Rea Garvey möchte Teil der Bewegung sein

Baden-Baden (km) – Rea Garvey nennt sein Album „Hy Brasil“ nach seinem Sehnsuchtsort aus Kindheitstagen. Den Song „The One“ hat er für seine Tochter geschrieben, sagt er Kathrin Maurer im Interview.

„Vielleicht macht es nicht am meisten Sinn, jetzt ein Album rauszubringen, aber es wichtiger als je zuvor“: Rea Garvey fühlt während der Pandemie eine Verantwortung als Künstler, zu unterhalten. Foto: Olaf Heine/Universal Music

„Vielleicht macht es nicht am meisten Sinn, jetzt ein Album rauszubringen, aber es wichtiger als je zuvor“: Rea Garvey fühlt während der Pandemie eine Verantwortung als Künstler, zu unterhalten. Foto: Olaf Heine/Universal Music

Eine Insel, die einer irischen Sage nach nur alle sieben Jahre für einen einzigen Tag aus dem Atlantik auftaucht, war nicht nur Sehnsuchtsort für irische Heldenfiguren, sondern auch für Rea Garvey in Kindheitstagen. Der Weg zu seinem aktuellen Album war anfänglich holprig – das Endprodukt für den Künstler umso heiliger – so nannte er das Werk „Hy Brasil“ nach der mythischen Insel. Im Interview mit BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich der Musiker über das Warten auf den Kuss der Muse, weinende Männer, seinen Song für seine Teenager-Tochter über die erste große Liebe und die Weihnachtstage im Hause Garvey unterhalten.

BT: Rea Garvey, Ihr aktuelles Album trägt den Titel „Hy Brasil“ nach einer mythischen Insel westlich von Irland. Welche Verbindung hat dieser Ort zu Ihrer Musik?

Rea Garvey: Ich habe davon gehört, als ich ein Kind war. Es war ein Fantasieort, an dem ich immer sein wollte. Unsere ganzen Helden sind dorthin geflohen, um für immer jung zu bleiben. Bei diesem Album war meine Beziehung zur Musik etwas distanziert. Ich hatte das Gefühl, nicht wirklich in der Lage zu sein, zu schreiben. Bei meinem letzten Album „Neon“ war ich gefühlt nur unterwegs und wie ein Zahnrad in einer großen Maschine. Ich habe eine Weile gebraucht, um wieder zu machen, was ich liebe – nicht weil ich muss. Ich wusste, dass dieser Punkt kommen würde, genauso, wie ich weiß, dass es diese Insel gibt. Als ich das Album dann in der Hand hielt, war der Titel klar – es war ein Gefühl, angekommen zu sein, an meinem eigenen musikalischen Hy Brasil.

BT: Haben Sie stets das Vertrauen, dass die Muse Sie irgendwann küsst?

Garvey: Ich mache das schon eine Weile und liebe es, aber man muss immer wieder eine neue Liebe für die Musik entdecken, sonst wiederholt man sich – dann mache ich lieber etwas anderes. Ich bin schon jemand, der getrieben ist von dieser Energie, verschiedene Dinge zu machen – auch Projekte wie „The Voice of Germany“. Ich habe schon im Schlachthof gearbeitet, im Hotel, in der Kneipe, im Telefoncenter – ich weiß, wie es ist, aufstehen zu müssen, um zur Arbeit zu gehen. Ich hatte immer das Vertrauen – das ist wichtig. Jemand hat mir mal gesagt, man braucht Visionen dafür, wo man ankommen will, dann ist der Weg leichter. Ich wusste, dass ich da stehen würde mit einem Album, und, dass es das Beste sein würde. Die Frage ist nur immer, wie lange der Weg dahin dauert.

Liebesgeschichten von Teenagern

BT: Obwohl „Hy Brasil“ mitten in der Pandemie erschienen ist, ist es kein Corona-Album – die Songs sind 2019 entstanden. Warum haben Sie sich entschlossen, es zu diesem Zeitpunkt zu veröffentlichen?

Garvey: Ich wollte nicht, dass das Album ein Opfer dieser Zeit wird, es ist größtenteils 2019 geschrieben. Die Motivation, es fertig zu produzieren, war anfangs überhaupt nicht da. Dann haben meine Frau Josephine und ich angefangen, online „The Yellow Jacket“-Sessions live auf Instagram zu starten. Plötzlich waren 10 000 Leute im Feed: Das zeigte mir, es gibt grade viele Menschen, die Ablenkung, Musik und Entertainment brauchen. Bisher haben wir 26 Shows gemacht, nach der Weihnachtspause geht es weiter. Es war auch für mich eine Ablenkung, es hat gemeinsam mit meiner Frau extrem viel Spaß gemacht und mich motiviert. Vielleicht macht es nicht am meisten Sinn, jetzt ein Album rauszubringen, aber es wichtiger als je zuvor. Ich habe eine gewisse Verantwortung gefühlt. Als Musiker kann ich mich nicht in einer Hülle verstecken und warten, bis alles wieder gut ist. Eigentlich muss ich ein Teil der Bewegung sein, die versucht, es leichter zu machen.

BT: Aus den Online-Sessions hat es eine Coverversion von Billie Eilishs „Ocean Eyes“ bis auf das Album geschafft. Was bedeutet Ihnen dieser Song?

Garvey: Ich finde Billie Eilish erst mal extrem cool. Durch meine Tochter habe ich sie entdeckt, wir haben sie live gesehen in einem kleinen Club, zu Beginn ihrer Karriere. Die ganzen Mädels haben geschrien, es war klar, hier ist eine Bewegung. Vergleicht man Eilish mit ihren 15 Jahren mit Ariana Grande, bei der alles perfekt sein muss, – und das ist jetzt keine Kritik an ihr – dann wirkt auf mich diese perfekt polierte Präsentation einfach unecht. Das Gesamtbild hat mich sehr gepackt. In ihren jungen Jahren hat sie Lieder geschrieben, die pure Emotionen sind.

