Reiz der Liebe ist das Unvorhergesehene

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um Liebe und Unglück.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Liebe hat immer den Geschmack des Unglücks, denn ist sie erfüllt, so schwindet ihr Zauber dahin. Ist sie nicht erfüllt, so rinnt die durch sie ausgelöste Leidenschaft in melancholische Schwermut, um sich von dort aus in den Strom der Aussichtslosigkeit zu ergießen. Dieser Strom kann nur dadurch umgeleitet werden, dass ein neues Objekt des Begehrens auftaucht oder das alte mehr und mehr verblasst.

Der Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ (1985) von Gabriel Garcia Marquez (1927-2014) scheint diesem Satz zu widersprechen, denn Zeit ist hier kein Allheilmittel, im Gegenteil. Zeit ist ein Verbündeter. Der Held des Romans wird erreichen, was er sich seit frühester Jugend ersehnte – mit seiner Jugendliebe, Fermina Daza, zusammen zu sein. Doch dazwischen liegen Jahre des Hoffens und Bangens, ehe sich seine von Kindheitstagen an Auserwählte sich mit ihm im hohen Alter von 80 Jahren auf eine Reise begibt, die weder vorhersehbar ist, noch zu enden scheint. Die Jahre bis dahin wurden mit Nuancen einer Grammatik der Liebe ausgefüllt, die in neuen Kombinationen doch dieselbe eindimensionale Botschaft offenbart: Zusammensein. „Denn sie hatten genug zusammen erlebt, um zu erkennen, dass die Liebe zu jeder Zeit und an jedem Ort Liebe war, jedoch mit der Nähe zum Tod an Dichte gewann.“ Und es war diese Erkenntnis, die sie auf einem Dampfer auf dem Magdalenenstrom hin- und herfahren ließ, nur sie beide und den Kapitän. Auf seine Frage, wie lange diese Fahrt wohl dauern würde, heißt es: „Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahren, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet: Das ganze Leben, sagte er.“

Erfüllung kann auch Scheitern heißen

Schwer vorstellbar wäre für beide eine Partnerschaft des Abstandes, die sich dadurch dekliniert, dass sie sich in Distanz und Nicht-Erfüllung übt. Was bliebe von ihr, außer ein Unbehagen? Und doch kann Erfüllung Scheitern heißen. Beklagt nicht Swann in Marcel Prousts Werk „Eine Liebe von Swann“ (1913) am Ende, nachdem er alle Phasen des Begehrens über Eifersucht, Gewissheit bis hin zu Zweifel, Erfüllung und Enttäuschung durchmachte, dass er etwas erreichte, was er eigentlich nicht wollte: „Wenn ich denke, dass mir Jahre meines Lebens verdorben habe, dass ich sterben wollte, dass ich meine größte Leidenschaft erlebt habe, alles wegen einer Frau, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!“ Diese Sätze klingen hart, zeigen aber die Freiheit der Wahl und die Manipulation durch die Wahl. Swann, ihm war Odette de Crécy zu Beginn vollkommen gleichgültig, webt sich in ein Bild von ihr ein, dem er nachjagt und dem er unterliegt, um später zu erkennen, dass sie „nur“ ein ihm eigenes Bild war.

Immer vorhanden, offen für alles und jeden

In einer Welt zu leben, die Liebe gleichermaßen tabuisiert wie erhöht, inflationär mit ihr umgeht, um sie im gleichen Atemzug abzuwerten, wird ihr, ebenso wie Swann, nicht gerecht. Man vermag in ihr nicht mehr jene Reinheit und Besonderheit zu erkennen, die dem Wort Jahrtausende eingeschrieben ist. Als Zeugnis gehört Liebe in das Reich der platonischen Ideen, doch die Realität durchzieht sie mit einem Grauschleier der Vernunft und der Logik. Doch Sätze wie: „Liebe ist unvernünftig“, „wo die Liebe hinfällt“ oder „es ist halt Liebe“ zeigen, dass sie weder steuerbar, planbar noch vorhersehbar ist. Ich kann in sie noch so viel „investieren“ und werde am Ende doch alles verlieren. Oder umgekehrt: sie fällt mir unverdient zu, zufällig und ohne Grund. Bleiben als Trost die Erfahrung und die Lehre des Nicht-Planbaren in einer Welt, die doch so gerne vernünftig, rational und vorhersehbar wäre? Die Welt, so scheint es, gilt es zu gestalten – mit und ohne Plan. Eine Absicht aber nimmt ihr den Reiz des Unvorhergesehenen eben das Versprechen der Liebe, die liebt, wen und was sie will. Und doch ist sie immer vorhanden, offen für alles und jeden.

Literaturempfehlung: Marcel Proust: Eine Liebe von Swann. Berlin 2016.

Gabriel Garcia Marquez: Die Liebe in den Zeiten der Cholera. München 1991.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über jugendlichen Idealismus und den rauen Wind des Älterwerdens.

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Erstellt:
20. Dezember 2020, 12:00 Uhr
Lesedauer:
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