Raus aus der Sucht in ein erfülltes Leben

Rastatt (sawe) – Raus aus der Sucht in ein erfülltes Leben: Zwei ehemalige Alkoholabhängige berichten aus ihren Erfahrungen. Sie wollen anderen Betroffenen damit Mut machen, sich Hilfe zu holen.

Es war kein Spaziergang, aber es hat sich gelohnt: Charlotte Melcher und Norbert Weber (rechts), hier mit Fachstellenleiter Wolfgang Langer, genießen seit vielen Jahren ihr Leben ohne Alkohol. Foto: Sabine Wenzke

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Es war kein Spaziergang, aber es hat sich gelohnt: Charlotte Melcher und Norbert Weber (rechts), hier mit Fachstellenleiter Wolfgang Langer, genießen seit vielen Jahren ihr Leben ohne Alkohol. Foto: Sabine Wenzke

„Ich bin durch damit“, sagt Charlotte Melcher und lächelt zufrieden. Auch Norbert Weber sieht richtig glücklich aus. Obwohl die Geschichten, die die beiden erzählen, alles andere als fröhlich sind. Eher bewegend und traurig, denn sie künden von viel Leid. Die Alkoholsucht hatte beide fest im Griff, doch die 60-Jährige und der 72-Jährige haben sich daraus befreit, sind seit vielen Jahren trocken. Damit mündete ihr persönliches Drama nicht in ein Desaster, sondern geriet dank fachlicher Hilfe zum Happy End.
Das war kein Spaziergang, „aber es hat sich gelohnt“, will Charlotte Melcher allen Suchtkranken Mut machen, sich ihrem Problem zu stellen und dieses anzugehen. Der Anlass: Am Mittwoch fand der bundesweite Aktionstag der Suchtberatung unter dem Motto „Suchthilfe wirkt“ statt. Dabei stand die Arbeit der Suchtberatungsstellen im Mittelpunkt. Diese beraten, behandeln und begleiten, unterstützen und stabilisieren Abhängigkeitskranke in Krisen sowie in dauerhaft herausfordernden Lebenssituationen. „Damit bieten sie vor Ort eine unverzichtbare Hilfe für suchtgefährdete und abhängigkeitskranke Menschen und ihre Angehörigen“, hieß es zum Aktionstag.

Fachstelle bietet umfangreiches Angebot

Auch die Fachstelle Sucht Rastatt/Baden-Baden bietet das ganze Jahr über ein umfangreiches Angebot an, dort hatten sich auch Melcher und Weber einst Hilfe geholt. Beide gehen sehr offen mit ihrer Geschichte um, wollen anderen Betroffenen zeigen, dass es keinen Grund gibt, sich für eine Suchterkrankung zu schämen und dass es Wege aus der Abhängigkeit hin zu einem selbstbestimmten Leben ohne „Stoff“ gibt. „Sucht ist oft die Ursache für viele andere Probleme“, weiß Fachstellenleiter Wolfgang Langer. Und: „Es ist ein Unterschied, ob ein Thema mit fachlicher Unterstützung aufgearbeitet wird, oder man sich selbst mit viel Selbstbeherrschung gerade noch vom Trinken abhalten kann, um bei der nächsten Krise wieder rückfällig zu werden“, fügt Norbert Weber an.

„Habe es nicht ohne Alkohol ausgehalten“

Charlotte Melcher war etwa 25 Jahre abhängig, hatte viele Sorgen. „Nach der Scheidung hat es begonnen“, erinnert sie sich. Erst war es nur ein Gläschen Sekt, um den Kummer und die Probleme zu ertränken und die Stimmung zu heben, am Schluss waren es täglich zwei Flaschen und ein halber Liter Bier. Schon früh mit 17 war sie Mutter geworden und verdingte sich in den folgenden Jahrzehnten in verschiedenen Jobs. Dreimal war sie verheiratet, erlebte auch Gewalt in der Ehe, wie sie leise erzählt, und bekam einen Gehirntumor operiert, so die Kurzversion ihrer nicht gerade leichten Vita. Das Schlüsselerlebnis hatte sie, als ihr erwachsener Sohn beim Essen besorgt anmerkte, dass sie tagsüber schon wieder getrunken hatte. Einen Vormittag hielt sie nüchtern durch. Doch schon am Mittag war der Drang so stark, dass sie sich aufs Rad schwang und eine Flasche im Supermarkt kaufte. „Ich habe es nicht mehr ohne Alkohol ausgehalten.“ Da sei ihr erst einmal so richtig bewusst geworden: „Ich habe ein Problem damit. Ich brauche Hilfe.“

