Rastatter Weihnachtsmarkt: Ein tristes Ende

Rastatt (BNN) – Vermutlich am Donnerstag oder Freitag werden die Buden des Rastatter Weihnachtsmarkts abgebaut. Auch Gernsbach hat nun den Budenzauber in der Altstadt abgesagt.

Und dann auch noch Sauwetter: Über dem Weihnachtsmarkt in Rastatt liegt am Mittwochnachmittag eine trostlose Stimmung. Foto: Hans-Jürgen Collet

Und dann auch noch Sauwetter: Über dem Weihnachtsmarkt in Rastatt liegt am Mittwochnachmittag eine trostlose Stimmung. Foto: Hans-Jürgen Collet

Dem Sprecher der Schausteller ist am Mittwochmittag nicht nach Sprechen zumute. „Heute keine Interviews. Wir wissen auch nicht, wie es weitergeht“, sagt Hugo Levy an seiner Glühweinpyramide im Zentrum des Rastatter Weihnachtsmarkts. Nach der Ankündigung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), die Weihnachtsmärkte im Land schließen zu wollen, warten alle Beteiligten auf die konkreten Fakten. Die Stadtverwaltung rechnet damit, dass die Buden am Donnerstag oder Freitag abgebaut werden.

„Das haben wir noch nie erlebt“

Waltraud Puhl sehnt die Reißleine fast herbei. Die vergangenen sieben Tage waren hart. Nachdem am 24. November die 2G-plus-Regel in Kraft trat, brach das Geschäft an ihrem Pizzastand komplett ein. Und dann kam auch noch das Sauwetter oben drauf. „Wir sind alle total frustriert. Das haben wir noch nie erlebt“, sagt die Saarländerin, die seit vier Jahrzehnten zu den Beschickern in Rastatt zählt.

Fehlende Ansagen aus Stuttgart

Schräg gegenüber steht sich Katja Fetscher in ihrem Süßigkeitenstand die Beine in den Bauch. Wenn sie an die kommenden Monate denkt, wird ihr mulmig zumute: „Vor uns liegt die Winterpause. Im Januar, Februar und März haben wir keine Umsätze.“ Und ob es dann ein Frühjahrsgeschäft auf Jahrmärkten und Volksfesten geben werde, wisse niemand.

Auch der Blick auf die kommenden Tage zehrt an ihren Nerven. Dass sie am Mittwoch noch immer nicht weiß, wann sie ihre Waren endgültig einpacken muss, weil klare Ansagen aus Stuttgart auf sich warten lassen, stellt sie vor Probleme: „Ich kauf das Obst für die Schokofrüchte nur noch tellerweise, weil ich nicht planen kann. Ich würde mir wünschen, dass die Politiker einmal von einer Tagesgeldkasse leben müssen.“

Hoffen in Gaggenau

Während sie schon plant, ihre verderblichen Waren an Tafel und Seniorenheime zu spenden, hofft die Stadt Gaggenau, ihren Adventszauber trotz verschärfter Corona-Gangart fortsetzen zu können. Am Sandplatz bieten Kunsthandwerker und Privatpersonen Dekorationsartikel, Selbstgemachtes und Weihnachtgeschenkideen an. Glühwein gibt es keinen – und Börek, Pommes und Burger an vier Imbissständen nur zum Mitnehmen. Für dieses Konzept galten bislang keinerlei Zugangsbeschränkungen.

Durch die jüngste Entwicklung sieht sich die Stadt bestätigt: „Mit der frühzeitigen Entscheidung, auf einen Weihnachtsmarkt mit Bewirtung und Programm zu verzichten, lag die Stadtverwaltung im Nachhinein völlig richtig“, schreibt die Pressestelle. Die Verwaltung hoffe, dass dies auch nach der generellen Schließung von Weihnachtsmärkten weiterhin Bestand haben werde. Dafür gelte es, die genaueren Vorgaben der angekündigten Änderung der Corona-Verordnung abzuwarten und zu prüfen.

In Rastatt auch Kunsthandwerker betroffen

In Rastatt sind derweil nicht nur Essens- und Getränkestände vom Aus betroffen, sondern zum Beispiel auch Norbert Kleinlercher. Der Krippenbaumeister aus Bruchsal hält einen kompakten Markt trotzdem für das bessere Konzept als vereinzelte Buden in der Fußgängerzone. Aber auch für ihn war das Geschäft bescheiden, mit Ausnahme eines Lichtblicks: „Das vergangene Wochenende war nicht schlecht.“

„Wir sind nur ein Spielball“

Hugo Levy fällt es dagegen schwer, in diesen Tagen überhaupt etwas Positives zu finden. Schließlich kommt er doch noch ins Reden. Er lobt das Bemühen der Stadtverwaltung, die sich vom Gemeinderat einen Beschluss holen möchte, den Schaustellern die Standgebühren zu erlassen. Auf die nächsthöhere Politikstufe in Stuttgart ist er dagegen nicht gut zu sprechen: „Wir sind nur ein Spielball. Das ist ein ganz großes Politikversagen.“

Noch immer will es ihm nicht in den Kopf, warum die Landesregierung sich ausgerechnet an den Weihnachtsmärkten abarbeitet, die unter freiem Himmel ein viel geringeres Infektionsrisiko hätten als Veranstaltungen in geschlossenen Räumen: „Das geht gegen die Schausteller und vernichtet unsere Existenzgrundlage.“

Absage in Gernsbach

Im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen hatte die Stadt Gernsbach bislang an den Plänen für ihren Weihnachtsmarkt in der Altstadt festgehalten. Dieser hätte von Freitag, 10., bis Sonntag, 12. Dezember stattfinden sollen. Am Mittwoch verkündete die Stadtverwaltung aber das Aus. „Aufgrund der Ankündigung des Landes, kurzfristig alle Weihnachtsmärkte und alle öffentliche Freizeitveranstaltungen in Baden-Württemberg zu verbieten, werden wir auch dieses Jahr keinen Weihnachtsmarkt in Gernsbach ausrichten können“, sagt Bürgermeister Julian Christ. Für die Vereine, Gastronomen und Kunsthandwerker sei das ein weiterer Einnahmenverlust. Christ weiter: „Wir hoffen, dass im nächsten Jahr die Pandemie überwunden oder alternative Lösungen zur Durchführung von Veranstaltungen gefunden werden und vor allem, dass die Impfquote in Deutschland erheblich gesteigert werden kann.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Holger Siebnich

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Erstellt:
1. Dezember 2021, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 23sec

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