Raumgreifende Metamorphosen

Baden-Baden (kie) – Lounge-Atmosphäre im Festspielhaus: Vor dem Takeover-Festival am Wochenende verwandelt sich das Konzerthaus. Damit soll auch ein neues, jüngeres Publikum angesprochen werden.

Es wird gewerkelt und geplant: Das Festspielhaus verändert derzeit sein Gesicht – und will damit ein neues Publikum ansprechen. Foto: Franziska Kiedaisch

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Es wird gewerkelt und geplant: Das Festspielhaus verändert derzeit sein Gesicht – und will damit ein neues Publikum ansprechen. Foto: Franziska Kiedaisch

Das Geräusch von knisternden Plastikverpackungen erfüllt das Festspielhaus-Foyer an diesem Mittwochmorgen. Mitarbeiter des Hauses entpacken bunte Sessel und Couch-Elemente, Beistelltische und Sitzsäcke, die kurze Zeit vorher in Baden-Baden angeliefert wurden. Zeitgleich werkeln die Haustechniker an der Bespielung einer mehrere Meter hohen Leinwand, über die am kommenden Wochenende Videoinstallationen zu Technosound flimmern sollen. Das DJ-Pult in der ersten Etage steht bereits, doch noch gibt es einiges zu tun: Wenn am Freitag der Startschuss für das neue Festival „Takeover“ fällt, dann ist das auch eine Art Neuanfang für das Festspielhaus.

Öffnung nach außen und nach innen

„Takeover“ bedeutet zu deutsch „Übernahme“ – und darum soll es auch gehen. Mit Workshops und Konzerten, einer Techno-Party oder eben der Festival-Lounge sollen explizit junge Erwachsene angesprochen werden. So sollen sie erstmals ein Stück weit das Konzerthaus übernehmen.

Das Festspielhaus will sich also öffnen für ein neues Publikum, das nach Teilhabe fragt – und gleichzeitig damit auch verstärkt die Öffentlichkeit ansprechen. So können Interessierte ab Freitagnachmittag auch ohne Ticket die derzeit im Entstehen begriffene Festival-Lounge aufsuchen – laut Festspielhaussprecherin Julia Lonkwitz eine Premiere. Doch nicht nur das Foyer verwandelt sich: Auch das gastronomische Angebot wurde angepasst – beispielsweise gibt es während des Takeover-Festivals Cocktails und vegane Kost – und in Sachen Beleuchtung wird derzeit an der Disko-Atmosphäre gearbeitet.

Die Metamorphose ist raumgreifend – und Teil des Konzepts: Am kommenden Wochenende sollen die Besucher mit Workshops und anderen Optionen zur Mitwirkung aktiv am Programm beteiligt werden. „Die Erlebnisse im Festspielhaus sind ohnehin extrem intensiv und durch das aktive Mitmachen wird es noch intensiver erlebbar. Diesen Impuls benötigt es manchmal, um die Leistung von Künstlern besser wertzuschätzen zu können“, sagt Dany Weyer, Leiter der seit Ende 2020 bestehenden Partizipationsabteilung des Festspielhauses.

„Logische Konsequenz und dennoch spannend“

Auch in der Vergangenheit, insbesondere unter den Geschäftsführern Benedikt Stampa und Ursula Koners, habe sich das Festspielhaus bereits neuer Formen der Kulturvermittlung angenommen, wie etwa mit der Einführung der Digital Festival Hall. Auch das partizipative Moment sei bereits Teil des Festspielhaus-Konzepts, wie Weyer sagt: „Das Festival ist eine logische Konsequenz unserer Arbeit – und dennoch ist es spannend, wie es sich entwickeln wird“. Mit dem neuen Festival wolle man auch selbst Impulse setzen – etwa für andere Konzerthäuser, aber auch nach innen. Ohnehin seien alle Festspielhaus-Mitarbeiter in die Vorbereitungen involviert und dazu eingeladen gewesen, Ideen mitzuentwickeln.

Partizipation ist dabei zum Schlagwort für die Zukunft von Kulturbetrieben insgesamt geworden: Nur so, scheint es, ist ein Besucherschwund noch aufzuhalten. „Das ist ein Trend, den wir gern mitgehen, aber wir gehen noch weiter“, sagt Weyer deshalb – und fügt an: „Alle, die am Wochenende hier sind, können das Takeover-Festival 2023 mitgestalten“.

Ihre Ideen können die Besucher online einreichen, am Samstagabend werden die besten ausgezeichnet. Dabei besteht die Jury aus jungen, kulturaffinen Personen, mit denen das Festspielhaus laut Weyer seit rund einem Jahr in Kontakt steht – und die erst den Anfang einer weiteren Öffnung darstellen sollen. Unter dem Namen „Gleis 1“ soll ein unverbindlicher und dennoch impulsgebender Kultur-Club entstehen, der sich an Interessierte im Alter von 18 bis 35 Jahren richtet und dessen Mitglieder die Zukunft des Festspielhauses programmatisch mitgestalten sollen. „Sie werden damit sozusagen Teil des Teams. Das ist Partizipation pur“, freut sich Weyer.

Wer sich das Treiben im Festspielhaus ansehen möchte oder selbst mitwirken will, dem stehen noch einige Türen offen: Sowohl für den Workshop und das Konzert der Jazzrausch Bigband am Freitag als auch für die Tanzworkshops und Vorstellungen des Uppercut Dance Theaters am Samstag und Sonntag gibt es noch Tickets. Daneben sind für Samstag noch Karten für den Percussion-Workshop und das Konzert der SWR-Schlagzeuger, für den Puppenspielworkshop mit den Dundu-Großpuppen und die Party am Abend mit dem DJ Dominik Eulberg und VJ Julius Greger verfügbar. Die Workshops des niederländischen Ensembles Oorkaan entfallen wegen zu geringer Nachfrage, die Bühnenshow am Sonntag findet jedoch statt. Auch hier gibt es noch Rest-Karten. Eine Eröffnungsfeier findet freitags um 19.30 Uhr statt.


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