt, der den Fall übernehmen kann, meldet sich zurück und gibt darüber hinaus eine Zeit zwischen 15 Minuten und einer Stunde an, wann er den Patienten anrufen wird. „Oft geht es einfach um die Dosierung von bestimmten Medikamenten, ab welcher Temperatur man Fiebersaft oder -zäpfchen geben soll oder banale Verletzungen wie Verbrennungen ersten Grades. Eltern wissen da oft nicht, wie sie handeln sollen“, sagt Stojkovic. Sie schätzt, dass sie rund 80 Prozent der Patienten, die sich über Docdirekt bei ihr gemeldet haben, per Telefon oder Videochat weiterhelfen konnte, ohne, dass diese dann noch zum örtlichen Kinderarzt mussten.

Kontaktaufnahme per Telefon, App oder Internet

„Natürlich ersetzt ein Angebot wie Docdirekt nie die Untersuchungen und den persönlichen Kontakt mit den Patienten. Diese sind unentbehrlich“, stellt die Rastatter Jugend- und Kinderärztin heraus. Dennoch habe sie beobachtet, dass junge Eltern heutzutage oft viel mehr Fragen hätten und Hilfe benötigten als früher. „Oft gibt es keine Oma in der Nähe, die mitguckt“, erläutert Stojkovic. Deshalb könne Docdirekt eine Entlastung für die Praxen sein. Vieles könne man nämlich unkompliziert am Telefon oder im Videochat klären.

Die Altersgruppe der Patienten, die sich bislang bei Docdirekt gemeldet haben, ist laut Middeldorff von der KV Baden-Württemberg übrigens gemischt. Melden kann man sich telefonisch, per App oder übers Internet. Den Tele-Arzt darf man sich allerdings nicht aussuchen, auch die Örtlichkeit spielt keine Rolle. „Hat man noch einmal eine Frage, dann kann es sein, dass man mit einem anderen Arzt verbunden wird“, erläutert Middeldorff.

Für die Behandlung erhält der Arzt dann einen Fallzuschlag, der über die Krankenkassen abgerechnet wird. Die Infrastruktur für Docdirekt wird indes über einen Strukturfonds bezahlt, den die Kassenärztlichen Vereinigungen mit den Krankenkassen bilden. Die genauen Kosten kann Kai Sonntag, Pressesprecher der KV Baden-Württemberg, nicht beziffern.

Derzeit 300 Patienten im Monat

Genaue Zahlen über die Nutzungshäufigkeit von Docdirekt kann die stellvertretende KV-Pressesprecherin Middeldorff nicht nennen. „Gegen Ende der Modellphase im April 2020 hatten rund 6.000 Nutzer die App heruntergeladen“, berichtet sie. Doch dann kam Corona und bremste das Projekt aus. Ein Grund: Telefonisch erreicht man Docdirekt über die Nummer 116117 – genau diese Nummer rufen aber seit Pandemiebeginn hauptsächlich Menschen an, um sich über das Virus zu informieren.

Die Rastatter Kinder- und Jugendärztin Biljana Stojkovic spricht von durchschnittlich 300 Patienten, die derzeit monatlich in Baden-Württemberg Docdirekt nutzen. Viel weniger als vor der Verbreitung des Coronavirus. Dennoch sieht Stojkovic die Digitalisierung des Gesundheitssystems als Zukunft. Wie schnell die Dinge umgesetzt werden könnten, sei natürlich abhängig von technischen Gegebenheiten und dem weiteren Verlauf der Pandemie. Geplant sei aber, ab Herbst eine elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen zu können. 2022 solle darüber hinaus das elektronische Rezept direkt als Barcode aufs Handy geschickt werden können.

Und noch ein Pilotprojekt würde Stojkovic im Zusammenhang mit Docdirekt gerne schnellstmöglich umsetzen: Die Ausweitung der Anrufzeiten. „Vielleicht sogar irgendwann auch nachts.“ Das könne die Belastung der Notdienste deutlich reduzieren. Ihr Fazit fällt dementsprechend positiv aus, wenn sie über Docdirekt spricht. „Die Idee ist gut.“

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Erstellt:
21. Februar 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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