Raynaud rettet den „Ring“

Baden-Baden (ist) – Sophie Raynaud hat Loriots Kurz-Version des „Ring des Nibelungen“ im Festspielhaus gerettet, nachdem Staatskapelle Weimar ausgefallen war. Mit von der Partie: Jan Josef Liefers,

Spaß mit Wagner: Jan Josef Liefers (rechts im Sessel sitzend) ist als Sprecher wie geboren für Loriots „Ring an einem Abend“. Foto: Andrea Kremper

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Spaß mit Wagner: Jan Josef Liefers (rechts im Sessel sitzend) ist als Sprecher wie geboren für Loriots „Ring an einem Abend“. Foto: Andrea Kremper

Musik steckt in diesem Abend schon lange, bevor der erste Ton erklingt. Und Loriot lässt auch grüßen. Bereits vor rund zwei Jahren freuen sich Festspielhaus-Gäste auf das Vergnügen, Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in der gewitzten Kurz-Version erleben zu dürfen. Nun der Satz, den wir auswendig kennen: Dann kam Corona.

„Der Ring an einem Abend“ mit Jan Josef Liefers, elf Solisten und der Staatskapelle Weimar wurde verschoben. Zudem schwitzt das Festspielhaus Baden-Baden seit Monaten über dem Ziel, den je nach Verordnung gerade geltenden Zahlen erlaubter Besucher gerecht zu werden. Weil bis vor einer Woche nur 500 erlaubt waren, widmete das Festspielhaus den Abend zum Freundeskreis-Konzert und lud alle anderen aus. Dank der seit Freitag geltenden neuen Verordnung konnte das Haus nun doch 1.000 Personen empfangen. Intendant Benedikt Stampa und Wolfgang Schäuble, der jetzt für weitere zwei Jahre als Vorsitzender des Freundeskreises bestätigt wurde, eröffnen den Abend persönlich.

Wen sie leider nicht begrüßen konnten, war die Staatskapelle Weimar. Sie musste auf halber Strecke umkehren, weil Omikron im Orchester kursiert. Glück im Unglück: Sophie Raynaud rettete den Ring und zementierte damit ganz nebenbei ihren Ruf als eine der beachtlichsten Pianistinnen.

In sinnvolle Häppchen aus Text und Musikbeispielen hat Loriot die rund 15 Stunden, die Wagners „Ring“-Tetralogie dauert, reduziert. Übrig sind drei vergnügliche Stunden, die 1992 in Mannheim mit Loriot als Sprecher uraufgeführt wurden und die Jan Josef Liefers auch sehr gut stehen. Zumal zu diesem Anlass auch der Duktus seiner bekannten Rolle als Gerichtsmediziner Börne aus dem Münster-„Tatort“ passt.

Die Musik rauscht und die Gemüter lachen

Die Musik rauscht auch ohne Orchester unter der Leitung von Heiko Mathias Förster. Thomas Mohr ist ein glühender Siegmund und ein stählerner Siegfried, Björn Waag beachtlich als Alberich und Gunther. Der hoch gewachsene Zelotes Edmund Toliver ist auch stimmlich ein wahrer Riese als Hagen, Cornel Frey herrlich gewitzt als Loge und Mime. Eine Wucht auch alle Frauen: Selten erlebt man eine derart glutvolle Brünnhilde wie Miina-Liisa Värelä, Brit-Tone Müllertz begeistert als Sieglinde und Gutrune, Edna Prochnik ist stilecht dramatisch als Fricka und Waltraute und Catalina Bertucci, Davia Bouley und Christina Sidak verursachen auch ohne das ganz große Geschirr mit Orchester und Bühnenbild als Rheintöchter eine Gänsehaut.

„Dann beginnt der Albtraum jeder Bühnentechnik“, rezitiert Jan Josef Liefers – und hat ein bisschen recht. Er ist gerade bei der Szene, für die Wagner Wotan die Worte „lichte Flackerlohe bricht aus“ in den Mund legt. Rings um den Felsen, auf dem Brünnhilde schläft, soll Loge ein riesiges Feuer entfachen. Kurz zuvor spielen die Lichter im Festspielhaus verrückt. Dennoch wird aus dieser Veranstaltung ein gelungener Abend. Und das ist vor allem einer zu verdanken: Sophie Raynaud.

Schon für ein Orchester ist der „Ring“ kein Klacks. All die Klangfarben, dynamische Wallungen, erregte Tremoli, harmonische Räusche und rasante Tonfolgen jedoch nur über 88 Tasten zur Glut und Leidenschaft zu führen, das scheint schier unmöglich. Hier kommt die Kunst einer guten Korrepetitorin zum Tragen. Sie muss blitzschnell reagieren über Klavierauszügen, die sie mitnichten täglich übt, sondern meist spontan vom Blatt spielt.

Wer das drauf hat, ist schon viel Gold wert. Wer aber wie jetzt Sophie Raynaud am Vormittag in München angerufen wird, ob sie wohl am späten Nachmittag mit warmen Fingern und Wagner im Blut in Baden-Baden sein könne, und sich umgehend auf den Weg macht, hat überdies Nerven wie Stahl. Kein noch so gut einstudiertes Klavierkonzert verlangt so viel Konzentration und Reaktionsbereitschaft wie das, was Raynaud an diesem Abend leistet. Sie stemmt nicht nur die Meisterleistung, über drei Stunden elf gestandene Opernstimmen feinfühlig zu begleiten und ein ganzes Orchester zu ersetzen. Ihr Spiel berührt immens und beglückt 1.000 anspruchsvolle Besucher. Das hat mehr Applaus verdient als jede Weltklasse-Diva. Wer vor Beginn enttäuscht war, dass das Orchester ausfällt, kann es jetzt mit Loriot sagen: „Ein Klavier... ein Klavier!“

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Isabel Steppeler

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Erstellt:
31. Januar 2022, 22:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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