Die wahren Liebesgeschichten können nur Teenager schreiben, denn sie gehen das erste Mal dadurch. Eine erste Trennung ist das schlimmste, was man durchmachen kann. Ich komme aus einer Familie mit sieben Mädels – bei uns war oft die Hölle los.

„Mein Vater umarmt jetzt jeden“

BT: Als eine kleine Schweizer Version von Billie Eilish könnte man Paula Dalla Corte bezeichnen, mit der Sie zusammen mit Samu Haber als Coaches die Staffel von „The Voice of Germany“ gewonnen haben. Wie geht Ihre Reise weiter?

Garvey: Paula ist einfach eine extrem coole, talentierte und begnadete Sängerin, die ganz am Anfang ihrer Karriere steht. Was nun passiert, entscheidet sie. Ich reiche ihr die Hand, um zu helfen, wo ich kann. Beim Songwriting habe ich jedenfalls gemerkt, dass sie Talent hat. Wir sind natürlich noch in Kontakt, aber das ist schon eine Maschine, die weiterrollt: Wir Coaches steigen aus und Paulas Räder rollen weiter. Die Welt bewegt sich gerade sehr langsam, und sie soll jetzt erst mal ihre Akkus aufladen.

BT: Beim Hören des Songs „The One“ hat man direkt vor Augen, wie Sie mit Ihrer 15-jährigen Tochter über die erste Liebe sprechen und welchen Traumprinzen Sie ihr wünschen ...

Garvey: Das trifft es voll auf den Punkt! Wir sind sehr eng miteinander, und ich habe das Lied nach einem Gespräch für Sie geschrieben. Klar versuche ich, ihr Privatleben zu schützen, aber wenn sie mich so inspiriert, dann darf ich das nicht verheimlichen. Als Vater wünscht man sich auf jeden Fall das Beste, und versucht, die Angst davor zu nehmen, dass die erste große Liebe nicht die einzige ist. Es gibt viele tolle Typen, die ehrlich sind, und der Richtige wird sich schon zeigen! Es ist ein Teil des Lebens, und wenn es schwer ist, wird es irgendwann leichter werden.

BT: Wer Sie aus dem TV kennt, hat Sie schon das ein oder ander Mal ein Tränchen verdrücken sehen. Ihr Song „Men don‘t cry“ thematisiert ein anderes Männerbild ...

Garvey: „Men don’t cry“ ist ironisch gemeint und ein Song über meinen Vater und mich. Wo wir herkommen, sind weinende Männer nicht so gerne gesehen – das war in der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, nicht männlich. Natürlich weinen Männer, aber sie wollen es nicht zeigen, und das ist die eigentliche Schwäche.

Mein Vater konnte es nicht. Er hat früh seinen Vater verloren, war selbst Vater von acht Kindern und Polizist – er hatte einen gewissen Panzer um sich. Als seine Schwester starb, habe ich ihm gesagt, er muss es rauslassen – und wir haben daran gearbeitet. Immer wenn wir zum Bahnhof gefahren sind, haben wir besprochen, uns auf dem Bahnsteig zu umarmen. Wir mussten es beide lernen. Wenn ich ehrlich bin, mag ich weinen nicht so gerne, aber es ist wichtig, es zu können. Wenn mich jemand trifft, mit seiner Musik, dann kann ich das nicht verbergen. Wenn mein Vater jetzt nach Deutschland kommt, umarmt er jeden (lacht).

Song „Just a Minute“ als Handbremse

BT: Wie hat sich das denn angefühlt, mit sieben Schwestern aufzuwachsen?

Garvey: Das war nicht immer leicht. Ich konnte es nicht erwarten, auszuziehen und meinen eigenen Weg zu gehen. Aber wir sind eine Bande, sind oft umgezogen, waren immer füreinander da und sind es noch. Aber als einziger Junge im Haus, puuh, das war auch schwer. Aber eine Frau wahrzunehmen ist für mich kein Aufwand – überhaupt einen Menschen wahrzunehmen in seiner Individualität.

BT: „Just a Minute“ dreht sich darum, sich einfach mal fallen zu lassen und den Moment zu genießen, ohne an Morgen zu denken. Perfekt für die Weihnachtszeit ...

Garvey: Das war ein Lied für mich selbst, ich steckte 2019 in einer solchen Achterbahn, mein Leben hatte ein krasses Tempo aufgenommen. Für mich war „Just a Minute“ eine Handbremse. Es ist mein Lieblingslied auf der Platte – mach mal entspannt und genieße – es ist okay, nur im Moment zu sein und es zu lieben!

BT: Wie werden Sie den heutigen Heiligabend und die Feiertage verbringen?

Garvey: Ich bin auf dem Land in Hessen. Dort wird der Kamin angeschmissen, durch die Beschränkungen sind wir alleine zu Hause. Und egal wie viel Zeit man dieses Jahr schon zu Hause verbracht hat, Weihnachten ist besonders. Ich freue mich dermaßen. Wir werden extrem viel essen, das ist ganz wichtig – irisches Weihnachtsessen, meine Frau macht rumänisches Weihnachtsessen, wir werden viel lachen, spielen, irgendwann von der Couch zum Bett rollen und das gleiche die nächsten zwei Tage – also perfekt!

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Erstellt:
25. Dezember 2020, 09:30 Uhr
Aktualisiert:
25. Dezember 2020, 08:16 Uhr
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