Regiomore in Bühl nimmt Fahrt auf

Bühl (fvo) – Digitalisierung ist spannend, vor allem, wenn sie konkret wird. Konkret wird es auch mit Regiomore, dem digitalen Bühler Innovationsprojekt mit Leuchtturmstatus.

Kernkompetenz in Sachen Regiomore: Die Referenten der Kick-off-Veranstaltung. Foto: Franz Vollmer

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Kernkompetenz in Sachen Regiomore: Die Referenten der Kick-off-Veranstaltung. Foto: Franz Vollmer

Es steht, wie Moderator Frank Martin Hein formulierte, aktuell „an der Schnittstelle zwischen Projektierung und Projektumsetzung“. In einem Kick-off am Dienstag am künftigen Standort in der Siemensstraße gaben Referenten des Kernteams einen Überblick über den Stand der Dinge, zeigten aber auch konkrete Anwendungsoptionen auf.

Man denke an den Kassierer einer Judoabteilung bei der Trainerabrechnung, an lästige Excel-Bestandserfassungen, Lieferdatenbanken oder das Reporting bei Einkauf und Vertrieb, mit dem sich Mitarbeiter herumplagen. In der Regel fehlerhafte und zeitaufwendige Prozesse, die mit dem Automatisierungslabor von Andreas Kimmig und Simon Kreuzwieser (KIT), Gründer des Start-ups Agitum passé sind. Mit Blick auf die 30 Tage, die Mitarbeiter jährlich für stupide manuelle Tätigkeiten verschwenden, ein lohnendes Feld. „Der Roboter importiert Daten, sucht bei Google aktuelle Kurse, schreibt sogar Mails und löst Überweisungen aus“, berichtet Kreuzwieser. Und das in einem Bruchteil der üblichen Zeit und obendrein fehlerfrei. Ein erheblicher Mehrwert, der Zeit für kreative Aufgaben und Entlastung bringe.

OB Schnurr: Attraktiv für Großbetrieb und Weinbauer

Robotic Process Automation ist nur ein Beispiel für das Potenzial von Regiomore in der einstigen Montagehalle des Möbelherstellerstellers USM. Dabei geht es, wie Projektleiterin Jivka Ovtcharova, Professorin am KIT, ausführte, um die „Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen, die datengesteuert ganz gezielt auf Innovation abzielen“, wohlgemerkt radikale Innovation sowie Vernetzung zugehöriger Ökosysteme. Wichtiger Bestandteil ist der „Campus“, eine Plattform für digitale Weiterbildung und Kompetenztraining. In der „Sandbox“ (Labore) werden neueste Technologien spielerisch getestet und praxisgerecht umgesetzt. Hinzukommen Co-working-Arbeitsplätze mit dem Ziel kurzer Wege, gegenseitiger Ideenbefruchtung und professioneller Dienstleistung. Aktuell sind rund 50 Unternehmen und Organisationen willens, sich zu beteiligen. Nicht nur für OB Hubert Schnurr eine „einzigartige Initiative, mit der Digitalisierung in die Fläche gebracht“ wird, attraktiv, ob für Großbetrieb oder Weinbauer. Konkret geht es um Lösungen rund um E-Mobilität, Industrie 4.0 (Sensorik) sowie Plattformen fürs Internet der Dinge und Wissenstransfer.

Dass dabei aber nicht nur regionale Verankerung, sondern auch globale Implikationen zu beachten sind, unterstrich der Input von Thomas Sykora, Geschäftsführer von IT-Dienstleister Sabo. Mit Blick auf die 42 Jahre der durchschnittlichen Existenzdauer eines Betriebs, riet er zu kraftvoller Innovation. Als treibende Faktoren nannte er „ausgebildete motivierte Menschen“, die Vernetzung der Teilnehmer und eine „Kultur der Tatkraft“. Innovation beruhe auf der Bereitschaft zur Änderung von Gewohnheiten und auf Anpassungsfähigkeit. Das inkludiere den Mut zum Risiko jenseits deutscher Prüfungswut, um nicht wie bei Supercomputern, Wachstumszahlen oder Telekommunikation von China und Indien abgehängt zu werden und Fachkräfte in der Region zu halten. Er hofft, dass Bühl künftig nicht nur als Zwetschgenhochburg punkte.

Bürger beim Prozess mitnehmen

Laut Martin Schmucker (PFI Baden-Baden) wurde mit der 2018 geborenen Idee zwar noch kein Geld verdient, doch spätestens nach Zusage der Stadt 2020 stehen die Ampeln auf Grün. Die Ausschreibung selbst läuft bis 2027. Bis September wolle man gründungstechnisch in die Gänge kommen. Als Gesellschaftsform sei die Genossenschaft „sinnvollste Variante“. Vorteil: niederschwellige Integration von Neumitgliedern sowie ein hohes Mitbestimmungsgefühl.

Wobei das Konzept laut Hein im Idealfall nicht zur Blase verkommt, sondern diverse Wissensgebiete, Altersgruppen und Positionen in sich vereint. Ziel ist nicht zuletzt, Schüler etwa über Maker Spaces zu begeistern, aber auch Marketingeffekte zu generieren sowie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu stärken. Eine millionenschwere Förderung kommt vom Land und dem Europäischen Fördertopf für regionale Entwicklung (EFRE).

Auch für die Technologie-Region Karlsruhe, neben der Stadt als Projektträger und dem KIT federführend, ist das Ganze „ein Erfolgsprojekt“, wie Geschäftsführer Jochen Ehlgötz versichert. Man sei froh, „quasi den Geburtshelfer spielen“ zu dürfen. Das Projekt ist Teil des RegionWIN-2030-Wettbewerbs. Die Prämierung dort sei der „erste positive Schritt“ gewesen. Jetzt geht es darum, „die Bürger beim Prozess mitzunehmen“, wie Corinna Bergmaier, Leiterin Fachbereich Wirtschaft und Strukturförderung, betont, etwa durch Events, Workshops oder Ideenwerkstätten wie Mitte August geplant. Fehlt nur noch die verbindliche Firmenzusage, der Eintrag als Rechtsform, die Einrichtung der Labore und die Abgabe des Antrags Ende Oktober.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
21. Juli 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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