Rastatts älteste Apotheke: Wechsel und Kontinuität

Rastatt (dm) – Generationswechsel bei der Stadtapotheke: In der mit 224 Jahren ältesten Apotheke Rastatts wird weiter auf familiäre Kontinuität gesetzt.

Bekenntnis zum Standort in einer für die Apothekenlandschaft bewegenden Zeit: Sylvia Weimer-Hartmann und Stephan Hartmann.Foto: Martina Hartmann

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Bekenntnis zum Standort in einer für die Apothekenlandschaft bewegenden Zeit: Sylvia Weimer-Hartmann und Stephan Hartmann.Foto: Martina Hartmann

Sie existiert bereits seit 224 Jahren und ist damit die älteste noch bestehende Apotheke Rastatts: Die Stadtapotheke in der Kaiserstraße 7. Nun steht dort ein Wechsel an. Inhaberin Sylvia Weimer-Hartmann gibt den Betrieb, zu dem seit 2012 auch die Rossi-Apotheke gehört, zum 1. April an ihren Sohn Stephan Hartmann weiter. Damit übernimmt die vierte Familiengeneration. In Zeiten, in denen schon manch Apotheke für immer geschlossen hat, ist dies auch ein Bekenntnis, mit beiden Standorten präsent bleiben zu wollen.
Als die Stadtapotheke 1797 von Franz Ignaz Boll gegründet wurde, war sie erst die zweite in der Barockstadt (und doch versuchte der damalige Besitzer der schon 1716 privilegierten Hofapotheke, deren Eröffnung zu torpedieren). Heute zählt Rastatt rund ein Dutzend Apotheken, und es waren zwischenzeitlich auch mal mehr. Anker-, Post- und Bahnhofsapotheke haben sich zuletzt verabschiedet (und auch die Hofapotheke ist im Übrigen längst Geschichte).

Lohnt es sich für manche nicht mehr? Weimer-Hartmann stellt im BT-Gespräch steigenden bürokratischen Aufwand fest, immer mehr Vorgaben, Verrechnungsänderungen, niedrigere Gewinnspannen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Qualität und Lieferservice, politische Unwägbarkeiten, die Konkurrenz von Internetapotheken: „Das Arbeiten hat sich verändert“, sagt die 65-Jährige, die die „Stadtapotheke Eduard Braeuninger“ 1986 übernommen hat – zunächst als OHG mit Eduard Pieper, der wie auch Klaus Fehringer lange das „Gesicht“ der Apotheke war –, seit 2009 alleinverantwortlich. Ein Beispiel: Allein um Windeln, also Inkontinenzprodukte, verkaufen zu dürfen, benötige man Schulungs- und Qualifizierungsnachweis, Zertifizierung, einen separaten Krankenkassenvertrag.

„Glücksfall“ neben der Klinik

Stephan Hartmann kennt es nicht anders. Der approbierte und diplomierte Apotheker trat 2011 in die elterliche Apotheke ein, ein Jahr später übernahm er die Leitung der neu gegründeten Filiale Rossi-Apotheke. Jedoch: „Wir dürfen und wollen nicht jammern“, betonen beide.

Anders als die Übernahme der Post-Apotheke 2016 – rund zwei Jahre später schloss man sie –, habe sich die Rossi-Apotheke im Ärztehaus neben der Klinik als „Glücksfall“ erwiesen, so Weimer-Hartmann. Rund 30 Mitarbeiter sind heute an den beiden Standorten beschäftigt – zum Großteil halbtags –, 60 Stunden in der Woche haben sie geöffnet. „Jeder Tag ist anders“ – aber immer spannend und fordernd, sagt Stephan Hartmann; dabei könne man auf viel Stammkundschaft bauen.

Das war vermutlich auch in all den Monaten wichtig, als die Stadtapotheke wie andere Ladengeschäfte von der langen Kaiserstraßenbaustelle und damit Verlusten betroffen war. Dank eines entsprechenden Polsters habe man die Zeit überstehen können, so Weimer-Hartmann. Dann kam Corona und brachte weitere Herausforderungen: Entsprechenden Mehraufwand, Desinfektionsmittelherstellung, Medikamente-Auslieferung, Maskenthematik, anstrengende Erfahrungen. Gleichzeitig gingen beispielsweise kaum noch frei verkäufliche Erkältungsprodukte über die Theke, und durch Hygieneregeln und Abstand habe kaum mehr jemand die Grippe.

Auch der Blick nach vorne sieht Herausforderungen – und Chancen, wie Stephan Hartmann betont. Die Entwicklung der Innenstadt und des Klinikums, für das nun die Entscheidung für eine Ein-Standort-Lösung gefallen ist, Personalentwicklung (es werde immer schwerer, Fachkräfte zu gewinnen), Nachhaltigkeit oder die Einführung des E-Rezepts sind Themen, die die Apothekenlandschaft bewegen. Kontinuität sei ihm wichtig, aktive Kundenorientierung, hohe Lieferfähigkeit und Service, auch soziales Engagement, wie der 36-Jährige betont. Corina Betz, seit 2014 in der Stadtapotheke verantwortlich, bleibt deren Leiterin, Hartmann selbst bleibt in der Rossi-Apotheke, die damit Hauptfiliale des Unternehmens wird.

Sylvia Weimer-Hartmann steht weiter mit Rat zur Seite, wenn gewünscht. Ganz zieht sich die 65-Jährige im Übrigen nicht zurück. Ihr 1998 gegründetes Pharma-Unternehmen Biokanol mit 60 Mitarbeitern führt sie weiter. Die Firma mit Sitz in Rastatt sowie Lagerhalle und Kommissionierung in Ötigheim liefert ins In- und Ausland – und „ist gut durch die Corona-Krise gekommen“.


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