Ausbildung zum ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer

Es folgten Entgiftung, Langzeittherapie und die Nachsorge in der Fachstelle Sucht. Dort lernte sie ihren dritten Ehemann kennen, der leider inzwischen verstorben ist. „Das war eine gute Ehe“, er habe sie liebevoll und respektvoll behandelt, schwärmt Charlotte Melcher noch heute. Sein Tod war ein harter Schlag für sie. Die 60-Jährige, die seit 2005 trocken ist und seit 2014 auch nicht mehr raucht, „stopfte“ zwar in der Trauerzeit viel Schokolade in sich hinein, wie sie bekennt, alkoholrückfällig wurde sie aber nicht. „Ich habe mir dann die Zeit genommen, die ich brauchte, um den Verlust zu verarbeiten“, schildert sie ihr weiteres Vorgehen – und zog sich in eine psychosomatische Klinik zurück. „Ich habe ja in der Vergangenheit gelernt, dass ich mir Hilfe holen kann.“

Charlotte Melcher hat wie Norbert Weber eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer absolviert und viele Jahre eine Nachsorgegruppe in der Fachstelle Sucht geleitet. Sie sei sehr dankbar, dass sie ihre ganze Suchtproblematik aufarbeiten konnte und findet es wertvoll, ihre Erfahrung und ihr Wissen nun weitervermitteln zu können, erläutert sie den Grund für ihr Engagement. Noch heute leitet sie den Freundeskreis LOS (Leben ohne Suchtmittel) Murgtal in Kuppenheim, den sie zusammen mit ihrem dritten Mann 2009 gegründet hat.

30 Kilo in vier Jahren zugenommen

Arbeitsverlust, Eheprobleme; Scheidung, Schulden, Hausverkauf: Bei Norbert Weber lief vieles im Leben schief, im Gespräch zeigt er sich sehr selbstkritisch, was seinen Part dabei anbelangt. Damals griff er vornehmlich zu Cognac. „Ich habe zwei bis drei Gläser getrunken, das hat sich dann auf eine Flasche am Tag gesteigert“, blickt er auf eine schlimme Zeit zurück. Er habe bewusst Weinbrand gewählt, um eine schnelle Wirkung zu erzielen.

Und er nahm zu. Von 70 auf 100 Kilo in vier Jahren. Mit Bewegung hatte der Extremsportler nichts mehr am Hut. Zwei Jahre habe er sich gesagt, „morgen höre ich auf“. Er tat es nicht. Bis er plötzlich Blut spuckte. Er tauchte ab, zog sich eine Woche an einen See zurück – trank nur Cognac. Der totale Absturz. Es kam zum Zusammenbruch und in der Folge zu Entgiftung und Anschlusstherapie in einer Klinik. Zehn Jahre blieb er danach abstinent, dann warfen ihn Arbeitsverlust und eine gescheiterte Beziehung wieder aus der Bahn. Ein Jahr versuchte er, sich mit Hochprozentigem zu betäuben, den Frust runterzuspülen. Dann ging alles noch einmal von vorne los: Entgiftung, Klinik, das volle Programm. Aber Weber gab nicht auf und hat es geschafft: Seit 30 Jahren ist er bereits trocken, seit 2014 wieder glücklich verheiratet.

Vom Hartz-IV-Empfänger zum Geschäftsmann

Und er habe es vom Hartz-IV-Empfänger zum erfolgreichen Geschäftsmann gebracht, berichtet er nicht ohne Stolz. Das klingt wie im Märchen, ist aber Realität. Der gelernte Kaufmann, der auch zeitweise Hilfsarbeiten verrichtete, bekam über einen guten Bekannten die Chance, wieder beruflich Fuß zu fassen – und nutzte sie. 2009 gründete er schließlich seine eigene Buchhaltungsfirma, die er inzwischen an einen Kollegen verkauft hat. Dort ist er heute noch als Berater tätig, steht somit „noch voll im Berufsleben“, obwohl er seit sieben Jahren offiziell Rentner ist. Und: „Alkohol ist kein Thema mehr für mich“, bekräftigt der 72-Jährige, der in sich gefestigt und körperlich fit wirkt und gerne Wanderungen oder Radtouren unternimmt. „Heute bin ich nicht mehr der Mensch, der ich früher war“, konstatiert Weber gelassen und sichtlich zufrieden voller Lebensfreude. Der Rentner im Unruhestand ist auch zusammen mit einer Fachkraft in einer Nachsorgegruppe in der Fachstelle Sucht tätig und begleitet zuweilen Fachstellenleiter Langer bei Präventionsveranstaltungen in Schulen und Betrieben, um sein Wissen als Betroffener weiterzugeben.

Die Fachstelle Sucht, für die in den nächsten Monaten ein Förderverein gegründet werden soll, bietet Hilfe bei Alkohol,- Medikamenten,- Tabak- und Drogenabhängigkeit, Essstörungen, Spielsucht und Mediensucht. In Rastatt befindet sie sich in der Kaiserstraße 20. Kontakt:Telefon: (0 72 22) 4 05 87 90, E-Mail: fs-rastatt@bw-lv.de, www.bw-lv.de. Die Beratung ist kostenlos, die Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht.

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Erstellt:
11. November 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 33sec

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